Elektromobilität
04.11.2019

VW baut in Zwickau „Volks-Elektroauto“

Foto: Volkswagen AG
Im Werk Zwickau läuft die Fertigung des ersten reinen Großserien-Elektroautos von Volkswagen an.

Hoffnungsträger für Volkswagen und für Deutschland: Der größte deutsche Autokonzern will mit dem Produktionsbeginn des ID.3 ins Elektro-Zeitalter aufschließen.

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Das Volkswagen-Werk Zwickau: Graue Fabrikhallen, wohin das Auge blickt. Nur eines der quaderförmigen Gebäude ist knallbunt verziert. Hier feierte der Konzern am Montagvormittag den Produktionsstart des ID.3. Auf dem Mittelklassewagen lasten dabei enorme Hoffnungen: Er ist das erste richtige Elektroauto des VW-Konzerns. Kanzlerin Merkel sieht in dem Gefährt einen wichtigen Teil der Mobilitätswende. Sie erwarte, dass das neue Auto „wie Käfer und Golf zu einem wahren Volks-Wagen wird“, sagte sie vor Ort bei der Enthüllung der offiziell ersten Exemplare. Für Konzernchef Herbert Diess hängt von dem Auto das Schicksal des Unternehmens ab: „Ob es zum Niedergang der deutschen Autoindustrie kommt oder nicht, liegt bei uns.“

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Der Produktionsstart des ID.3 ist tatsächlich von hohem Symbolwert. Er steht nicht nur für die geistige Trendwende im VW-Konzern, dem noch vor wenigen Jahren die Umwelt so egal war, dass er mit Abgaswerten getrickst hat. Er steht auch für die Weiterentwicklung des Standorts Deutschland. „Mit Recht kann man sagen, dass VW heute in eine neue Ära geht“, sagt Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer vom Center Automotive Research der Universität Duisburg-Essen. „Es ist ein historisches Ereignis.“

Standard-Auto für ganz normale Leute

Der ID.3 ist nach Ansicht von Experten so wichtig, weil der wichtigste deutsche Autohersteller damit in die Liga von Tesla, BYD oder Nissan aufschließt. Denn es waren in den vergangenen Jahren ausschließlich Firmen aus den USA, China und Japan, die ernstgemeinte Massenproduktion von batteriebetriebenen Wagen in Angriff genommen haben. Zugleich haben sie mit ihren futuristischen Ingenieurleistungen ein modernes Image aufgebaut, neben dem deutsche Produkte plötzlich alt aussahen. Deshalb platziert Diess den ID.3 nun anstelle des Golfs in der Mitte der VW-Modellpalette – so wie dieser einst den Käfer verdrängt hat. Der elektrische ID.3 will also das Standard-Auto für ganz normale Leute sein.

Dazu musste der ID.3 nicht das beste oder modernste Elektroauto der Welt sein, aber er muss hohe Zuverlässigkeit bei schönem Design zu einem akzeptablen Preis bieten. Das scheint gelungen zu sein. Das Modell mit der kleinsten Batterie kostet knapp 30.000 Euro, mit Förderung werden daraus 26.000 Euro. Das sind zwar noch einige Tausend Euro mehr als ein einfacher Golf, aber der Preis soll in den kommenden Jahren weiter sinken. Der ADAC spricht daher schon vom „Volks-Elektroauto“. Das Einstiegsmodell erlaubt allerdings nur eine Reichweit von 330 Kilometern. Wer mit einer Ladung 550 Kilometer weit fahren will, muss wohl rund 15.000 Euro mehr ausgeben – Batterien sind teuer. Dafür hat das Ding aber auch 204 PS.

Der Markt steckt noch in den Anfängen

Damit zieht Deutschland mit den Herstellerländern gleich, die schon seit Jahren reguläre Serienmodelle für den Massenmarkt hervorbringen; Tesla ist kein Schreckgespenst aus einer anderen Welt mehr, sondern ein Konkurrent auf dem gleichen Feld. Nach Ansicht von Experten wie Dudenhöffer ist es durchaus nicht zu spät, um den Anschluss zu halten. In der Wirtschaftsgeschichte sind nicht nur die Pioniere einer Technik erfolgreich. Google war nicht die erste Internet-Suchmaschine, Toyota nicht der Erfinder des Autos und Osram nicht der erste Anbieter von Glühlampen. Aber sie waren in entscheidenden Punkten besser als die Vorreiter und konnten sich daher durchsetzen. Der Markt für E-Mobilität steckt noch in den Anfängen.

Doch ob der deutschen Automobilindustrie das Umsteuern trotz des Rückstands noch klappt, hängt laut Diess davon ab, ob Deutschland selbst ein echter Referenzmarkt für die neue Technik wird. Diess verlangte deshalb zum Produktionsstart des ID.3 eine höhere CO2-Besteuerung, als die Bundesregierung sie bisher vorsieht. Die Forderung eines Autobosses nach strikten Umweltgesetzen klingt wie verkehrte Welt, ist aber betriebswirtschaftlich logisch. VW investiert in den kommenden Jahren 30 Milliarden Euro in die Elektromobilität. Damit sich das lohnt, müssen die Kunden auch zugreifen. Diess gab sich deshalb auch sonst völlig gewandelt. Er rechnete vor, dass die von VW hergestellten Autos für ein ganzes Prozent des weltweit ausgestoßenen Kohlendioxids verantwortlich sind. Er klang damit wie ein Tabak-Boss, der in einer öffentlichen Rede ausgiebig von Lungenkrebs spricht.

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Keywords:
Elektromobilität | Volkswagen
Ressorts:
Markets

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