Heute haben die Briten mit der Abstimmung über den EU-Austritt die "wichtigste Wahl seit mindestens 50 Jahren", wie der sonst nicht für seinen Alarmismus bekannte "Economist" schreibt. So monumental wären die Auswirkungen des Brexit auf die Zukunft der EU und die Wirtschaft als Ganzes, dass die Betrachtung einzelner Branchen in den Hintergrund gerückt ist. Dennoch lohnt die Analyse: Im Energiesektor hätte der Austritt profunde Folgen, wie die Auswertung verschiedener britischer Studien zu dem Thema zeigt.

Grundsätzlich wäre entscheidend, ob Großbritannien nach einem Austritt im EU-Binnenmarkt verbleibt (Norwegen-Modell) oder nicht (Schweizer Modell). Die meisten Brexit-Unterstützt plädieren für Ersteres, aber ein Verhandlungserfolg ist keinesfalls sicher. In jedem Fall erwartet die Londoner Beratungsgesellschaft Vivid Economics, dass internationale Investoren in den kommenden Jahren einen Risikoaufschlag verlangen. Angesichts eines jährlichen Investitionsbedarfs im Energiesektor in Höhe von 14 bis 19 Milliarden Pfund würde schon ein Anstieg der Zinskosten von 0,5 Prozent Hunderte Millionen zusätzlicher Kosten verursachen. Im Norwegen-Szenario würde sich ansonsten wohl wenig ändern.

 

Marktzugang wird schwerer

Im Fall eines (Teil-)Abschieds aus dem EU-Binnenmarkt wäre das anders. Die inzwischen äußerst umfangreichen Förder- und Kreditprogramme der EU für Energieprojekte, unter anderem als Teil des Juncker-Plans und des dazugehörigen Kreditfonds EFSI, dürften keine Kredite mehr ausreichen, sogar über die Rückabwicklung laufender Unterstützung müsste verhandelt werden. Allein die Europäische Investitionsbank reichte 2014 Kredite in Höhe von rund 3,5 Millionen Euro an britische Energie-Investoren aus.

Die Briten wären auch nicht mehr automatisch an die Liberalisierung und Harmonisierung der Märkte gebunden. Aus wichtigen Gremien, zum Beispiel dem Regulierer-Verband Acer und den Energienetz-Zusammenschlüssen Entso-E für Strom und Entso-G für Gas, würden sie ausscheiden. Wie das Beispiel Schweiz zeigt, wird dann die gemeinsame Regelfindung schwierig, der Marktzugang von außen ist nicht mehr so leicht möglich. Die Briten hätten dann allerdings auch freie Bahn im Sinne des Wettbewerbsrechts. Beihilfe-Prüfungen, zum Beispiel für den Ausbau der Kernkraft, würden wegfallen.

 

EU-Emissionshandel müsste neu verhandelt werden

Die Klimapolitik wäre, zumindest wenn es bei einer Fortsetzung der nationalen Stoßrichtung bliebe, nicht fundamental betroffen. Großbritannien verfolgt seit 1998 eigene Ziele, die über die EU-Beschlüsse hinausgehen. Allerdings müsste der Verbleib im EU-Emissionshandel neu verhandelt werden, so wie dies auch mit der Schweiz der Fall ist. Ebenfalls würde Großbritannien erst einmal aus den gemeinsamen europäischen Klimaschutzverpflichtungen im Rahmen des UNFCCC entlassen und müsste sich neu eingliedern.

Steigende Energiepreise, insbesondere für Erdgas, könnten sich einstellen, falls es nach einem Brexit sogar Zölle auf den Energiehandel gibt. Das ist allerdings unwahrscheinlich und würde eine Eskalation der Austrittsverhandlungen in eine Art Handelskrieg voraussetzen.

 

Personalprobleme in der Öl- und Gaswirtschaft

Die Rechtsanwaltskanzlei Norton Rose Fulbright weist zudem darauf hin, dass bei einer Einschränkung der EU-weiten Arbeitnehmerfreizügigkeit der Personalmangel auch in der Energiewirtschaft zum Thema werden könnte. Insbesondere die Öl- und Gaswirtschaft ist darauf angewiesen, hochspezialisiertes Personal innerhalb Europas flexibel einsetzen zu können. Positiv könnte sich allerdings auswirken, wenn Urlaubs- und Arbeitszeitvorschriften der EU wegfallen, die verhindern, dass Techniker auf Bohrinseln längere Zeit am Stück eingesetzt werden können.

Fazit: Je nach Austrittsszenario hätte ein Brexit sehr unterschiedlich starke Auswirkungen auf die britische Energiewirtschaft. Auf den Kopf gestellt wird sie wohl nicht. Das glaubt auch Eon-Chef Johannes Thyssen. Er sieht einen möglichen Austritt Großrbitanniens aus der EU eher gelassen. „Wie viele bin ich nicht kurzfristig um mein Unternehmen besorgt. Wir haben ein sehr lokales Geschäft“, sagte Teyssen am Mittwoch im ZDF.

Großbritanniens Energiebranche würde sich aber im Falle des Schweiz-Modells deutlich vom Kontinent entfernen.

 

 

Am Donnerstag stimmen die Briten über den Verbleib in der EU ab. Ein möglicher Austritt hätte auch Folgen für die Energiewirtschaft. (Foto: pixabay, flickr/ Vaughan Leiberum )