Elektromobilität
01.08.2018

Verteilerkästen als Ladesäulen: Telekom-Projekt lahmt

Foto: Deutsche Telekom
Verteilerkästen als Ladestationen für E-Autos? Die Hürden für die Deutsche Telekom sind hoch.

Die Deutsche Telekom wollte eigentlich 12.000 ihrer Verteiler am Straßenrand unter dem Namen „Comfort Charge“ zum Laden von E-Autos aufrüsten. Doch das Vorhaben droht ein Flop zu werden.

Im November klang bei Telekom-Vorstandschef Timotheus Höttges alles noch ganz einfach: „Wir haben in Deutschland 380.000 Kabelverzweiger. Jeder dieser grauen Kästen hat eine Stromversorgung, eine Batteriepufferung, eine digitale Messstelle“, sagte er auf einem Kongress in Berlin über den Plan, tausende Ladepunkte für E-Autos in Deutschland aufzurüsten. „Da müssen wir vorne nur einen Stöpsel dranmachen, dann können alle Elektroautos daran tanken.“

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Im Frühjahr räumte der Telekom-Chef ein, dass nur 12.000 der Verteilerkästen überhaupt als Standorte zum Stromladen geeignet seien. Pro Verteilerkasten könnten zwei Elektroautos gleichzeitig laden. 500 Stationen sollten mit einer Leistung von 100 Kilowatt (kW) ausgestattet werden, der Rest mit nur 22 kW laden. Für die Realisierung des 300 Millionen Euro schweren Projekts gründete die Telekom Anfang des Jahres eine Tochtergesellschaft, die inzwischen unter „Comfortcharge“ firmiert.

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Telekom: „Mit der Planung beschäftigt“

Aktuell sollen sich bereits Prototypen am Olympiastadion in München sowie im mecklenburgischen Wittenburg im Einsatz befinden. Doch die eigentlich für April geplanten ersten Ladepunkte im Serienbetrieb gibt es immer noch nicht. Zwei Markenanmeldungen vom Dezember 2017 für den Namen „Comfort Charge“ beim Deutschen Patent- und Markenamt wurden inzwischen zurückgezogen. Auch für die Schreibweise „Comfortcharge“ existiert weiterhin kein Internet-Auftritt, und die Ladesäulen-Liste der Bundesnetzagentur (Stand: 2. Juli 2018) enthält bisher keine einzige Station der Telekom-Tochter.

Auf Nachfrage von bizz energy erklärt der Konzern, man sei momentan mit der Planung und Realisierung von Ladeinfrastruktur im gesamten Bundesgebiet beschäftigt. „Dabei wird – je nach regionalen Anforderungen und Förderungsmaßnahmen – normale und Schnell-Ladeinfrastruktur errichtet, teilweise an Gebäuden der Telekom, aber auch in der Nähe der ‚grauen Kästen‘.“ Zunächst sei der Aufbau von Schnell-Ladestationen mit einer Leistung von jeweils mindestens 100 kW aufwärts geplant.

Ein Plan mit vielen Haken

Doch der Plan hat gleich mehrere Haken: Die an den Verteilerkästen der Telekom verfügbare Leistung reicht für derartige Schnell-Ladestationen nicht aus – womit die Ursprungsidee geplatzt wäre. Zudem haben die Verteilnetzbetreiber, die der Telekom den Strom für ihre Verteilerkästen liefern, womöglich gar kein Interesse daran, dass dieser als Ladestrom weiterverkauft wird. Denn Stromanschlüsse sind für die Verteilnetzbetreiber das geringste Problem, wenn es um die Einrichtung öffentlicher Ladesäulen geht. Zudem werden diese üblicherweise an Stellen mit mindestens zwei Parkplätzen installiert, so dass sich über einen Ladepunkt zwei Fahrzeuge laden lassen.

Die Verteilerkästen der Telekom stehen aber in der Regel nicht zwischen zwei Parkplätzen, sondern eher am Rande des Bürgersteigs. Eine Parkbucht ließe sich an vielen Standorten nicht so schnell einrichten. Ein weiteres Hemmnis dürfte darin bestehen, dass sich die Verteilerkästen auf öffentlichem Grund befinden. Die Nutzung öffentlicher Verkehrsflächen für die Energieversorgung wird üblicherweise von den Kommunen über einen Konzessionsvertrag geregelt. Dieser räumt dem jeweiligen Netzbetreiber exklusive Nutzungsrechte ein, für welche dieser eine sogenannte Konzessionsabgabe entrichtet.

Spät dran im Rennen um die Ladeinfrastruktur

Hinzu kommt, dass Ladestationen ab einer Anschlussleistung von 4,6 Kilovoltampere (kVA) anmeldepflichtig sind, so schreiben es die Technischen Anschlussbedingungen für das Niederspannungsnetz vor. Bei mehr als 12 kVA müssen die Säulen erst genehmigt werden. Die Betreiber wollen sich mit den Vorgaben vor einer Überlastung ihrer Netze schützen. Grundsätzlich abgelehnt wurde in Deutschland zwar noch kein Ladepunkt. Es kam jedoch schon zur Zeitverzögerungen, weil das betreffende Netz erst ausgebaut werden musste.

Die Deutsche Telekom räumt auf Anfrage ein, sie sei auf die Kooperation mit Städten und Kommunen angewiesen, um Parkmöglichkeiten in der Nähe der Verteilerkästen zu schaffen. Außerdem setzt der Bonner Konzern auf die Unterstützung des Bundes in Form von Fördergeldern. Doch zu allem Überfluss ist die Telekom mit ihren Plänen auch noch spät dran: Das Rennen um den Aufbau einer Ladeinfrastruktur hat längst begonnen. Auch mit ihrem Anspruch, ein bundesweites Netz aufzubauen statt nur Regionalversorger zu sein, ist die Telekom bei weitem nicht allein: Die großen Autohersteller schaffen bereits gemeinsam eine nationale Ladeinfrastruktur, und auch große Energieversorger und Stadtwerke vernetzen ihre Ladestationen bundesweit. 

Der Bonner Konzern will nicht einmal seine langjährigen Erfahrungen bei der Bilanzierung von Dienstleistungen nutzen: Statt das Laden bundesweit flächendeckend abzurechnen, sollen die lokalen Energieerzeuger für Lieferung und Abrechnung des Stroms verantwortlich sein. Dabei könnte die Telekom gerade punkten, wenn sie dies über das Mobilfunk-Konto regeln würde. Doch der Konzern erklärt dazu nur: „Die Comfortcharge startet als Charge Point Operator. Dieser errichtet und betreibt Ladeinfrastruktur.“ Ein Türchen hält sich das Unternehmen in diesem Punkt allerdings offen: Zusätzliche Geschäftsmöglichkeiten würden geprüft, heißt es.

Lesen Sie auch: Telekom macht plötzlich Dampf bei E-Ladepunkten

Christoph Jehle
Keywords:
Elektromobilität | Ladeinfrastruktur | Telekom
Ressorts:
Technology | Markets

Kommentare

Warum sollen Verteilnetzbetreiber kein Interesse daran haben, dass der Strom für die Verteilerkästen als Ladestrom weiterverkauft wird? - Den VNB interessiert die durch einen Ladevorgang entstehende Netzbelastung. Mit dem Stromverkauf hat er nichts zu tun.

installieren in den von ihnen versorgten Gemeinden eigene Ladepunkte. Das hilft, die Marke bekannt zu machen. Wenn die Abrechnung nicht über die Telekom, sondern über den regionalen Stromversorger erfolgt, kann der das Geschäft auch gleich selbst und ohne Zwischenhändler machen.

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