Kolumne Gerard Reid
10.03.2016

Was der Ölpreisverfall global bedeutet

foto: Deposit, Illustration: Valentin Kaden
Gerard Reid.

Taumelt die Welt in eine Wirtschaftskrise? Wohl nicht, denn in den meisten Ländern überwiegen die positiven Auswirkungen.

 

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So billig war Öl schon lange nicht mehr: Mit deutlich unter 30 Dollar pro Fass notiert Öl auf dem Preistief von 2003. An der Tankstelle kostet ein Liter Benzin nun meist weniger als eine Flasche Sprudel. Abhängig vom Blickwinkel sind die Auswirkungen des Preisverfalls völlig unterschiedlich. Für Ölimporteure wie Deutschland mag er eine schöne Sache sein, für ein Exportland wie Nigeria oder die Besitzer von Unternehmensanleihen der Ölindustrie sieht es dagegen nicht so rosig aus.

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Öl ist so wichtig für die Weltwirtschaft, dass Kriege darum geführt werden. Und jedes Mal, wenn die Preise blitzschnell gestiegen sind – 1973, 1979, 1990 und 2008 – war das Resultat eine globale Rezession. Jetzt wird allerdings spekuliert, dass ausgerechnet die niedrigen Preise ebenfalls eine Wirtschaftskrise auslösen. Die Theorie lautet wie folgt: Das Ramsch-Öl untergräbt das Vertrauen der Investoren in die Märkte, zugleich geraten Banken in Schwierigkeiten, die viel Geld an Fördergesellschaften verliehen haben. Das wiederum zieht die Investitionen nach unten, was schließlich den Arbeitsmarkt und damit auch die Konsumenten betrifft.

Um es noch komplizierter zu machen: Die schwache Weltwirtschaft könnte den Ölbedarf senken, was dessen Preis noch weiter nach unten treibt. Eine Abwärtsspirale droht: fallende Ölpreise, Konzerne im Krisenmodus, schwindendes Vertrauen der Investoren und Konsumenten.

Besonders betroffen sind von den Auswirkungen Länder, deren Staatshaushalte weitgehend von Öleinnahmen abhängen, zum Beispiel Russland und Venezuela. Dass andere Rohstoffpreise ebenfalls im Keller sind, macht es nicht besser, denn Ölexporteure sind auch meistens in anderen Rohstoffmärkten aktiv. Zum Kreis der Betroffenen gehören auch die USA und Großbritannien, auch wenn deren Volkswirtschaften viel breiter aufgestellt sind.

Hinzu kommt noch ein weiterer negativer Effekt: Öl wird in Dollar gehandelt. Der Preisverfall führt deshalb zu einer Abwertung der Währungen von Exportländern, wie wir am Beispiel von Russland oder Brasilien eindrucksvoll beobachten können. Während der Ölpreis seit 2011 um drei Viertel gefallen ist, hat der brasilianische Real immerhin noch um 40 Prozent abgewertet und der russische Rubel um 30 Prozent. Das wiederum führt dazu, dass die Ölindustrie dort geringere Lohnkosten hat und mildert den Schock für die Unternehmen etwas ab. Aber die Kaufkraft der Ölarbeiter und der dortigen Bevölkerung leidet entsprechend. Kein Wunder also, dass viele ölexportierende Länder in eine tiefe Rezession gerutscht sind. Zum Glück sind allerdings nur zwei der zehn wirtschaftsstärksten Länder betroffen: Russland und Brasilien. Der Rest, also die USA, China, Japan, Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien und Indien sind Importeure. Die beruhigende Nachricht: Selbst in den USA, die nur noch einen geringen Importbedarf haben und wo der Nettoeffekt des Ölpreisverfalls also entsprechend gering ist, sind keine Anzeichen einer Rezession zu sehen.

Tatsächlich stiegen die Verkaufszahlen der US-Autoindustrie im Vorjahr sogar auf einen Rekordstand von 17,5 Millionen. Natürlich, in der Ölindustrie gehen reihenweise Jobs verloren. Aber der Arbeitsmarkt ist stabil, die Arbeitslosenquote liegt bei rund fünf Prozent und damit auf dem Niveau vom Frühjahr 2008. Die Lohnzuwächse sind hoch und lagen 2015 bei 2,5 Prozent im Vergleich zu 1,7 Prozent im Vorjahr. Und schließlich hat der deflationäre Effekt des Ölpreisverfalls auch noch die Folge, dass die Zentralbanken in Großbritannien und im Euroraum weiter billiges Geld in den Markt drücken.

Für die chinesische Wirtschaft ist günstiges Öl ohnehin eine Wohltat. Sie durchläuft derzeit eine schwierige Umbauphase, in der die Investitionen in Infrastruktur und Produktionskapazitäten zugunsten von Dienstleistungen und Konsum zurückgefahren werden. Die Wirtschaftslage in China ist vermutlich nicht so schlecht, wie sie oft dargestellt wird. Immerhin lag das Wachstum 2015 bei nach wie vor beeindruckenden 6,9 Prozent.

Wäre der Ölpreisverfall ausgelöst durch schwindende Nachfrage, hätte die Interpretation, dass die Rohstoff-Baisse das Vorzeichen einer globalen Rezession ist, mehr Überzeugungskraft. Das ist aber nicht der Fall, im Gegenteil, der Ölverbrauch stieg 2015 besonders stark an und das wird sich wohl auch dieses Jahr fortsetzen. In Summe lässt sich also sagen, dass der Ölpreisverfall nach dem derzeitigen Stand der Dinge wohl keine dramatischen negativen Folgen haben wird.

Dennoch ist die enorme Volatilität des Ölpreises Grund zur Besorgnis. Weder Produzenten noch Konsumenten profitieren davon, in beiden Fällen werden Investoren, die Stabilität brauchen, vergrault. Es wäre deshalb gut, wenn der Ölpreis bald einen Boden findet und sich stabilisiert. Passiert das, wäre das der Treibstoff für eine gute Entwicklung der Weltwirtschaft. Wenn allerdings die Preisschwankungen enorm bleiben, die Ölwirtschaft zu Bruch geht und reihenweise Ölexporteure in ernsthafte Schwierigkeiten geraten, könnte das doch noch schwere Verwerfungen für die Weltwirtschaft zur Folge haben.  

 

Gerard Reid zählt weltweit zu den Top-Experten für erneuerbare Energien. Nachdem er für die Investmentbank Jefferies die Renewables-Sparte aufgebaut hatte, nahm er eine Finance-Gastprofessur am renommierten Imperial College in London an und gründete in der Londoner City seine eigene Beratungsfirma Alexa Capital. 

 

 

Gerard Reid
Keywords:
Ölpreis | Ölpreis-Verfall | Benzin | Weltwirtschaft | Rohstoffe
Ressorts:
Finance

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