Kolumne
12.12.2018

Was Energieversorger von Amazon lernen können

Illustration: Sasan Saidi
Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Google Energie anbietet, schreibt unser Kolumnist Gerard Reid.

Energieversorger müssen ihren Kunden näherkommen und ihnen bessere Angebote machen. Die Digitalisierung ist der Schlüssel dazu, schreibt unser Kolumnist Gerard Reid.

Digitalisierung – hinter diesem Wort verbarg sich einst staubige IT im Backoffice, von der man weder etwas sah noch einen spürbaren Nutzen hatte. Heute steht Digitalisierung für cloudbasierte Angebote wie Amazon, Spotify und Facebook.  Ihre Dominanz zwingt andere Unternehmen, die Art und Weise anzupassen, wie sie Kunden gewinnen und halten. Auch in der Energiewelt, in der sich in den vergangenen 100 Jahren wenig verändert hat. Jetzt verändert sich sehr viel sehr schnell.

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Den bisher stärksten Wandel auf den Strommärkten hat der Aufbau von Quellen erneuerbarer, unregelmäßiger Energie wie Wind- und Solarkraft verursacht. Übertragungsnetzbetreiber wie 50 Hertz in Deutschland und National Grid in Großbritannien haben inzwischen viel in digitale Technologien investiert, um das Netz auszubalancieren und sicherzustellen, dass wir unterbrechungsfrei Strom von hoher Qualität erhalten. Ein großer Teil der Erzeugung ist heute digital kontrollierbar, genau wie die wachsende Kapazität, Strom zu speichern und Verbrauch zu steuern.

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Betreiber ohne klares Bild von der Nachfrage

Doch im lokalen Verteilnetz hat sich nichts wirklich verändert. Seine Betreiber sind immer noch blind für das, was darin vorgeht. Zu keinem Zeitpunkt haben sie ein klares Bild von der Nachfrage in ihren Netzen. Das liegt daran, dass bei den meisten von uns immer noch der alte Ferraris-Stromzähler läuft, der physisch am Ort des Verbrauchs abgelesen werden muss.

Der Punkt ist: Da sich erneuerbare Energien und dezentrale Technik wie Speicher und Brennstoffzellen verbilligen, werden wir immer mehr Energieinfrastruktur „hinter dem Zähler“ in unseren Haushalten und in den Unternehmen haben. Die Netzbetreiber werden die Straßen aufgraben und leistungsstärkere Kabel verlegen müssen.

Teure Interaktion mit den Kunden

Die günstigere Alternative besteht darin, das Verteilnetz zu digitalisieren, Stromerzeuger und -verbraucher auf der lokalen Ebene besser zu verbinden und dabei dezentrale Ressourcen wie Haushalts-Heißwassersysteme und Batterien in E-Fahrzeugen zu nutzen. Das erfordert Investitionen in Sensoren, Kommunikations- und Kontrolltechnologien.

Aber auch am Vertrieb hat sich über Jahrzehnte nicht viel geändert. Die Interaktion mit den Kunden ist teuer und kaum digitalisiert. Vielen Versorgern fehlen die Kenntnisse und Technologien, um Abhilfe zu schaffen. Es fällt ihnen sehr schwer, Daten, die sie haben, zu verstehen und zu nutzen. Um die Verbrauchsdaten von Smart Meters verwerten zu können, müssen Versorger ihr gesamtes Denken, ihre Menschen und ihre Systeme verändern.

Start-ups haben bessere Kundenprozesse

Start-ups wie Sonnen in Deutschland und Bulb in Großbritannien haben bessere Kundenprozesse. Noch dazu bieten diese digitalen Unternehmen ein ganzes Spektrum neuer Dienstleistungen, die Kundenzufriedenheit und -bindung erhöhen.
Außerdem ist es nur eine Frage der Zeit, bis große Konsumentenmarken wie BMW, Daimler, Amazon und Google ihren Kunden Energiedienstleistungen anbieten. Die Gewinner in diesem Prozess werden die sein, die eine herausragende Kundenerfahrung bieten, neue Kunden gewinnen und alte an sich binden.

Genau das versucht Eon gerade. Das Unternehmen konzentriert sich auf Kundenprozesse und trennt sich von der Stromerzeugung. Die Digitalisierung muss im Verteilnetz und im Vertrieb passieren. Aber Eons konservative Unternehmenskultur und die Komplexität seiner alten, oft nicht kompatiblen IT-Systeme erschweren das.

Eon muss sich beeilen

Deshalb fällt es diesem wie auch anderen Versorgern schwer, ihren Kunden näher zu kommen und ihnen zusätzliche, bindende Dienstleistungen jenseits der Lieferung von Strom zu verkaufen. Konkret müssen sie bestehende Kundendaten in eine Plattform integrieren, die sich anreichern lässt mit Informationen über Finanzen, Verbrauchsmuster und Interessen der Kunden. So können sie ihre jeweilige Kundenbasis besser kennenlernen und zusätzliche Dienstleistungen entwickeln, die sowohl Verbrauchern als auch Anbietern nützen.

Eon wird sich beeilen müssen: Plattformen wie Amazon haben uns gelehrt, dass es auf Größe ankommt. Sobald ein solches Unternehmen eine gewisse Größe erreicht hat, produziert es Kundennutzen, bei denen kleinere Plattformen nicht mithalten können. Die große Frage ist: Kann Eon als erster zu einer solchen Dienstleistungsplattform rund um Elektrizität zu werden? Ob das gelingt, ist völlig offen. Klar ist aber bereits: Digitalisierung ist für die Versorger zum absoluten Muss geworden.

 

Gerard Reid zählt international zu den führenden Experten für erneuerbare Energien. Er baute die Cleantech-Sparte der Investmentbank Jefferies Financial auf und ist Mitgründer des Londoner Beratungsunternehmens Alexa Capital.

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Gerard Reid
Keywords:
Energieversorger | Digitalisierung | Strommarkt | erneuerbare Energien
Ressorts:
Technology | Markets

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