Etikettenschwindel?
01.03.2017

Verbände liegen bei Stromkennzeichnung über Kreuz

Verbraucherschützer sind dafür, den Grünstrom-Anteil für Kunden transparenter zu machen. Damit flankieren sie eine Initiative von Ökoenergieanbietern und NGOs. Der größte Branchenverband BDEW hingegen sieht keinen Handlungsbedarf.

Die derzeitige Stromkennzeichnung muss dringend reformiert werden, da sind sich Verbraucherschützer einig. „Es muss sich etwas ändern“, sagt Thomas Engelke, Energie-Experte beim Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) im Gespräch mit bizz energy. „Wenn Verbraucher den Eindruck bekommen, sie beziehen knapp 50 Prozent Grünstrom, obwohl das nicht der Fall ist, dann ist das nicht in Ordnung.“ Auch der Bundesverband neue Energiewirtschaft (BNE) plädiert für eine Reform der Kennzeichnungspflicht. „Richtig ist, dass für Energiekunden die derzeitige Stromkennzeichnung auf der Rechnung kaum nachvollziehbar ist. Hier besteht grundsätzlicher Korrekturbedarf“, sagt Geschäftsführer Robert Busch.

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Gerne hören dürfte das eine Initiative aus Ökostromanbietern und NGOs, die lautstark Änderungen fordern: Aus ihrer Sicht führt die Stromkennzeichnung die Kunden in die Irre. „Die gesamte Branche sollte sich für eine transparente Stromkennzeichnung einsetzen und den Etikettenschwindel beenden“, fordert Gero Lücking, Geschäftsführer Energiewirtschaft beim Ökostromanbieter Lichtblick. „Das ist eine Frage der Glaubwürdigkeit und des Verbraucherschutzes.“ Das Bündnis aus Deutscher Umwelthilfe, Robin Wood, Greenpeace Energy, EWS Schönau, Naturstrom und Lichtblick adressiert damit direkt die 1.100 Versorger und den Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW).

 

"Klare gesetzliche Vorgaben"

 

Der BDEW sieht jedoch keinen Grund zum Handeln. „Für die Stromkennzeichnung gelten klare gesetzliche Vorgaben, an die sich alle Unternehmen halten müssen“, sagt ein Verbandssprecher zu bizz energy. „Die Energieversorger weisen die Anteile der einzelnen Energieträger – selbstverständlich auch den EEG-geförderten Erneuerbaren-Anteil – aus. Der Vorwurf, es handele sich hierbei um einen 'Etikettenschwindel', ist daher weder nachvollziehbar noch haltbar.“

 

Stein des Anstoßes: Momentan können Energieanbieter völlig legal einen viel höheren Grünstromanteil ausweisen, als sie ihren Kunden tatsächlich zur Verfügung stellen. Selbst Versorger, die größtenteils Strom aus fossilen Energiequellen im Portfolio haben, können sich dank der Gesetzesvorgaben grün rechnen. Möglich machen das die derzeitigen Vorgaben zur Stromkennzeichnung. Sie basieren auf einer Art finanziellen Wälzung für den Ökostrom, der mit der EEG-Umlage gefördert wird. Im Gegenzug können die Versorger den Anteil von Strom aus fossilen und nuklearen Quellen herunterrechnen.  

 

EEG-Anteil erweckt falschen Eindruck

 

Beim Kunden entsteht dadurch ein falscher Eindruck. Denn der Anteil der EEG-Umlage an der Stromrechnung beträgt bei normalen Haushaltskunden 46 Prozent. Wenn ein Stromversorger wie EnBW also einen besonders hohen EEG-Strom-Anteil hat, bedeutet das nur, dass die meisten Kunden die volle Umlage zahlen. Bei Anbietern wie RWE ist der Anteil hingegen geringer, weil sie mehr industrielle Kunden haben, die teilweise von der EEG-Umlage befreit sind.

Der EEG-Anteil errechnet sich auf Basis eines jährlich von den Übertragungsnetzbetreibern veröffentlichten EEG-Quotienten, der gezahlten EEG-Umlage und der gelieferten Strommenge nach Kundengruppe. Die Versorger müssen diese Daten einmal jährlich zur Prüfung an die Bundesnetzagentur übermitteln. 

 

Der Ökostrom-Initiative sind besonders jene Energieanbieter ein Dorn im Auge, die einen vermeintlichen, besonders hohen Grünstromanteil aktiv bewerben. In einer Pressemitteilung der Stadtwerke Schweinfurt heißt es etwa, mit 45,14 Prozent Strom aus Erneuerbaren Energien aus dem EEG liege man über dem bundesweiten Durchschnitt von 31,8 Prozent. Dabei sind die Stadtwerke in Wahrheit nicht besonders grün: Der tatsächliche Grünstrom-Anteil liegt gerade mal bei 2,63 Prozent.

 

Brüssel will ebenfalls Änderungen

 

Um Abhilfe zu schaffen, plädiert die Initiative dafür, die EEG-Umlage künftig gesondert vom tatsächlichen Strom-Mix des Anbieters auszuweisen. Dies würde den Kunden mehr Klarheit verschaffen, argumentieren sie. Darüber hinaus könne man viel genauer darstellen, wie hoch der Beitrag der Verbraucher zur Energiewende ist, so ein Lichtblick-Sprecher. So ließe sich zum Beispiel anhand der EEG-Umlage genau darstellen, wie viele Kilowattstunden Ökostrom der Kunde mit seinem Beitrag gefördert hat.

 

Die Verbraucherzentrale und der BNE wollen sich hingegen noch nicht festlegen, wie eine Alternative aussehen könnte. BNE-Sprecher Wiedemann verweist darauf, dass die EU-Kommission das Thema bereits aufgegriffen und in ihrem Winterpaket entsprechende Änderungen angekündigt hat. Brüssel will mehr Transparenz für die Verbraucher durchsetzen, allerdings fehlen im Richtlinienentwurf noch genauere Vorgaben. Vzbv- Sprecher Engelke betont, die Verbraucher müssten beide Informationen erhalten: Sowohl den EEG-Anteil als auch den tatsächlich eingekauften Strom. Dies könne in einer zusätzlichen Grafik oder über einen Erklärtext erfolgen.

 

Jutta Maier
Keywords:
Lichtblick | Verbraucherschützer | Reform | Ökostrom | Stromkennzeichnung | BNE | BDEW
Ressorts:
Governance

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