Kolumne Gerard Reid
07.05.2013

Totgesagte leben länger

Valentin Kaden
Gerard Reid ist Chefökonom von BIZZ energy today.

Die Solarkrise hat mit der Quasi-Insolvenz des größten Modulherstellers Suntech ihren Tiefpunkt erreicht. Dennoch könnte Sonnenenergie am Ende triumphieren

Jobverluste, Kostendruck, Pleiten. Die Solarbranche muss neue Hiobsbotschaften derzeit en masse verkraften. So will nach Siemens jetzt auch Bosch seine Solarsparte abstoßen. Und der lange Zeit weltgrößte Modulhersteller Suntech, passenderweise Trikotsponsor des kraftlosen Fußball-Bundesligisten TSG 1899 Hoffenheim, ist zahlungsunfähig.

Anzeige

Bereits ein paar Wochen zuvor hatte der vom Massachusetts Institute of Technology publizierte Newsletter MIT Technology Review getitelt: „Bitte geh pleite, Suntech!“ Die These des Artikels trifft ins Schwarze: Hunderte von Produzenten müssen bankrottgehen, um Angebot und Nachfrage auf dem Solarmarkt wieder ins Lot zu bringen. Es gibt Überkapazitäten im Markt, weil einfach zu viele Firmen Gleiches herstellen.
Die gesamte Wertschöpfungskette vom Siliziumhersteller bis zu den Installateuren steht unter enormen Kostendruck. Diese Schwächephase nutzen die Stromriesen Eon und Co. gnadenlos zu verbalen Angriffen gegen die Branche; die Netzbetreiber warnen, dass die Leitungen der Solarstromflut nicht mehr standhalten können. Regierungen quer durch Europa haben die Förderung ihrer Solarfirmen reduziert oder ganz abgeschafft. All die positive Energie, die Aufbruchstimmung für eine erneuerbare Energiewelt scheint derzeit vom Winde verweht.

Anzeige

Fakt ist indes: Die Solarindustrie verändert die Welt. 2004 betrug die Einspeisevergütung für Solarmodule auf deutschen Dächern noch 62 Cent pro Kilo­wattstunde – heute liegt sie bei 11 Cent. Keine andere Technologie hat die Kosten der Stromerzeugung derart senken können. Mehr noch: Solarstrom bricht mit dem alten Gesetz ‚Baue Kraftwerke so groß wie möglich, um Skaleneffekte zu nutzen‘.

Größe ist für Solarstrom weniger wichtig, weil die Kosteneinsparungen pro Leistungseinheit zwischen kleinen und großen Anlagen minimal sind. Solarkraftwerke sind schneller gebaut und hängen nicht von aufwändigen Baugenehmigungen ab. Sie lassen sich insbesondere viel billiger ans Netz bringen als Offshore-Windanlagen, auf die Eon und Co. jetzt setzen, um die alte Welt zentraler Erzeugungsstrukturen zu erhalten. Offshore-Windparks bergen immense technische und wirtschaftliche Risiken. Dennoch setzen Energie- und Technikkonzerne auf derartige Großprojekte; die Installation kleiner Solar­dachanlagen sieht ihr Geschäftsmodell eben nicht vor.  

Dabei ist Solar 2.0 bereits im Entstehen – eine Welt, in der Solaranlagen als breite Massentechnologie Energieerzeugung steuern. Die Parallele zur Telekommunikation drängt sich auf: Entwicklungs- und Schwellenländer führten Mobiltelefone direkt ein und übersprangen quasi die Ära der Festnetzanschlüsse. Ähnlich werden Indien und Staaten in Afrika direkt zu solar- und wechselstrombasierten Mikronetzen übergehen und die Ära der Großkraftwerke überspringen, wenn dies der billigste Weg ist, Menschen mit Energie zu versorgen. Und das ist es.

Allen Unkenrufen zum Trotz wird Solarenergie auch in Europa künftig wachsen. Der Eigenverbrauch von Strom in Deutschland, Italien und Spanien wird zunehmen, auch ohne staatliche Hilfen. Insbesondere mit Blick auf Energiekosten und Versorgungssicherheit werden immer mehr Firmen auf Solar setzen. Eigener Sonnenstrom ist mittlerweile billiger als vom Versorger eingekaufte Energie. Die Amortisationszeit einer Solaranlage beträgt heute nur noch vier bis sechs Jahre.

Die Schweizer Großbank UBS teilt meine Einschätzung. In ihrem Report „Die unsubventionierte Solarrevolution“ stuft sie die Energieriesen Eon, RWE und das tschechische Unternehmen CEZ auf ‚Verkaufen‘ herunter. Auch Enel aus Italien und Iberdrola aus Spanien droht demnach eine Zäsur. Die UBS-Banker argumentieren, dass die Gewinne dieser Konzerne in den nächsten Jahren deutlich sinken werden, im Angesicht des „erwarteten Aufbaus von unsubventionierten Solarkraftwerken“. UBS schätzt, dass in den nächsten fünf Jahren unsubventionierte Solaranlagen mit einer Leistung von 45 Gigawatt in Deutschland, Spanien und Italien entstehen – und Platzhirschen wie Eon, RWE, Iberdrola und Enel entsprechende Marktanteile abjagen.
Energiekonzerne haben nur eine Chance. Sie müssen sich künftig viel stärker am Kunden orientieren und beispielsweise Smart-Home-Lösungen und Preistarife in Echtzeit anbieten. Andernfalls müssen Europas Regierungen ihre Energiekonzerne irgendwann mit Staatsgeld retten – was den Strompreis weiter nach oben treiben würde. Bürger haben also allen Grund, auf Solar zu setzen. Es gilt das alte Sprichwort: Totgesagte leben länger! 

Gerard Reid zählt weltweit zu den Top-Finanzanalysten für erneuerbare Energien. Für die Wall-Street-Investmentbank Jefferies baute er den Bereich Renewables auf. Anschließend gründete er mit Alexa Capital seine eigene Beratungsgesellschaft. 2011 erschien sein Buch „Asiens Energiehunger – Rohstoffe am Limit“. Reid hat am Imperial College in London eine Finance-Professur inne. Last but not least: Gerard Reid ist Chefökonom von BIZZ energy today.

Top-Teaser-Bild: Depositphoto
Gerard Reid
Keywords:
Gerard Reid | Solarkrise | Suntech
Ressorts:
Finance

Neuen Kommentar schreiben

 

Newsletter bestellen – Wunschausgabe erhalten

Jetzt den wöchentlichen
Newsletter bizz energy weekly abonnieren
und eine Ausgabe
Ihrer Wahl kostenlos erhalten.

Hier geht es zur Aktion!

 
 

bizz energy Research

Energie, Digitalisierung und Mobilität.
Unsere Factsheets bieten visualisierte Daten, liefern Fakten und stellen Zusammenhänge zu den Top-Themen der Energiewende dar.


Mehr Informationen