Konjunkturpaket
04.06.2020

Verbrenner werden zu Ladenhütern

Foto: iStock
Bei den Autohändlern stehen nach wie vor Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren, wenige E-Autos.

Die Kritiker allgemeiner Kaufprämien haben sich durchgesetzt: Nur für alternative Antriebe, nicht für Verbrenner zahlt der Staat Zuschüsse – und erhöht die bisherigen Summen. Fraglich ist, ob die Förderung die Elektromobilität wirklich anschieben kann.

Verbrauchern in Deutschland soll der Autokauf mit deutlich aufgestockten Kaufprämien für Elektrofahrzeuge und einer Senkung der Mehrwertsteuer schmackhaft gemacht werden. So will die Bundesregierung auch die eingebrochene Nachfrage wieder ankurbeln und drohenden Jobverlusten in der Schlüsselindustrie vorbeugen.

Anzeige

Anzeige

Die große Koalition in Berlin hatte sich am Mittwochabend nach langen Verhandlungen auf ein Konjunkturpaket zur Stützung der Wirtschaft in der Corona-Krise geeinigt. Es hat einen Gesamtumfang von 130 Milliarden Euro. Aus dem Verband der Automobilindustrie (VDA) hieß es am Donnerstag, die Hersteller wollten den Preisvorteil aus der darin vorgesehenen Mehrwertsteuersenkung voll an ihre Kunden weitergeben. Im Übrigen bedauere man aber, dass der Bund "die Vorschläge für einen breit angelegten und unmittelbar wirksamen Konjunkturimpuls nur zum Teil aufgenommen" habe. Die Branche hatte zusätzliche Kaufanreize auch für Wagen mit modernen, abgasarmen Verbrennungsmotoren verlangt.

Union und SPD beschlossen höhere Prämien nur für Alternativantriebe. Die Förderung des Bundes für die bestehende "Umweltprämie" soll befristet bis Ende 2021 für E-Autos mit einem Nettolistenpreis von bis zu 40.000 Euro von 3000 auf 6000 Euro steigen. Dazu kommt eine Förderung der Hersteller. Zudem sollen weitere 2,5 Milliarden Euro in den Ausbau des Ladenetzes gesteckt sowie Forschung und Entwicklung etwa bei der Batteriezellfertigung stärker unterstützt werden.

Hersteller sehen guten Kompromiss

Automobilhersteller äußerten sich positiv: Der Autobauer Daimler sieht in dem Konjunkturpaket der Bundesregierung einen "guten, überparteilichen Kompromiss". Die Absenkung der Mehrwertsteuer sei ein wichtiges Signal zur Stärkung der Binnennachfrage. "Die im Zukunftspaket enthaltenen Maßnahmen für klimafreundliche Mobilität von Nutzfahrzeugen und Pkw sind sinnvoll und unterstützen unsere zentralen Aufgaben der Transformation der Automobilindustrie: Digitalisierung und CO2-Neutralität."

Auch der VW-Konzern sieht die ausgeweitete Förderung von Elektro- und Hybridautos als sinnvollen Schritt zur Stützung der Konjunktur und Autobranche in der Corona-Krise. "Wir halten das für einen guten, wichtigen Impuls", hieß es am Donnerstag aus der Unternehmenszentrale in Wolfsburg. Das gesamte Programm der Bundesregierung könne dazu beitragen, "die Menschen in der Krise zu unterstützen und Stimmung und Verhalten positiv zu beeinflussen".
Autohändler mit Konjunkturpaket nicht glücklich.

Autohandel zeigt sich enttäuscht

Ursprünglich hatte sich jedoch sowohl Daimler als auch Volkswagen vom Konjunkturpaket jedoch deutlich mehr erhofft. Vorstandschef Herbert Diess forderte "baldige kraftvolle Maßnahmen", die auch moderne Verbrenner einschließen sollten. Und auch der Autohandel sieht das Konjunkturpaket der Koalition sehr kritisch. Die Senkung der Mehrwertsteuer und damit des Autopreises um ein paar hundert Euro sei kein wesentlicher Kaufanreiz - aber die zeitliche Befristung "schafft uns ein Bürokratiemonster", sagte Thomas Peckruhn, Sprecher der Markenhändler und Vizepräsident des Zentralverbands Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK), am Donnerstag. Denn bis Juli nehme kein Kunde mehr sein Auto ab, und wenn ein im zweiten Halbjahr bestelltes Auto erst im Januar geliefert werde, schaffe das Ärger und Verdruss. Für den Autohandel sei das "welt- und realitätsfremd".

Die Aufstockung der Prämie für Elektro- und Hybridautos helfe dem Handel auch nicht, seine Lagerbestände abzubauen. Im Handel stünden vor allem Benziner und Diesel, die auch den Großteil der Autoproduktion ausmachten. "Das ist konjunkturell eine sehr zweifelhafte Maßnahme", sagte Peckruhn.

Umweltschützer begrüßen Verbrenner-Ausschluss

Bei Umweltschützern traf der Ausschluss von Dieseln und Benzinern aus der Förderung im Kern auf Zustimmung. "Die Entscheidung gegen Autokaufprämien für klimaschädliche Verbrenner und die Förderung von E-Autos ist der richtige Weg hin zur dringend nötigen Mobilitätswende in Deutschland", meinte etwa Naturschutzbund-Geschäftsführer Leif Miller.

BUND-Verkehrsexperte Jens Hilgenberg sieht jedoch auch Schlupflöcher. Er bemängelte, die Berücksichtigung von Plug-in-Hybriden komme einer "Kaufprämie für Verbrenner durch die Hintertür" gleich. Wenn nicht mindestens 70 bis 80 Prozent der Strecke elektrisch gefahren würden, sei das Auto de facto ein Verbrenner. Höhere Prämien für E-Autos im bestehenden System schließen auch Plug-ins in den "Umweltbonus" ein. Die Frage "des optimierten Nutzungsgrades des elektrischen Antriebs bei Plug-in- Hybridfahrzeugen" soll aber noch diskutiert werden.

Greenpeace nannte das Konjunkturprogramm "bestenfalls blassgrün" und die Aufstockung der Prämie auch für Hybridautos ökologisch unsinnig. Der Verbrennungsmotor sei aber der große Verlierer der Entscheidung, sagte Klimaexperte Tobias Austrup: "Dem technologischen Auslaufmodell ist die politische Unterstützung abhanden gekommen." Die Senkung der Mehrwertsteuer sei allerdings ein Geldverteilen "mit der Gießkanne".

Auto-Neuzulassungen im Sturzflug

Im Mai blieben die Auto-Neuzulassungen in Deutschland wegen der starken Kaufzurückhaltung durch die Viruskrise im Sturzflug. Im Vergleich zum Vorjahresmonat sackten sie um fast die Hälfte ab. Der Marktanteil alternativer Antriebe ist weiter relativ gering - aber das Wachstum zieht inzwischen spürbar an. Bei reinen E-Autos betrug das Zulassungsplus im Mai 20,5 Prozent, bei Hybriden 18,3 Prozent.

Die Branchenexpertin Ellen Enkel sagte, eine Konzentration der Förderung auf E-Fahrzeuge bringe den deutschen Herstellern eher wenig: "Davon profitieren in erster Linie ausländische Hersteller." Nur ein Viertel der förderfähigen E-Autos seien deutsche Modelle. Die Prämienerhöhung bringe vor allem etwas für Kleinwagen der Importeure.

Studie: E-Auto-Prämie wenig entscheidend

Fraglich ist zudem, ob die Förderung die Elektromobilität wirklich anschieben kann: Wer in Deutschland ein E-Auto kauft, dem ist einer Studie zufolge eine Kaufprämie weniger wichtig. Ausschlaggebend waren laut der Befragung von gut 1000 Menschen in Deutschland dagegen die Kilometerkosten der Elektroautos und Umweltaspekte. "Nur acht Prozent der potenziellen deutschen E-Auto-Käufer geben an, dass staatliche Förderungen ihre Kaufentscheidung massiv beeinflussen", teilte die Unternehmensberatung Pricewaterhouse Coopers (PwC) mit, die die Studie von ihrer globalen Strategieberatung erstellen ließ.

Auffällig ist demnach auch, dass Hersteller die Einflüsse auf die Kaufentscheidung ihrer Kunden falsch einschätzen. Auf die Frage, welche Faktoren die Kunden hauptsächlich zum Kauf bewegen, fiel die Antwort unter den 13 befragten Hersteller am häufigsten auf Zugang zu Umweltzonen in Stadtzentren und das Fahrerlebnis. Die ambitionierten Verkaufsziele für E-Autos seien nur zu erreichen, wenn es zu einer Veränderung in der Kundenansprache Verkauf käme, schlussfolgern die PwC-Experten.

Lesen Sie auch: Kaufprämie für Autos nimmt Fahrt auf

Lesen Sie auch: Konjunktur für Klimaschutz

Lesen Sie auch: Sachverständige lehnen Autokaufprämie ab

ck/dpa
Keywords:
Autoindustrie | Elektromobilität
Ressorts:
Governance | Markets
 

Newsletter bestellen – Wunschausgabe erhalten

Jetzt den wöchentlichen
Newsletter bizz energy weekly abonnieren
und eine Ausgabe
Ihrer Wahl kostenlos erhalten.

Hier geht es zur Aktion!

 
 

bizz energy Research

Energie, Digitalisierung und Mobilität.
Unsere Factsheets bieten visualisierte Daten, liefern Fakten und stellen Zusammenhänge zu den Top-Themen der Energiewende dar.


Mehr Informationen