Erneuerbare Energien
04.07.2018

Wasserkraft-Boom in Südosteuropa mit Nebenwirkungen

Foto: Mirjan Aliaj
Die Bauarbeiten am Kraftwerk Dragobia in einem Nationalpark in Nordalbanien wurden gerichtlich gestoppt.

Multilaterale Kreditinstitute wie die KfW investieren Millionen in die Entwicklung von Wasserkraftwerken auf dem Balkan. Doch viele davon liegen in Naturschutzgebieten.

Am 27. Juni schauen die Abgeordneten im EU-Parlament in Brüssel den Dokumentarfilm „Blue Heart“ von der Umweltschutzorganisation Patagonia. Darin berichtet der Albaner Trifon Muratajs vom Widerstand der Menschen in seinem Dorf Kute gegen den geplanten Staudammbau am Fluss Vjosa.  „Unser Fluss ist in großer Gefahr“, sagt Muratajs, „sie wollen ihn zerstören und seine Form der Eleganz und Schönheit zu etwas Angeschwollenem und Verzerrten verderben“. Hans Stielstra, Mitarbeiter der Generaldirektion Umwelt der EU-Kommission verspricht ihm daraufhin, die EU werde die Sorgen der Menschen am Vjosa-Fluss ernstnehmen: „Wir müssen die Fehler vermeiden, die früher in der EU gemacht wurden, wo nahezu jeder Fluss aufgestaut wurde“, sagt er.

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Seine naturbelassenen Flusslandschaften haben dem Balkan den Ehrentitel „Blaues Herz Europas“ eingebracht. Doch die Einzigartigkeit ist massiv bedroht durch den seit Jahren anhaltenden Boom der Wasserkraft. Befeuert wird er auch von multilateralen und nationalen Banken, die am Geschäft mit der Wasserkraft verdienen – darunter auch die deutsche Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). „Es gibt zwei Faktoren, die die Projektentwicklung für Wasserkraft in Südosteuropa stimulieren“, sagt Ulrich Eichelmann, Geschäftsführer der in Österreich ansässigen Umweltorganisation Riverwatch: „Die günstigen Kredite der multilateralen Entwicklungsbanken, und die auf Druck der EU-Kommission staatlich subventionierten Einspeisevergütungen für erzeugten Strom.“

Aufwand und Ertrag stehen in keinem Verhältnis

Dabei stünden Aufwand und Ertrag der Wasserkraftwerke oft in keinem rationalen Verhältnis, hätten aber fatale Auswirkungen auf die Umwelt, warnt Eichelmann. Vor allem den Bau von Staudämmen und das Begradigen von Flüssen in Landschaftsschutzgebieten hält Riverwatch für problematisch: Dadurch werde der Lebensraum von Tieren zerstört und die Artenvielfalt gefährdet.

Die Umweltorganisation kommt in einer aktuellen Studie auf sage und schreibe 2.112 Wasserkraftprojekte, die seit 2005 in Albanien, Bosnien-Herzegovina, Bulgarien, Kosovo, Kroatien, Mazedonien, Montenegro, Serbien und Slowenien realisiert wurden. Davon seien 471 inzwischen in Betrieb und 915 befänden sich im Bau oder einem aktiven Planungsstadium. Bei den übrigen Vorhaben sei der Projektstand zwar unklar, man habe sie aber nicht aufgegeben.

„Umweltfreundliche Kraftwerke“

Eichelmann zufolge haben die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD), die Europäische Investitionsbank (EIB) und die Weltbank in den vergangenen Jahren knapp 730 Millionen Euro in mehr als 80 Wasserkraftwerke auf dem Balkan investiert. Knapp die Hälfte davon befänden sich in Naturschutzgebieten. Neben den multilateralen Finanzinstituten sind auch kommerzielle Handelsbanken bei der Kreditvergabe für Wasserkraftwerke aktiv, so Eichelmann. Sie hätten Geld in rund 160 Projektentwicklungen gesteckt. Die österreichischen Banken Raiffeisen und Erste sowie Unicredit aus Italien zählten zu den führenden Kreditgebern. Während die Betreiber kleiner Anlagen oft einheimische Firmen seien, befänden sich die großen Wasserkraftwerke häufig im Besitz von Unternehmen aus dem europäischen Ausland – vor allem aus Österreich, Norwegen und Italien.

Die deutsche KfW ist im Geschäft mit der Wasserkraft auf dem Balkan nicht nur unter eigenem Namen aktiv. Sondern auch als Mitinitator des gemeinsam mit dem von der EIB betriebenen Green for Growth Fund (GGF) und durch ihre Tochter DEG – die Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft. Die DEG ging 2007 ein Joint Venture mit der Duisburger PCC ein. Erklärte Absicht: 30 Wasserkraftwerke mit einer Kapazität von 45 Megawatt (MW) in Bulgarien, Bosnien-Herzegovina und Mazedonien zu entwickeln. Heute heißt es auf der Website der PPC DEG Renewables: „Im Ergebnis der Entwicklung von fünf kleinen, umweltfreundlichen Kraftwerken – vier davon in Mazedonien – sind wir unserem Ziel nähergekommen, ein Kraftwerksportfolio auf Grundlage erneuerbarer Energien zu bilden, das bei Gelegenheit an einen strategischen Investor verkauft werden kann“.

Proteste der Bevölkerung

Auch in offiziellen Dokumenten der Weltbank wird die Wasserkraft noch als umweltfreundliche erneuerbare Energie bezeichnet. Indes streiten die in der „Save the Blue Heart“-Kampagne zusammengeschlossenen Umweltorganisationen Riverwatch, EuroNatur und Patagonia der Wasserkraft die Umweltverträglichkeit ab. Auch protestieren immer öfter lokale Bevölkerungen vor Ort gegen den Bau von Dämmen und Flussbegradigungen, häufen sich doch die Fälle, in denen Flussläufe im Sommer austrocken und die Lebensgrundlage von Menschen und Tieren gefährdet ist.

Ende Juni übergab „Save the Blue Heart“ der EBRD eine von 120.000 Menschen unterzeichnete Petition. Multilaterale und nationale Finanzinstitionen dürften künftig keine Wasserkraftwerke in landschaftlich geschützten Gebieten auf dem Balkan mehr finanzieren, heißt es darin, der Zerstörung der letzten großen Wildflüsse in Europa müsse Einhalt geboten werden. „Neun von zehn Wasserkraftwerken haben eine Kapazität unter 10 MW und tragen zur Stromversorgung wenig bei. Dafür schädigen die für sie nötigen Baumaßnahmen zuvor intakte Feuchtgebiete oft fatal. Aufwand und Ertrag steht meist in keinem rationalen Verhältnis“, sagt Eichelmann. Die EU-Kommission dürfe im EU-Haushalt für 2020 bis 2027 keine Förderung der Wasserkraft mehr vorsehen, fordert er.

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Frank Stier
Keywords:
Wasserkraft | Balkan | Umweltschützer | Wasserkraftwerke | erneuerbare Energien
Ressorts:
Finance | Governance

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