Mobilität
01.03.2018

Brüssel dämpft Hoffnungen auf E-Auto-Boom

Foto: iStock
Autos mit Verbrennungsmotoren werden nach Erwartung der EU-Kommission auch im Jahr 2030 noch das Straßenbild dominieren.

Während in Deutschland Diesel-Fahrverbote nahen und E-Autos attraktiver machen, setzt die EU-Kommission auf Verbrennungsmotoren. Nach ihrer Prognose tanken 2030 noch 83 Prozent der Autos Benzin oder Diesel.

Die Grünen im Europaparlament wollen die Gesetzesinitiative der EU-Kommission zu den CO2-Grenzwerten für Fahrzeuge deutlich verschärfen. Als "viel zu wenig ambitioniert", kritisiert die deutsche Abgeordnete Rebecca Harms im Gespräch mit bizz energy die Kommissionspläne von Ende 2017. Diese sehen vor, den CO2-Ausstoß von Pkw und Kleinbussen bis 2030 um weitere 30 Prozent zu reduzieren. Vor allem die Pläne für die Elektromobilität hält Harms für ungenügend.

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Stein des Anstoßes ist für sie: Die Kommission will trotz schärferer CO2-Grenzwerte am Verbrennungsmotor festhalten. "Wir gehen davon aus, dass im Jahr 2030 rund 83 Prozent der Autos in der EU Otto- oder Dieselmotoren haben", sagt ein enger Mitarbeiter von Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker im Gespräch mit dem Magazin bizz energy.

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Europaweit in Misskredit

In der EU-Kommission hält man es nach Aussage des Juncker-Beraters für möglich, den CO2-Ausstoß auch mit einer überwiegend von Benzin oder Diesel angetriebenen Fahrzeugflotte um 30 Prozent zu senken. Zwar will die Kommission die Entwicklung von Nullemissionsantrieben wie Elektromotoren und Brennstoffzellen stärker fördern, zugleich bekennt sie sich aber zum Diesel. (Lesen Sie auch: BP – Ölnachfrage steigt auch bei Verkaufsverbot für Verbrenner)

Nach EU-Rechnung verbrennen Diesel-Motoren ihren Treibstoff CO2-ärmer als Benziner. Dass der Diesel-Skandal und überhöhte Stickoxidwerte in der Atemluft der Städte den Selbstzünder europaweit in Misskredit gebracht haben, passt deshalb nicht in die Pläne der Kommission. Diese sei überzeugt, "dass wir den Diesel-Motor noch für eine längere Übergangszeit brauchen, um Europas CO2-Ziele zu erreichen", sagt der Juncker-Mann. Allerdings müssten Diesel-Fahrzeuge die Schadstoffwerte der Euro-6-Norm auch im Realbetrieb einhalten. Das sei ab diesem Jahr rechtlich verbindlich und technisch möglich. Auch für Lastwagen wolle die Kommission noch 2018 verschärfte CO2-Grenzwerte vorschlagen, heißt es aus dem Kabinett von Klima - und Energiekommissar Arias Canete.

Batterie-Initiative

Flankierend schlägt die Kommission ein "Clean-Mobility-Paket" vor, das die Entwicklung von Niedrig- und Nullemissionsfahrzeugen beschleunigt. Eine Initiative zur Produktion von Batteriezellen soll die Fertigung von E-Autos in der EU sichern. Und mit einem Bonus-System will Brüssel Autohersteller belohnen, die bis 2030 einen 30-prozentigen Flottenanteil von Niedrig- oder Nullemissionsfahrzeugen erreichen. Canete legt Wert darauf, dass die Clean-Mobility-Strategie "technologieneutral" sei - also keine Antriebstechnik bevorzuge.

Die öffentliche Hand in den EU-Staaten soll künftig nur noch abgasarme oder abgasfreie Fahrzeuge kaufen. Weitere Anreize sollen dafür sorgen, dass mehr Fracht auf Schiene und Wasser verlagert wird und mehr Menschen auf Bus und Bahn umsteigen. Antriebstechnik bevorzuge.

CO2-Emissionen steigen

Allerdings könnte das Europaparlament der Kommission noch einen Strich durch die Rechnung machen. Besonders im linken Lager gibt es Forderungen, die Kommissionsvorschläge zu verschärfen. Juncker will mit dem neuen Vorstoß zur Verringerung der CO2-Emissionen zwar erreichen, dass der Verkehrssektor endlich seinen Beitrag zu den Pariser Klimazielen der EU leistet. Wegen der Zunahme des EU-weiten Verkehrs sind die CO2-Emissionen in diesem Bereich jedoch Jahr für Jahr gestiegen. Gemessen an dem Pariser Ziel, den Temperaturanstieg auf 1,5 Grad zu begrenzen, reiche der Kommissionsvorschlag nicht aus, sagt die Grünen-Abgeordnete Harms.

Auch vielen Sozialdemokraten im Europaparlament reichen die Pläne nicht weit genug. Die belgische Sozialistin Kathleen van Brempt forderte bereits CO2-Grenzwerte bis 2030, die 40 Prozent unter dem Niveau von 2021 liegen. Aber wie schon mehrfach zuvor sind die Sozialdemokraten im EU-Parlament gespalten in Vertreter aus Ländern mit und ohne starke Automobilindustrie. (Lesen Sie auch: EU streitet über Energiesparen im Gebäudesektor)

Risikofaktor Brexit

Jens Gieseke (CDU), Berichterstatter der konservativen Europäischen Volkspartei, warnt indes seine Parlamentskollegen, die Kommissionsvorschläge allzu sehr zu verschärfen. Sie seien "gut und maßvoll". Er gehe davon aus, dass mit ihnen das CO2-Ziel der EU bis 2030 und das Pariser Temperaturziel zu erreichen seien. E-Autos allein seien nicht die Lösung, wenn sie wie in Frankreich vor allem mit Atom- und in Polen mit Kohlestrom geladen würden, sagt Gieseke.

Der Deutsche sieht noch ein anderes Problem: "Parlament und Rat müssen sich möglichst bald einigen, da nächstes Jahr die europäische Gesetzgebungsmaschine  wegen des Brexits im März und der Europawahl im Mai stillstehen wird", fürchtet Gieseke. Werde der Kommissionsvorschlag zu stark abgeändert, riskiere die EU, 2021 ohne neue CO2-Grenzwerte dazustehen.

Lesen Sie auch: Autoexperte Dudenhöffer fordert Gutscheine für Diesel-Umrüstung

 

Norbert Mühlberger
Keywords:
Elektromobilität | Diesel-Fahrverbote | EU-Kommissar
Ressorts:
Governance | Markets

Kommentare

Die Bundesregierung subventioniert seit Jahrzehnten den Dieselkraftstoff, um Verbraucher zu bewegen, ein Diesel-PKW zu kaufen.
Die Begründung lautet:
„Wie brauchen den Diesel, um die CO2-Emisionnen im Straßenverkehr zu senken“.
Die CO2-Einsparung pro Liter Kraftstoff beträgt ganze 16 Gramm gegenüber den Ottokraftstoff. Betrachtet man die Subvention (geringerer Steuersatz, 2017 ca. 10 Mrd. €), kostet eine Tonnen CO2 17.500 €.
Wenn die Regierung schon so viel Geld über hat, sollten auch die Regierung die Um- und Nachrüstung der Diesel-PKWs zahlen. Sie tragen ja die Hautverantwortung, dass heute mehr Diesel- als Benzin verbraucht wird.

JEDES Auto mit Auspuff emittiert Schadstoffe die unsere Gesundheit beeinträchtigen. Wann endlich verstehen dass unsere Politiker!

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