Interview Claus Sauter
18.10.2012

Verursachen Biokraftstoffe Hungersnöte?

Verbio
Verbio-Chef Sauter (links) hier neben dem Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Reiner Haseloff (CDU)

Claus Sauter,Gründer und Geschäftsführer des Biokraftstoffherstellers Verbio im Interview über die Tank-Teller-Diskussion und die Pläne der EU-Kommission, den Anteil von Biokraftstoffen aus Nahrungsmitteln zu senken.

BIZZ energy today: Herr Sauter, verursachen Biokraftstoffe Hungersnöte? 

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Claus Sauter: Aktuell stellt sich diese Frage nicht. Die Leute vergessen, dass wir bis 2007 Flächenstilllegungen in der EU hatten. Die Bauern haben Geld damit verdient, dass sie nichts anbauten. Es gab zu viel Getreide. Biokraftstoffe hatten einen positiven Effekt, weil sie halfen, Überschüsse zu kanalisieren. Biodiesel ist etwa entstanden, weil niemand wusste, wohin mit dem ganzen Pflanzenöl. Dennoch ist es wichtig, über die Konkurrenz von Nahrungsmittel- und Biokraftstoff-Produktion zu diskutieren.

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Entwicklungsminister Dirk Niebel will E10 aber abschaffen.

Sauter: Das ist eine falsche Diskussion. Die USA, die aktuell eine schwere Dürre erleben,  reduzieren ihre Biokraftstoff-Quote nicht. Und das, obwohl sie pro Jahr 170 Millionen Tonnen Mais zu Ethanol verarbeiten. In Deutschland nutzen wir vielleicht 300.000 Tonnen dafür. Wir hatten sehr gute Ernten. Außerdem gibt es überhaupt keine Verpflichtung, E10 in den Markt zu bringen. Es ist ein Produkt der Mineralölwirtschaft. Die Quote lässt sich auch anders erfüllen, etwa mit Biomethan. Für die Mineralölbranche lohnt sich E10 aber. Weil die Verbraucher es nicht annehmen, zahlen sie lieber freiwillig vier Cent mehr pro Liter für anderen Superkraftstoff. Das beschert den Ölunternehmen einen Zusatzerlös von rund einer Milliarde Euro.

Die Biokraftstoffquoten sind also nicht zu hoch?

Sauter: Es geht um den Ausblick. Die EU-Ziele für 2020 bedeuten eine Verdopplung des Biokraftstoffanteils. Das können wir nicht mit herkömmlichem Pflanzensprit aus Raps oder Roggen abdecken. Dafür brauchen wir andere Sorten, etwa Biomethan aus agrarischen Reststoffen. Das ist heute schon wettbewerbsfähig.

Die EU erwägt, ihre Biokraftstoff-Ziele zu senken. Es sollen weniger Treibstoffe aus Nahrungsmittelpflanzen in den Markt kommen. Ein richtiger Schritt?

Sauter: Ich begrüße das. Endlich steht in der EU-Kommission die nachhaltige und nahrungsmittelunabhängige Produktion von Biokraftstoffen im Fokus. Es ist richtig, die Treibhausgasminderung für alle Biokraftstoffe auf mindestens 50 Prozent zu erhöhen. Das kommt innovativen Herstellern entgegen.

Verbio
Mit einem Umsatz von 750 Millionen Euro und 800 Mitarbeitern gehört das Leipziger Unternehmen zu den größten Biokraftstoffherstellern Deutschlands. In seinen Anlagen lässt der 46-Jährige rund 20 Prozent der deutschen Raps­ernte zu Biodiesel verarbeiten. Der studierte Betriebswirt eröffnete im Jahr 2000 seine erste Biodieselanlage – weitere folgten. Im Jahr 2006 gingen die zur Verbio AG vereinigten Einzel­unternehmen an die Börse.

Karsten Wiedemann
Keywords:
Biokraftstoffe | Bioenergie
Ressorts:
Markets | Community

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