Erdwärme
24.05.2018

Tiefengeothermie: Hohe Risiken blockieren Bohrungen

Foto: Creative Commons/Ben Benzin
Tiefengeothermie-Bohrung im hessischen Trebur.

Die Erdwärmenutzung durch oberflächennahe Bohrungen nimmt zu, aber die potenzialreiche Tiefengeothermie stagniert. Nun fordert die Branche Anschubhilfe vom Staat.

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Die einen schwören auf das Potenzial einer unerschöpflichen Energiequelle, die anderen warnen vor selbstgemachten Erdbeben, giftigen Gasen und Radioaktivität. So umstritten die Wärmenutzung aus tiefen Erdbohrungen ist, so bescheiden ist ihre Wirklichkeit: Laut Bundesverband Geothermie sind in Deutschland gerade mal 36 Kraftwerke dieser sogenannten Tiefen Geothermie in Betrieb. Deren elektrische Leistung von 35 Megawatt (MW) entspricht zwölf modernen Windenergieanlagen. Die Wärmeleistung von 315 MW sieht etwas beeindruckender aus, sie entspricht immerhin grob der Leistung drei moderner Gaskraftwerke. Obwohl Pläne für rund 30 weitere Anlagen existieren, sind derzeit gerade einmal zwei im Bau. Eine im bayerischen Holzkirchen, die andere in München.

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Ganz anders sieht es bei der oberflächennahen Geothermie aus, die Erdwärme zur Klimatisierung von Wohn- und Geschäftsräumen, Fabriken und Treibhäusern einsetzt. Der Absatz von Wärmepumpen steigt seit einem Tiefpunkt im Jahr 2015 wieder kontinuierlich und hat mit 23.000 Einheiten im Jahr 2017 fast wieder den Rekordwert des Jahres 2011 erreicht. 36 Tiefengeothermiekraftwerken, deren Bohrungen teilweise mehr als 4000 Meter in die Erde reichen, stehen 370.000 Erdwärmeanlagen gegenüber, die ihre Energie aus maximal 400 Meter Tiefe beziehen. Die Wärmeleistung  von 4300 MW ersetzt mindestens 43 Gaskraftwerke.

Risse in 270 Gebäuden

Das Wachstum der oberflächennahen Geothermie ließe sich sogar noch deutlich beschleunigen, wenn der Strom für die Wärmepumpen von der EEG-Umlage befreit würde. Nach Berechnung des Geothermieverbandes beträgt der Anteil von Steuern und Abgaben beim Preis für Strom für die Wärmepumpen bis zu 70 Prozent. Verbandspräsident Erwin Knapek, der sich in seiner Zeit als Bürgermeister von Unterhaching für den Bau eines Geothermieheizkraftwerkes einsetzte, fordert deshalb die Herstellung eines „fairen Wettbewerbs gegenüber Öl und Gas“.

Anders als die Tiefengeothermie ist die oberflächennahe Erdwärmegewinnung weitgehend akzeptiert, obwohl sie für das größte Desaster der Geothermie in Deutschland verantwortlich ist. In der baden-württembergischen Kleinstadt Staufen quillt seit einer verpfuschten 70-Meter-Bohrung im Jahr 2008 der Untergrund auf. Der Schaden durch die teils großen Risse an 270 Gebäuden wird auf 50 Millionen Euro geschätzt.

Nur wenige werden fündig

Obwohl Schäden solchen Ausmaßes von in große Tiefe reichenden Geothermiekraftwerken nicht bekannt sind, wenden sich vielerorts Bürgerinitiativen gegen deren Bau und Betrieb. So warnt die  Bürgerinitiative Geothermie Landau auf ihrer Homepage eindringlich vor einem dortigen Projekt. Der Betreiber habe durch die Verpressung von Thermalwasser unterirdische Rutschungen und Erdbeben verursacht. Allerdings sind die Ursachen solcher Erdbeben bei Geothermiebohrungen selten eindeutig nachzuweisen, da Geothermiekraftwerke fast immer in ohnehin seismisch aktiven Regionen stehen.

Doch nicht nur Bürgerinitiativen bremsen die Tiefengeothermie, sondern auch das Risiko, zehn bis 30 Millionen Euro in Bohrlöchern zu versenken, aus denen nicht genug oder nicht ausreichend heißes Thermalwasser kommt. So geschehen im Jahr 2016 nahe der südhessischen Kreisstadt Groß-Gerau oder Anfang 2018 im bayerischen Weilheim. Damit geht es den Geothermie-Investoren wie jenen aus der Öl- und Gasbranche, die seit den 20er Jahren rund 30.000 Bohrungen in den deutschen Untergrund getrieben haben: Jede Bohrung hat ihren Preis, aber nur wenige werden fündig. Moderne seismische Messungen können Gesteinsschichten und Klüfte abbilden, aber nicht  erkennen, ob sich dort unten Thermalwasser, Öl oder Gas befindet. (Lesen Sie auch: In Landau erhitzt Geothermie wieder die Gemüter)

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Keywords:
Geothermie | Erdwärme | Wärmepumpe
Ressorts:
Markets

Kommentare

Die 36 Kraftwerke haben über 70 Bohrungen, drei Bohrungen sind nicht fündig. Ich würde sagen, dass die überwältigende Mehrheit der Bohrungen der Tiefengeothermie fündig wird... Der Schaden für einzlenen Investoren ist allerdings sehr hoch, daher sollte nur dort gebohrt werden, wo die fündigkeitswahrscheinlichkeit ausreichend groß ist.

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