Energiewende
08.11.2018

US-Stromnetz: Hawaii weist den Weg in die Zukunft

Foto: WikiCommons/Xklaim
Holaniku wurde 2009 von der Firma Keahole Solar Power als erste Solarthermie-Anlage Hawaiis auf der Hauptinsel gebaut.

Das Stromnetz der USA zerfällt, weil dringende Investitionen unterbleiben. Gelingt den USA der energiepolitische Durchbruch – oder endet das Land als Industriemuseum des 20. Jahrhunderts?

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Hawaii ist es leid, zu warten. Energiepolitisch macht der isolierte US-Bundesstaat im Zentralpazifik Nägel mit Köpfen. Das Stromnetz der beliebtesten Urlaubsregion der USA wird in einem gigantischen Kraftakt an das ambitionierte umweltpolitische Ziel der Inselregierung angepasst: Gigantische Speicher ergänzen künftig die Stromnetze der sechs Hauptinseln des Aloha-Staates, ausgestattet mit modernsten digitalen Kommunikations- und Steuerungssystemen und miteinander verbunden durch Unterwasserkabel.

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Im Jahr 2020, so das Ziel, sollen 30 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen stammen, 2030 schon 40 Prozent und 2045 dann 100 Prozent. „Die Modernisierung unserer Stromnetze ist dabei der Schlüssel, um die 2020er und 2030er Ziele zu erreichen“, so das Energieministerium. Heute ist die Energie nicht nur teuer, Hawaii ist völlig den Launen der Natur und der Öl-Lieferanten ausgesetzt. Eine autarke Stromerzeugung mit vorhersehbaren Preisen würde die gesamte Wirtschaft der Inselgruppe mit ihren 16.000 Quadratkilometern Landmasse stabilisieren.

Stromerzeugung basiert weitgehend auf fossiler Energie

Heute könnte die wohl isolierteste Inselgruppe der Welt mit ihren rund 1,4 Millionen Einwohnern von einer Energie-Selbstversorgung kaum weiter entfernt sein. Die Stromerzeugung basiert weitgehend auf Öl oder Kohle, die per Schiff über tausende Kilometer herangeschafft werden müssen. Während im Durchschnitt der USA nur noch 0,9 Prozent des Stroms aus Ölprodukten gewonnen wird, sind es auf Hawaii sagenhafte 67,3 Prozent. Weitere 15 Prozent stammen aus der Kohleverbrennung. Die Inselbewohner zahlen doppelt so hohe Strompreise wie der Rest der USA.

Demokratin Mazie Hirono
Die Demokratin Mazie Hirono repräsentiert Hawaii im US-Senat. Sie setzt sich
auch auf nationaler Ebene für den Ausbau erneuerbarer Energie und die
Modernisierung der Stromnetze ein. Foto: WikiCommons/United States Senate

Die Herausforderungen sind gewaltig, und der Weg in die Zukunft ist noch nicht erforscht. „Es gibt kein Drehbuch“, sagt etwa Colton Ching, als Senior Vice President zuständig für Planung und Technologie beim Stromversorger Hawaiian Electric. „Es gibt keine Daten oder Erfahrungen, weil es noch nie eine Transformation hin zu erneuerbarer Energie in dieser Größenordnung gegeben hat.“

Beispielloses Vorhaben

Das Betreten von Neuland elektrisiert bekanntermaßen auch Elon Musk. Vielleicht deshalb will der Multi-Unternehmer und Tesla-Mitgründer das Stromnetz von Puerto Rico neu aufbauen, nachdem Hurrikan „Maria“ im September 2017 die Stromversorgung des US-Territoriums zerstörte. Das neue Netz soll vollständig solarbasiert sein. Musk und Puerto Ricos Gouverneur Ricardo Rosselló haben erste Sondierungsgespräche geführt und prüfen Machbarkeitsstudien. Obwohl die Pläne alles andere als konkret sind, senden sie Schockwellen durch die Energiewirtschaft der USA.

Die Frage ist, ob man bei der Erneuerung der Stromnetze wie bisher weitermacht – oder neue Wege wagt. Musk war noch nie für ein „weiter so“ zu haben, und Hawaii zeigt ihm den Weg. Im April twitterte Musk, dass Tesla-Batterien an 662 Standorten in Puerto Rico arbeiten. Es gibt Planungen, eine 20-Megawatt-Akkufarm, die später auf 40 Megawatt aufgerüstet werden soll, zentral auf der Insel im Netz zu installieren. Sie soll bei Blackouts einspringen, wie es bereits in Australien der Fall ist.

Trump machte große Versprechen

2018 ist ein kritischer Zeitpunkt für die Energiebranche in den USA, denn Entscheidungen über gigantische Investitionen stehen an. Ende Januar verkündete US-Präsident Donald Trump sein Infrastrukturprogramm. Er versprach „glänzende neue Straßen, Highways, Schienen- und Wasserwege überall im Land“. Doch die Sache hat einen Haken. Eine Billion Dollar für die Erneuerung der Infrastruktur im Laufe von zehn Jahren hatte er im Wahlkampf versprochen, jetzt sind es nur noch 200 Milliarden, die die Bundesregierung aufbringen will. Damit sollen Bundesstaaten, Kommunen und private Investoren zu eigenen Investitionen angeregt werden. Trumps Ziel ist, auf diese Weise Infrastrukturausgaben von insgesamt 1,5 Billionen Dollar anzustoßen.

Zuschüsse aus Washington gibt es aber nur, wenn „neue Umsätze“ mit den geplanten Maßnahmen generiert werden. Das ist einfach bei Brücken, Flughäfen oder Tunneln in Metropolen, für die Nutzungsgebühren erhoben werden, die dann in die Taschen der Privatinvestoren fließen. Aber welcher Privatinvestor steckt Geld in Umspannanlagen in ländlichen Gebieten oder Stromtrassen durch die endlose Weite der Prärie?

Hoffen auf private Investoren

Das amerikanische Stromnetz gilt zu Recht als eine der größten Ingenieurleistungen der Geschichte. In Nordamerika laufen nach Angaben des US-Energieministeriums 7.700 Kraftwerke, die ihren Strom über 1,1 Millionen Kilometer Hochspannungs- sowie 10,4 Millionen Kilometer Mittel- und Niederspannungsnetze an 148,6 Millionen Kunden verteilen. Ein riesiges Geschäft: 2015 zahlten US-Kunden insgesamt 400 Milliarden Dollar für ihre Stromrechnungen.

Das gigantische Energieverteilsystem ist jedoch in Gefahr: Große Teile der Infrastruktur sind 50 bis 80 Jahre alt. Das Verbundnetz entstand mit Technologien, die überwiegend aus den 1960er und 1970er Jahren stammen. Der Ingenieursverband American Society of Civil Engineers  (ASCE) warnt, das Stromverteilungssystem arbeite mit „Vollauslastung“.

Das Netz ist dumm

Das Netz ist zudem dumm: Gut 90 Prozent der Verteil-Infrastruktur entstand, als Computer mit Lochkarten arbeiteten. Viele Versorger bemerken einen Stromausfall erst, wenn verärgerte Kunden anrufen. In weiten Teilen existiert keine automatisierte Überwachung des Netzes, sodass es keine oder nur unzureichende Rückmeldungen über dessen Zustand und Auslastung gibt. Außerdem ist es in einem erbärmlichen Zustand. Die  jüngsten Überprüfungen der Infrastruktur durch den  US-Ingenieurverband ASCE resultierten in der Note „D+“.

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Keywords:
Hawaii | USA | Solarenergie | erneuerbare Energien | Stromnetz
Ressorts:
Governance | Technology | Markets

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