BIZZ-Exklusiv
24.07.2013

Verkauft Vattenfall!

Valentin Kaden, Titelbild: Vattenfall

Für Schwedens Regierung ist jetzt ein guter Zeitpunkt das Deutschlandgeschäft seines Staatskonzerns abzustoßen, meint Gerard Reid in seiner Kolumne für BIZZ energy today.

Über die Zukunft von Vattenfall Deutschland wird viel spekuliert. Warum? Nun, immerhin steht die schwedische Regierung als Eigentümer von Vattenfall an der Spitze im Kampf gegen den Klimawandel. Das klar verkündete Ziel lautet: Schweden soll bis 2030 unabhängig von fossilen Energieträgern und bis 2050 sogar vollkommen CO2-neutral werden. 

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Das Staatsunternehmen Vattenfall ist Instrument dieser Politik und steht unter gehörigem Druck: Es muss seine CO2-Emissionen bis 2020 um ein Drittel reduzieren. Dieses Ziel wäre für Vattenfall mit seinem Park aus Wasser- und Kernkraftwerken in Schweden leicht zu erreichen. Problematisch ist allerdings der deutsche Konzernzweig, der 80 Prozent seiner Stromproduktion mit Hilfe des schmutzigsten Energieträgers erzeugt: Braunkohle. Nach aktuellem Geschäftsbericht werden die Emissionen in diesem und nächstem Jahr sogar noch weiter steigen, wenn weitere Kohlekraftwerke ans Netz gehen.

Der deutsche Konzernteil ist hochprofitabel, weil seine Braunkohleverstromung brummt und der Emissionshandel keine Gefahr mehr darstellt. Der sollte emissionsreichen Anlagen nach den Plänen der EU-Kommission eigentlich den Garaus zu machen – indem der Erwerb fehlen- der Emissionsrechte zu teuer wird.

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Kohle ist zu billig

Doch aktuell dümpelt der Preis für CO2- Verschmutzungsrechte unter drei Euro pro Tonne, zehn Prozent seines Werts von 2008 und weit hinter den Planungen der EU-Kommission, die bis 2020 mit mehr als 20 Euro pro Tonne kalkulierte. Nun lehnte das EU-Parlament auch noch den Vorschlag der EU-Kommission ab, 900 Millionen Zertifikate aus dem Markt zu nehmen, um den CO2-Preis zu stützen. Eine konkrete Folge zeigt das Beispiel des Essener Stromriesen RWE. Der emittierte 2011 mit 140 Millionen Tonnen CO2 rund 51 Millio-nen Tonnen mehr als zugewiesen. Zu Spitzenzeiten von 31 Euro pro Tonne CO2 hätte der nötige Zukauf von Zertifikaten RWE 1,5 Milliarden Euro gekostet. Doch auf Basis des Preises im März von nur 2,65 Euro müsste RWE lediglich 135 Millionen Euro zahlen.

Was ist also beim Emissionshandel so sehr schiefgelaufen? Vier Faktoren sind zu nennen. Erstens: Es wurden von Anfang an zu viele kostenlose Zertifikate an Unternehmen verteilt, um sie mit ins Boot zu holen. Zweitens: Die Flut billiger CDM-Zertifikate, mit denen Unternehmen im Rahmen des „Clean Development Mechanism“ in Schwellen- und Entwicklungsländern ihre heimischen Emissionen auszugleichen konnten; viele CDM-Projekte besitzen zweifelhafte CO2-Langzeitwirkungen. Drittens: Wegen des schwachen Wirtschaftswachstums nach der Finanzkrise 2008 sind auch die Emissionen zurückgegangen. Die langfristige Prognose, auf der die Vergabe beruht, hatte das nicht vorhergesehen. Viertens: Der Ausbau der erneuerbaren Energien und die Investitionen in Energieeffizienz haben die Nachfrage nach fossilen Energieträgern ebenfalls reduziert.

Wie auch immer diese vier Gründe im Einzelnen zu gewichten sind, die Folge ist eindeutig: Der Preisverfall bei den Zertifikaten hat Kohle – erneut – zum billigsten Stromlieferanten gemacht. Während EU-weit die CO2-Emissionen um 1,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen sind, stieg der Ausstoß der beiden größten Emittenten Deutschland (plus ein Prozent) und Großbritannien (plus fünf Prozent) –obwohl beide Länder viel Geld in Erneuerbare und Energieeffizienz stecken. Grund: Kohleschlote ersetzen Gaskraftwerke. Die deutsche Energiestatistik für 2012 zeigt: Die Stromproduktion aus Gas ging gegenüber 2011 um 17,8 Prozent zurück; im Gegenzug stieg der Braunkohleanteil um sieben Prozent, Steinkohle sogar um 9,8 Prozent. 

Nicht frei von Ironie ist die Tatsache, dass ausgerechnet der notorische Klimasünder USA aktuell mit den niedrigsten CO2-Emissionen seit 20 Jahren aufwarten kann, ganz ohne Kyoto- Protokoll. Der Grund: Der Schiefergasboom im Land. Bei der Stromproduktion setzen die USA nun verstärkt auf Gas und weniger auf Kohle. Wegen der geringen Binnennachfrage exportiert die USA nun Kohle ins Ausland. Die Ausfuhren nach Europa erhöhten sich laut US-Energie- ministerium in Jahresfrist sprungartig um 23 Prozent.

Aber der billige Kohlepreis hat weitreichende, fatale Folgen: Fortschrittliche Energieversorger, die in neue effiziente Gaskraftwerke investierten, werden bestraft, sie können oft sogar nicht einmal ihre Kapitalkosten decken.

Was nun?

Ein klares Bekenntnis der EU zum Emissionshandel wäre wünschenswert, ist aber nicht zu erwarten. Einzelne Regierungen müssten ein Ausrufezeichen setzen. Deutschland könnte beispielsweise die Energiesteuer in eine CO2-Steuer umwandeln. Schwedens Regierung könnte den aktuellen Braunkohle-Boom (der nicht ewig bestehen wird) nutzen, um die deutsche Vattenfall-Sparte möglichst teuer zu verkaufen. Das scheint nur noch eine Frage der Zeit. Es würde einige Leute wachrütteln. Aber wer würde Braunkohleanlagen heutzutage kaufen wollen? Bis vor ein paar Monaten hätte ich das nur den Chinesen zugetraut. Doch jetzt glaube ich: Weil Klimaschutz auf der europäischen Aganda inzwischen so weit unten steht, würden auch risikofreudige europäische Investoren bei Vattenfall zugreifen. 

 

Gerard Reid zählt weltweit zu den Top-Finanzanalysten für erneuerbare Energien. Für die Wall-Street- Investmentbank Jefferies baute er den Bereich Renewables auf. Anschließend gründete er mit Alexa Capital seine eigene Beratungsgesellschaft. 2011 erschien sein Buch „Asiens Ener- giehunger – Rohstoffe am Limit“. Reid hat am Imperial College in London eine Finance-Professur inne. Last but not least: Gerard Reid ist Chefökonom von BIZZ energy today. 

 

Gerard Reid
Keywords:
Vattenfall | Emissionshandel | Gerard Reid | Kohlekraft | Kohlepreis | BIZZ-Exklusiv
Ressorts:
Finance | Markets

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