Digitalisierung
09.09.2016

Vattenfall setzt auf Batterien und Digitales

Foto: BMW
Vattenfall nutzt gebrauchte Batterien aus dem BMW i3 zum Speichern von Solarstrom.

Klimaschädliche Braunkohle wird bei Vattenfall in wenigen Wochen Geschichte sein, der Konzern sucht nach zukunftsträchtigen Geschäftsfeldern. Helfen soll der Preisverfall neuer Technologien.

 

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Die Idee ist in der Energiebranche nicht ganz neu, aber auch Vattenfall will nun stärker auf den boomenden Heimspeichermarkt setzen. „Batterien zur Eigenverbrauchsoptimierung in Kombination mit einer Solaranlage fangen gerade an, wirtschaftlich zu werden. Wir gehen von einem hohen Wachstum in den nächsten zwei Jahren aus“, sagt Claus Wattendrup, Innovationschef bei Vattenfall. Der Konzern hatte kürzlich Journalisten in die Start-up-Etage eines gläsernen Büroturms am Potsdamer Platz in Berlin geladen, wo auch sechs Mitarbeiter des Business-Development-Teams arbeiten.

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Vattenfall gab dort einen Überblick über seine Ideen für neue Geschäftsfelder. Der Zeitpunkt war nicht zufällig gewählt, denn die Schweden stehen kurz davor, den Verkauf ihrer Braunkohlekraftwerke und Tagebaue an einen tschechischen Investor abzuschließen. Der Konzern möchte sein altes Kohle- und Kernkraft-Image abstreifen.

 

Megabatterien für Eigenheime

Mit dem Start-up Sunbessy nutzt der schwedische Konzern Batterien, die BMW auch in seinem Elektroauto i3 einsetzt, und stattet damit Haushalte und kleine Gewerbebetriebe mit eigener Solaranlage aus. Mit 26 Kilowattstunden fassen sie rund sechs Mal so viel Strom wie übliche Akkus für Wohnhäuser.

Der Vorteil für Hausbesitzer soll ein deutlich höherer Autarkiegrad sein, doch auch dann nutzen die Bewohner nur einen kleinen Teil der Batterie. Die übrige Speicherkapazität nutzt Vattenfall, um Primärregelleistung anzubieten und Prognosefehler in seinen eigenen Bilanzkreisen auszugleichen. „Die zusätzlichen Vermarktungsmöglichkeiten sind unser Vorteil als Konzern mit eigenem Handelshaus“, erklärt Wattendrup.

Weitere Einsatzmöglichkeiten von Batterien sieht Vattenfall bei der Netzstabilisierung und in Gewerbebetrieben. Für Industriekunden bietet der Energiekonzern Batterien im Megawatt-Bereich an. Sie kappen Lastspitzen, sodass die Betriebe günstigere Netzentgelte zahlen. Bisher waren dafür oft Umstellungen in der Produktion nötig. Auch in diesem Fall will Vattenfall die Flexibilität der Batterie vermarkten. In England beginnt der Konzern außerdem, solche Anlagen für die Netzstabilisierung einzusetzen. Erst kürzlich haben die Schweden eine Ausschreibung für einen Riesen-Akku mit 22 Megawatt gewonnen.

 

Mieterstrom aus Solaranlagen

Für Solaranlagen sieht der Konzern, der in Deutschland vor allem in den Metropolen Hamburg und Berlin aktiv ist, neue Wachstumsmöglichkeiten durch Mieterstrom. Schon bald will Vattenfall erste Projekte umsetzen, bei denen Mieter Solarstrom aus Anlagen vom eigenen Dach erhalten.

In den Niederlanden geht das Unternehmen noch einen Schritt weiter und hat im Sommer mit Powerpeers den sogenannten Peer-to-Peer-Handel gestartet. Dabei verkaufen Haushalte Strom aus ihrer Solaranlage an andere Verbraucher. Start-ups aus diesem Bereich werben gerne damit, dass sie klassische Energielieferanten überflüssig machen. Vattenfall erhält von den Nutzern des Marktplatzes zumindest eine Gebühr.

 

„Blockchain-Transaktionen sind noch sehr teuer und langsam“

Perspektivisch könnten die Transaktionen auch über die Blockchain abgewickelt werden, das digitale Protokoll hinter der Kryptowährung Bitcoin. Vattenfall kooperiert auf seiner Start-up-Plattform Greenfield bereits mit Grid Singularity, das sich auf Blockchain-Lösungen für die Energiewirtschaft spezialisiert hat. „In den nächsten ein, zwei Jahren wird es aber noch kaum kommerzielle Angebot geben“, dämpft Wattendrup den Blockchain-Hype. „Noch sind Transaktionen über die Blockchain sehr teuer und langsam. Kluge Start-ups könnten das aber bald ändern.“

Schon am Start ist Greenhaus, eine Endkunden-Plattform für Gebäudetechnik, mit der Vattenfall erfolgreichen Pionieren wie Thermondo und Energieheld nacheifert. Im Gegensatz zu Thermondo, an dem Eon beteiligt ist, beschränkt sich Greenhaus nicht auf die wichtigsten Heizungtechnologien, sondern bietet ähnlich wie Energieheld auch Photovoltaik-Anlagen, Solarbatterien und Wärmepumpen an. „Die Herausforderungen für Energieunternehmen sind ein schlanker und digitaler Vertrieb von komplexen Produkten sowie effiziente Abrechnungsprozesse. Das werden Schlüsselkompetenzen in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren“, sagt Wattendrup. Zum schlanken Konzept gehört auch, dass Greenhaus im Gegensatz zu Thermondo keine eigenen Handwerker beschäftigt, sondern lediglich als Vermittlungsplattform zwischen Kunden, Handwerkern und Herstellern fungiert.

Manuel Berkel
Keywords:
Vattenfall | Sunbessy | Greenhaus | Blockchain | GridSingularity | Digitalisierung | Mieterstrom | Batterien | Eigenverbrauch | PV | Heizungen | Wärmemarkt | Powerpeers | Stromhandel
Ressorts:

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