BIZZ-Exklusiv
19.05.2014

Trotz US-Schiefergas: Europa und Russland bleiben aufeinander angewiesen

Illustration: Valentin Kaden; Titelbild: depositphotos
Friedbert Pflüger vom King‘s College London war Staatssekretär der ersten schwarz-roten Regierung Merkel.

US-Schiefergas soll Europa – nach dem Willen Washingtons – vom russischen Gas unabhängig machen. Doch das Konzept wirft viele Fragen auf. Eine Kolumne von Friedbert Pflüger.

Der Vorsitzende der Republikaner im Repräsentantenhaus, John Boehner, hat vor dem Hintergrund der Zuspitzung um Krim und Ost-Ukraine die Forderung erhoben, die EU aus der Gasabhängigkeit gegenüber Russland zu befreien. Rund 30 Prozent des europäischen Gasverbrauchs stammt aus Sibirien. Boehners Forderung, der sich inzwischen auch US-Präsident Obama und sein kanadischer Kollege Harper – wenn auch diplomatischer formuliert – angeschlossen haben, ist im Kern eindeutig: Die Schiefergas-Revolution in Amerika soll Europa aus dem Gasgriff Moskaus befreien, nach dem Motto: Fracking in den USA für Freiheit in Europa! 

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Wie realistisch ist diese Perspektive, was bedeutet sie geopolitisch? In den USA muss ein Unternehmen, das Gas in ein Land liefern will, mit dem es kein Freihandelsabkommen (Free Trade Agreement) gibt, bei der Regierung eine Lizenz beantragen; der Antrag wird positiv beschieden, wenn das Geschäft im nationalen Interesse der USA liegt. Das US-Energieministerium hat bisher in sieben Fällen eine solche Lizenz erteilt. Die USA bauen zurzeit Terminals für LNG (liquefied natural gas), wo Tanker Flüssiggas aufnehmen und an Kunden in Übersee bringen sollen. 

Ende 2015, also schon bald, ist mit den ersten Gasexporten zu rechnen. Die Mengen, um die es geht, sind beachtlich: Insgesamt 95 Milliarden Kubikmeter pro Jahr. Das ist mehr als der Jahresverbrauch Deutschlands und liegt nur knapp unter der jährlichen Ausfuhrmenge von Katar, der führenden LNG-Nation, die rund 105 Milliarden Kubikmeter exportiert. Bei genauerer Analyse ergeben sich jedoch Fragen: Die vorgesehenen Exportmengen sind vor allem für asiatische Länder, allen voran Japan, reserviert. Dort erzielen US-Unternehmen etwa 19 Dollar pro mmBtu (Million British Thermal Units). In Europa könnten sie allenfalls elf Dollar erzielen. Warum sollten sie ihr Gas nach Europa verschiffen? Bis auf Weiteres werden die signifikanten Gasmengen die Vereinigten Staaten in Richtung Westen verlassen, nach Asien, nicht nach Europa.

Dazu kommt: Werden die europäischen Unternehmen, die das anlandende Gas kaufen und verteilen sollen, dazu bereit sein? Die Gaspreise in den USA erscheinen verführerisch günstig: ein Chemieunternehmen in Ohio muss nur etwa fünf Dollar pro mmBtu bezahlen. Für den europäischen Importeur kommen jedoch noch etwa sechs Dollar Frachtkosten hinzu – womit man etwa bei den heutigen europäischen Großhandelspreisen wäre. 

Schließlich stellt sich die Frage, wie verlässlich die amerikanische Gaslieferbereitschaft ist. Es gibt beachtliche Kräfte, die sich gegen Gasexporte stemmen. Große Teile der Chemieindustrie etwa, angeführt von Dow Chemical, befürchten – zu Recht – dass wachsender Export zu verstärktem Wettbewerb um das produzierte Gas und damit zu höheren Preisen in den USA führt. 

Das würde den in den letzten Jahren durch das günstige Schiefergas erworbenen Wettbewerbsvorteil der US-Industrie zunichte machen und die aktuelle Reindustrialisierung gefährden. Darüber hinaus gibt es sehr grundsätzliche Einwände. Die bei den Republikanern einflussreiche Tea-Party will Gasexporte generell verbieten, um mit dem heimischen Gas solange wie möglich energieunabhängig zu bleiben. Kann sich Europa darauf verlassen, dass auch in zehn oder zwanzig Jahren in Washington noch Exportlizenzen vergeben werden?

Die EU tut dennoch gut daran, sich um Diversifizierung zu bemühen, schon aus Gründen des Wettbewerbs. Allein die Debatte um US-Gaslieferungen nach Europa wird Gazprom dazu drängen, seine Preise anzupassen und auch den Mittel- und Osteuropäern faire Angebote zu unterbreiten. 

Neben amerikanischem LNG gibt es weitere vielversprechende Optionen für die EU: Ab 2019 werden zunächst zehn Milliarden Kubikmeter Gas aus Aserbaidschan über die Trans-Adriatic-Pipeline (TAP) auf den europäischen Markt kommen. Neu entdeckte Gasreserven im kurdischen Nordirak, in Israel und Zypern sowie das gigantische South-Pars-Gasfeld im Iran könnten – bei günstigen politischen Rahmenbedingungen – für weitere Vielfalt auf dem europäischen Gasmarkt sorgen.

Wir sollten uns keine Illusionen machen. Die EU bleibt aller Voraussicht für lange Zeit auf gewaltige Mengen Gas aus Russland angewiesen. Wer diese bestehende Abhängigkeit kritisiert, sollte wissen, dass sie für Russland ebenso besteht: 70 Prozent des russischen Erdgases fliessen nach Europa. Diese gegenseitige Abhängigkeit, diese im Erdgas-Röhren-Geschäft der siebziger Jahre begründete Interdependenz, hat zur Stabilität der wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zwischen der EU und Russland im letzten halben Jahrhundert mehr beigetragen als die heute so propagierten Konzepte für Energieunabhängigkeit.

 

Friedbert Pflüger ist Professor am King‘s College London und dort Direktor des European Centre for Energy and Resource Security (EUCERS). Der Unternehmensberater war CDU-Bundestagsabgeordneter (1990-2006) und Staatssekretär der ersten schwarz-roten Regierung Merkel.

Friedbert Pflüger
Keywords:
Friedbert Pflüger | Schiefergas | LNG | Gazprom | USA
Ressorts:
Governance

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