Wärmewende
14.08.2019

Union zielt mit Abwrackprämie für Ölheizungen gen Westen

Foto: iStock
Die Union will den schnellen Austausch alter Ölheizungen finanziell fördern.

Mit der „Abwrackprämie für Ölheizungen“ würde die CDU-Vorsitzende Kramp-Karrenbauer vor allem Ruheständler in den alten Ländern beschenken. Doch nützt dies der Wärmewende?

Nicht durch Verbote, sondern durch Anreize will die Union die Menschen zu mehr Klimaschutz bewegen und zudem gezielte Konjunkturimpulse setzen. Ökonomisch gesehen haben die Ideengeber, die der CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer eine „Abwrackprämie“ für alte Ölheizungen nahelegten, ins Schwarze getroffen. Doch nützt dies der Energiewende im Gebäudesektor insgesamt – oder vor allem einer speziellen Klientel?

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Nach Angaben des Bundesverbandes der Deutschen Heizungsindustrie (BDH) werden die Wohngebäude in Deutschland mit ihren mehr als 40 Millionen Wohnungen durch rund 21 Millionen Heizungen erwärmt. Davon sind rund 5,5 Millionen Ölheizungen. 4,8 Millionen, also fast 90 Prozent dieser Heizungen, gelten als veraltet.

Im Schnitt haben diese Ölheizungen dem BDH zufolge inzwischen 27 Jahre auf dem Brenner. Das drückt offenbar auch den Altersschnitt der gesamten Heizungsanlagen in Deutschland nach unten: Fast jede vierte Heizung ist dem Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) zufolge schon 25 Jahre alt oder älter, das Durchschnittsalter betrage 17 Jahre. Lediglich gut ein Drittel der Heizungen sei jünger als zehn Jahre.

Schnell klimarelevante Größenordnungen

„Bei Ölkesseln lag die Modernisierungsquote in den letzten Jahren bei 1 bis 1,5 Prozent pro Jahr“, beziffert BDH-Geschäftsführer Andreas Lücke den faktischen Stillstand beim Ölheizungstausch. Entsprechend hoch sind die Effekte: „Tauscht man einen alten Ölkessel gegen einen modernen Gaskessel aus, sinken die Emissionen um bis zu einem Drittel“, beschreibt Lücke die CO2-Einspargröße.

Mit einem massiven Umstieg auf Erdgas ließen sich so schnell klimarelevante Größenordnungen erreichen. Laut BDEW stehen derzeit etwa 2,1 Millionen Gebäude, die noch mit Öl beheizt werden, in Gegenden, wo nützliche Gasleitungen in der Erde liegen. Vergleichbaren Zahlen hat der Ferngasbetreiber VNG. Demnach stehen rund 2,5 Millionen alte Ölkessel in Straßen, wo eine Erdgasleitung vorhanden ist.

Eine gute halbe Million ölbeheizte Gebäude ließen sich zudem ans Fernwärmenetz anschließen, schätzt der BDEW. Insgesamt ließen sich mit der Umstellung von Öl auf Gas oder Fernwärme aus Sicht des Verbandes über 14 Millionen Tonnen CO2 jährlich einsparen.

Konjunkturprogramm für die Heizungsbranche

Um die deutschen Klimaziele im Jahr 2030 zu erreichen, müssten nach den Berechnungen des BDH jährlich vier Prozent der alten Ölkessel ausgetauscht werden, umgerechnet etwa 200.000 Anlagen. Das wäre ein enormes Konjunkturprogramm für die Heizungsbranche, einschließlich ihrer Zulieferer – beschränkt allerdings vor allem auf die alten Bundesländer.

Genaue Zahlen über die regionale Verteilung hat der Heizungsverband BDH nicht. Die meisten alten Ölheizungen sind aber in den südlichen Bundesländern Baden-Württemberg und Bayern vorhanden, sagt Lücke. „Dann folgen bei den Ölheizungen eindeutig Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein und Niedersachsen. In den neuen Bundesländern hat man nach der Wende von Kohle oder Fernwärme praktisch komplett auf Gas umgestellt.“

Spezielles Sanierungsprogramm West

Dass die „Abwrackprämie für Ölheizungen“ zu einem speziellen Sanierungsprogramm West würde, haben die Unionsexperten wahrscheinlich einkalkuliert. Ein weiterer Umstand kommt hinzu: Rentnerhaushalte, die ein Auto und eine Ölheizung besitzen, würden von einer CO2-Steuer besonders belastet. Darauf wies Manuel Frondel vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) Essen jüngst bei der Vorstellung der CO2-Preis-Studie des BDEW hin. Ölheizungen seien bei den Älteren stärker verbreitet, als man gemeinhin annehme, ließ sich Frondel zitieren.

Auch für BDH-Chef Andreas Lücke ist klar: „Es ist eine Tatsache, dass ein ganz erheblicher Teil der Selbstnutzer von alten Ölheizungen pensioniert sind und keine oder eine nur sehr geringe Steuerlast haben.“ Diese könnten, wenn man dort den Heizungs-Austausch fördern will, auch mit einer steuerlichen Erleichterung wenig anfangen, sondern benötigten einen Zuschuss.

Ob die CDU-Experten belastbare Angaben über die sozialen Verhältnisse privater Ölheizungsbesitzer haben, ist nicht bekannt. Aber soviel wird klar: Die Union würde, ob bewusst oder unbewusst, mit der Abwrackprämie einen Teil ihrer Klientel – Ruhestandshaushalte in den alten Ländern – besonders bedenken.

"Abwrackprämie auch für Gaskessel"

Der Heizungsverband BDH hält allerdings nicht viel von der Abwrackprämie. Er setzt sich seit Jahren dafür ein, Heizungen über steuerliche Anreize zu modernisieren. Andreas Lücke betont: „Dieses Steuermodell müsste attraktiv, unbürokratisch und vor allem technologieoffen ausgestaltet werden.“ Bereits 2017 habe sich der BDH zusammen mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) und den Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) für eine 30prozentige technologieoffene Steuerabschreibung ausgesprochen. Diese solle für die Heizung genauso wie zum Beispiel für Dämmungsmaßnahmen gelten.

Sollte die große steuerliche Lösung nicht kommen, hat der BDH zumindest diese Forderung: „Wenn die Politik beschließt, eine Abwrackprämie für alte Heizungen einzuführen, dann bitte nicht nur für Öl- sondern auch für Gaskessel“, sagt Lücke. Er begründet das damit, dass es mehr als sieben Millionen alter Gaskessel in deutschen Heizungskellern gibt, also deutlich mehr als alte Ölheizungen.

Für die Energiewende im Gebäudesektor stellt sich aber auch noch ein grundsätzliches Problem: Werden die Altbauten energetisch so saniert, dass sie nahe an den Passivhaus-Standard herankommen, macht für den Restwärmebedarf eine klassische Öl- oder Gasheizung nicht mehr viel Sinn. Dann könnte auch eine ökostrombetriebene Wärmepumpe reichen. Schon heute gibt es neugeplante Wohngebiete, die keine Gasleitungen mehr im Boden haben und ganz auf erneuerbare Wärme setzen.

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Jörg Staude
Keywords:
Wärmewende | Heizungen | Energiewende
Ressorts:
Governance

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