E-World
08.02.2018

Sonnen, Eon, EWE: Trend geht zur autarken Strom-Community

Foto: EWE
EWE-Vorstand Michael Heidkamp (Mitte) stellt die neue Cloud-Lösung auf der E-world vor.

Immer mehr Energieversorger bieten Energie-Clouds an, in denen Selbsterzeuger miteinander zu einer Stromgemeinde vernetzt werden. Das Neue: Auch Wärmeanlagen sollen sich zuschalten lassen.

Teilen statt besitzen – der Trend, der einst bei Autos und Wohnungen begann, schwappt zunehmend in den Energiemarkt. Nach Pionieren wie dem Start-up Sonnen und Eon als etabliertem Energiekonzern gründet nun auch der Oldenburger Energieversorger EWE auf eine Strom-Community, die sich weitgehend autark versorgt. Konkret können Privatkunden mit Photovoltaik-Anlage und Stromspeicher 70 Prozent ihrer genutzten Energie selbst produzieren. Der Rest stammt aus einer Art virtuellem Speicher von anderen Mitgliedern der „Community“, die sich in einem eigenen Bilanzkreislauf befinden. Speichern diese insgesamt nicht genug ein, liefert EWE die übrige Energie aus grünen Quellen.

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„myEnergyCloud“ nennt sich das Konzept eines Gemeinschaftsnetzes, bei dem EWE zu weiten Teilen nur noch als Plattformbetreiber fungieren will. „Es geht darum, den Kunden als Ziel einen Autarkiegrad von 100 Prozent anzubieten, rein aus Grünstrom“, sagt Michael Heidkamp, EWE-Vorstand für den Bereich Markt im Gespräch mit dem Magazin bizz energy am Rande der Essener E-World.

Abgerechnet wird über einen monatlichen Festpreis. Anders als Wettbewerber Eon, der vergangene Woche eine Cloud-Lösung mit verschiedenen Paketen ankündigte, richtet sich der Preis bei dem EWE-Angebot individuell nach der Kapazität des Speichers und dem Verbrauch. Beispiel: Bei mittlerem Stromverbrauch von 5.000 Kilowattstunden (kWh), einer PV-Anlage von 7,5 Kilowatt peak (kWp) und einem Speicher von 6,9 kWh zahlen Kunden einen Fixpreis von 14 Euro monatlich. Wer geringfügig mehr verbraucht, muss dafür nicht extra zahlen. „In einer Range von 20 Prozent mehr oder weniger wird der Preis nicht angepasst und es gibt auch keine Nachberechnung“, sagt Heidkamp. Das Angebot soll im März starten.

Cloud-Lösung zunächst nur mit realem Speicher

Die PV-Anlagen sind dabei nur der erste Schritt. Als nächstes sollen sich auch Wärmeerzeuger in die Community integrieren lassen; Kunden könnten dann also Speicherheizung, Wärmepumpe oder Warmwasserspeicher zuschalten. Ein erstes Angebot dazu will EWE im Mai machen. Später soll es auch möglich sein, Elektrofahrzeuge zu laden. „Für uns ist es wesentlich, die politisch gewollte Sektorenkopplung umzusetzen“, erklärt Markus Seidel, zuständiger Produktmanager beim Vertrieb. Deswegen werde es die Cloud-Lösung zunächst auch nur mit realem Speicher geben, um Strom und Wärme koppeln zu können – im Unterschied zu Eon, das seinen Kunden auch einen rein virtuellen Speicher anbietet.  

Lästige Bürokratie, die bisher nötig ist, um selbstproduzierten Strom ins Netz einzuspeisen, falle beim neuen Angebot weg, verspricht EWE. Nur um die Umsatzsteuer für den Eigenverbrauch müssten sich die Kunden auch weiterhin selbst kümmern. Der Versorger kooperiert bei der neuen Lösung mit dem IT- und Elektronikentwickler Swisscom Energy Solutions, dessen Software-Technologie in der Schweiz bereits 10.000 Anlagen steuert. Sie werden in Kooperation mit Energieversorgern als virtuelles Kraftwerk etwa im Markt für Primär- und Sekundärregelenergie oder als Reserve eingesetzt, wie CEO Frédéric Gastaldo erklärt. Außerdem hat Swisscom eine Hardware entwickelt, mit der sich auch ältere Geräte wie Wärmepumpen mit einer Cloud vernetzen lassen.  

Disruptieren, bevor es andere tun

EWE wagt sich mit dem neuen Geschäftsmodell auf unbekanntes Terrain. „Wir müssen lernen, mit diesen digitalen Plattformen umzugehen“, so Heidkamp. Es gelte nun, die agilen Methoden auf der Software-Industrie zu übernehmen und Produkte schnell auf den Markt zu bringen, nachzujustieren – oder auch wieder einzustampfen, falls sie keine Abnehmer finden. Der Oldenburger Energieversorger präsentiert sich auf der E-World betont zukunftsorientiert – und dazu bereit, das eigene Geschäft mit neuen Modellen zu „disruptieren“, wie Heidkamp sagt. „Wenn wir es nicht machen, tut es morgen ein anderer.“ 

Die gesamte Energiewirtschaft müsse weg von dem Gedanken, den Kunden erklären zu wollen, was gut für sie ist – sondern auf den Markt hören. Bei EWE war es offenbar ein Kundenwunsch, auch ihre Wärmeanlagen in die Stromgemeinschaft integrieren zu können. Aus Sicht von Heidkamp steht es in den Sternen, ob es in Zukunft überhaupt noch verbrauchsabhängige Preise geben wird. Womöglich zahlten Verbraucher eines Tages nur noch für den Netzanschluss an eine Plattform, um eine Backup-Lösung zu haben für den Fall, dass nicht genug eigener Strom zur Verfügung stehe. Perspektivisch ließen sich über Energie-Communities auch Netzprobleme lösen. So könnten Versorger – etwa über intelligente Zähler – ins Netz eingreifen und hohe Grünstromüberschüsse zum Laden von Elektroautos nutzen, anstatt sie ins Ausland zu exportieren. Die Kunden würden für diese Netzeingriffe finanziell belohnt.

Lesen Sie auch: Eon: Solarstrom aus der Cloud

Jutta Maier
Keywords:
Digitalisierung | Photovoltaik
Ressorts:
Technology

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