BIZZ-Exklusiv
05.04.2013

Tillich: „Atomstrom durch Braunkohle ersetzen“

Stanislaw Tillich ist seit Mai 2008 Ministerpräsident des Freistaats Sachsen.

Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich über die geplante Strompreisbremse, sein eigenes Quotenmodell und die Braunkohleverstromung.

 

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BIZZ energy today: Herr Tillich, die Details der vielzitierten Strompreisbremse sollen bis Ende April zwischen Bund und Ländern festgezurrt werden. Wo wollen Sie kürzen?

Stanislaw Tillich: Die Strompreisbremse ist ja im Prinzip nur ein kurzfristiger Kostendämpfer. Als Freistaat Sachsen haben wir mit unserem Quotenmodell einen viel weitergehenden Vorschlag in den Bundesrat eingebracht, der auch von Bayern und Hessen unterstützt wird. Gemäß diesem Modell können bestimmte Jahresquoten für die verschiedenen Ökostromarten vergeben werden. Nach Erreichen der Quote gibt es keine weitere Förderung. Damit steuere ich den Zubau. Das macht Sinn, weil die Energiewende ja bis 2050 terminiert ist und ein gradueller Zuwachs, der jeweils die beste Technologie nutzt, besser ist als ein ad hoc Zuwachs am Anfang.

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BIZZ e.t.: Sie halten also nichts vom bewährten Motto ‚Je früher, desto besser‘?

Tillich: Manchmal lohnt es sich, einen Schritt nach dem anderen zu tun. Die ersten Windräder, die wir alle noch kennen, besaßen eine installierte Leistung von etwa 500 kW. Heute installieren wir Onshore-Windkraftanlagen mit zwei bis drei Megawatt – der sechsfachen Leistung, und das am gleichen Standort. Nur die Türme sind heute ein bisschen höher. Die gleiche Anlage wäre direkt an der Nordseeküste noch mal wesentlich effizienter als im windärmeren Binnenland. Diese zentrale Effizienzfrage haben die Macher des EEG nicht beachtet.

BIZZ e.t.: Was leiten Sie daraus ab?

Tillich: Ich möchte in 20 Jahren die Energiewende noch weiter treiben. Dazu brauche ich dann auch Kapital. Daher ist es wichtig, nicht in der Gegenwart auf Teufel komm raus das ganze Kapital zu binden, nur aufgrund der Angst, dass die Einspeisevergütung übermorgen abgesenkt werden könnte. Das erleben wir ja gegenwärtig am Markt.

BIZZ e.t.: Wie wollen Sie Kosten senken?

Tillich: Wir müssen Kosten reduzieren, aber dabei nicht einfach nur pauschal die Einspeisevergütungen senken. Wir sollten vielmehr Anlagen fördern, die mit möglichst geringem Aufwand die maximale Anzahl von Kilowattstunden rausholen. Ineffiziente Anlagen sollten wir hingegen gar nicht fördern. Wenn ein Windrad an einem Standort mit schwachem Wind, wie zum Beispiel in Baden-Württemberg 800 oder 1.000 Stunden im Jahr läuft, sind die Kapitalkosten pro Windrad die gleichen wie an der Nordsee. Nur die Ausbeute ist wesentlich geringer und dementsprechend muss der Kapitalgeber im Süden viel länger warten, bis sich seine Anlage amortisiert – wenn überhaupt.

BIZZ e.t.: Zentraler Teil des EEG ist auch der Einspeisevorrang für Ökostrom. Muss dieses Privileg fallen oder erhalten bleiben?

Tillich: Der Einspeisevorrang kann erhalten bleiben, wenn es gelingt, den Zubau von Ökostromanlagen besser zu steuern und das Angebot an die Nachfrage anzupassen. Dazu braucht es weitere Innovationen, verbesserte Speichertech- nologien und intelligentes Lastmanagement. Das hätte zwei Vorteile: Zum einen würden die Netze stabilisiert und zum anderen könnten die Ökostromerzeuger dann mehr Geld an der Börse verdienen, was die EEG-Umlage entlastet.

BIZZ e.t.: Apropos Innovationen: Hätten neue Photovoltaikanlagen im Rahmen des sächsischen Quotenmodells überhaupt noch eine Chance auf Förderung?

Tillich: Klares ja. Mehr noch: Mit der Quote könnte man bestimmte Technologien auch ganz bewusst fördern, durchaus auch die Photovoltaik. Deren Ausbau wird zwar derzeit von vielen Leuten kritisiert, aber wenn es bei der PV einen Quantensprung beim Wirkungsgrad gäbe – zum Beispiel 30 Prozent statt wie derzeit 15 bis 20 Prozent – dann könnten wir flexibel reagieren und den PV-Anteil innerhalb der Quote für ein paar Jahre erhöhen. Eine solche Entwicklung ist nicht unrealistisch, schließlich hat sich der Wirkungsgrad von PV-Anlagen seit 2005 bereits deutlich erhöht. Mit diesen flexiblen Mechanismen können wir einer innovativen Technologie zum Durchbruch und zur Massenfertigung verhelfen und so auch Impulse an die internationalen Märkte senden.

BIZZ e.t.: Das klingt zwar erst mal plausibel. Aber in der Praxis funktioniert das Quotenmo- dell ausgesprochen schlecht, wie die Erfahrung in Großbritannien zeigt.

Tillich: Ja, das britisches Modell ist eher gescheitert. Wir aber orientieren uns am skandinavisch-schwedischen Quotenmodell. Unsere sächsische Gesetzesinitiative ist ein Angebot zur Diskussion: Wie vermeide ich, dass quasi übermorgen alles schon installiert ist, was eigentlich erst 2030, 2040 oder 2050 installiert werden sollte. Dieser Fahrplan mit Augenmaß ist ein wichtiger Teil der Energiewende.

BIZZ e.t.:  Für die Energiewende sind auch neue Stromnetze nötig, das ist politischer Konsens. Umstritten ist, wer die Kosten tragen soll...

Tillich: Wir fordern seit Jahren, die Netzausbaukosten im Osten Deutschlands nicht allein auf die Ostdeutschen abzuwälzen. Zumal mit dem Zubau der erneuerbaren Energien ja relativ schnell deutlich geworden ist, dass wir mehr Strom produzieren, als wir im Osten Deutschlands je selbst verbrauchen können. Mit dieser Forderung haben wir leider in Berlin nie Gehör gefunden.

BIZZ e.t.: Was halten Sie von der Forderung, solche Ausbaukosten künftig auf alle deutschen Verbraucher umzulegen?

Tillich:  Heute ist klar, dass wir auch im Westen Netzausbau brauchen. Wenn man jetzt diese Ausbaukosten auf alle deutschen Stromkunden umlegen würde, müssten Verbraucher im Osten Deutschlands, die schon einmal den Netzausbau in ihrem Versorgungsbereich finanziert haben, ein zweites Mal zahlen. Ich sage mal kurz und bündig: Das ist nicht fair.

BIZZ e.t. :  Was schlagen Sie konkret vor?

Tillich:  Man muss den Status Quo erhalten. In jedem der vier deutschen Versorgungsbereiche müssen die dort anfallenden Ausbaukosten auf die dortigen Kunden umgelegt werden.

BIZZ e.t.:  Bei der Netzanbindung von Offshore-Windanlagen wird dieses Prinzip verletzt, weil möglicher Schadenersatz bei verzögertem Anschluss auf alle deutschen Stromkunden abgewälzt wird.

Tillich:  Das war ein Systembruch, den wir kein zweites Mal zulassen dürfen.

BIZZ e.t.:  Sachsen ist neben Nordrhein-Westfalen ein Zentrum der von Klimaschützern heftig kritisierten Braunkohle. Welche Rolle soll die künftig spielen?

Tillich:  Braunkohle ist ein preiswerter heimischer Rohstoff, auf den wir keinesfalls verzichten sollten. Die Bedeutung der Braunkohleverstromung als stabiler und grundlastfähiger Partner der erneuerbaren Energien wird zunehmen, wenn die Kernkraftwerke bis 2022 nach und nach vom Netz gehen. Apropos: Es wäre sehr im Sinne der Energiewende, wenn Tschechen, Polen, Franzosen und Belgier weniger Atomstrom produzieren und stattdessen Braunkohlestrom aus Deutschland nutzen würden.

STANISLAW TILLICH ist seit Mai 2008 Ministerpräsident des Freistaats Sachsen. Im sächsischen Kabinett saß er bereits seit 1999, u.a. als Umwelt- und Finanzminister. Tillich, 1959 in der Nähe von Kamenz geboren, entstammt einer sorbischen Familie katholischen Glaubens. 1984 schloss er sein Studium an der TU Dresden als Diplomingenieur für Konstruktion und Getriebetechnik ab. 1987 trat er in die CDU der DDR ein. 

Topteaser-Bild: RWE Power

 
Joachim Müller-Soares
Keywords:
Stanislaw Tillich | Braunkohle | Quotenmodell | Strompreisbremse
Ressorts:
Governance

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