Energiewirtschaft
08.10.2019

Wasserstoff aus Erdgas soll Industrie dekarbonisieren

Foto: H2morrow
Vertreter von Equinor und Open Grid Europe stellen ihr gemeinsames Projekt vor.

Ein Projekt von Equinor und Open Grid Europe will mit Wasserstoff aus Erdgas die deutsche Industrie dekarbonisieren. Das anfallende CO2 soll unter der norwegischen Nordsee eingelagert werden.

Es ist ein ehrgeiziges Projekt: Das norwegische Energieunternehmen Equinor und der Essener Erdgas-Fernleitungsnetzbetreiber Open Grid Europe wollen mit „blauem Wasserstoff“ den CO2-Ausstoß der deutschen Industrie reduzieren. In einer Machbarkeitsstudie haben die Unternehmen hierfür den Aufbau einer vollständigen Wertschöpfungskette für klimafreundlichen Wasserstoff geprüft.

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Im Gegensatz zu „grünem Wasserstoff“, der mit Hilfe erneuerbarer Energien durch Elektrolyse hergestellt wird, wird „blauer Wasserstoff“ aus Erdgas produziert. Der sogenannte Dampfreformierungsprozess ist jedoch nicht klimaneutral. Das dabei entstehende Kohlendioxid (CO2) soll deshalb offshore gespeichert werden – möglicherweise im Rahmen des von Equinor betriebenen Speicherprojektes „Northern Lights“ auf dem norwegischen Schelf, wo alte Öl- und Gasfelder genutzt werden sollen. Durch die Abscheidung und dauerhafte unterirdische Speicherung von Kohlendioxid auf See (Carbon Capture and Offshore Storage – CCOS) verringere sich der CO2-Fußabdruck des Wasserstoffs um 95 Prozent.

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Pilotprojekt in Nordrhein-Westfalen

„Wir müssen die Energiewende einheitlich denken und auch die Moleküle dekarbonisieren“, sagt Jörg Bergmann, Sprecher der Geschäftsführung der Open Grid Europe. Während die Umsetzung der Energiewende im Stromsektor bereits Erfolge erzielte, steht die energieintensive Industrie weitestgehend am Anfang. Doch für das Erreichen der Klimaschutzziele sei es absolut entscheidend, Pfade zur Dekarbonisierung aller Sektoren zu entwickeln, so Bergmann. Hierbei biete sich für den ersten Schritt der Industriesektor besonders an. „Die vorhandene Gasinfrastruktur ist dafür der Schlüssel. Die technische Machbarkeit können wir mit unserer Studie belegen.“

Das Pilotprojekt „H2morrow“ soll nun in Nordrhein-Westfalen umgesetzt werden, da hier eine Vielzahl CO2-intensiver Industrien angesiedelt sind. So wurde mit dem Stahlhersteller Thyssen Krupp Steel eine Absichtserklärung unterzeichnet, um die Integration von klimaschonendem Wasserstoff in zukünftige Produktionsprozesse zu untersuchen. „Bis 2030 sollen die Industrie und andere Endkunden in Nordrhein-Westfalen mit jährlich 8,6 Terawattstunden Wasserstoff aus dekarbonisiertem Erdgas versorgt werden können“, sagt Steinar Eikaas, Vizepräsident bei Equinor. Dies entspreche der Energieversorgung (Strom und Gas) von 450.000 durchschnittlichen Vier-Personen-Haushalten pro Jahr.

Wasserstoffwirtschaft den Weg ebnen

Die Projektpartner möchten den „blauen Wasserstoff“ nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung zu „grünem Wasserstoff“ sehen. Der Wasserstoffwirtschaft werde so der Weg geebnet. Sie gehen davon aus, dass in Zukunft alle verfügbaren Quellen benötigt werden: erneuerbarer Wasserstoff und Wasserstoff aus dekarbonisiertem Erdgas, inländische Produktion sowie Importe.

Der „blaue Wasserstoff“ ließe sich zudem zu wettbewerbsfähigen Kosten produzieren. Derzeit sei seine Herstellung günstiger, als die aus erneuerbaren Energien. Gleichzeitig könne eine regulierte Wasserstoffinfrastruktur verfügbar gemacht werden, indem bestehende Gasleitungen umgestellt werden. Noch offen ist jedoch, wo der „blaue Wasserstoff“ produziert wird – ob in Anlagen in Deutschland oder außerhalb.

Das CO2 solle per Schiff nach Norwegen und dort per Unterwasserpipeline in geeignete Lagerstätten in der Nordsee verbracht werden. Dort sei es in tausenden Metern Tiefe sicher gelagert, verspricht Eikaas. Im Prinzip handele es sich um dasselbe Konzept, mit dem Öl und Gas von der Natur eingelagert werde – nur, dass man das System umdrehe. Die Lagerung werde zudem überwacht. Der Schiffstransport solle möglichst CO2-arm erfolgen, zunächst mit Hilfe von Flüssigerdgas (LNG).

"Projekt eines der wichtigsten in Europa"

Kritiker bezweifeln jedoch, ob eine sichere CO2-Endlagerung tatsächlich für viele Jahrhunderte garantiert werden kann. Umweltorganisationen und Bürgerinitiativen halten die CCS-Technologie zudem für ein Feigenblatt der Konzerne, um ihrer fossilen Geschäfte weiterbetreiben zu können.

In Norwegen gebe es eine breite Unterstützung für das Projekt, versichert Stephen Bull, ebenfalls Vizepräsident bei Equinor. Es gebe natürlich auch die Sorge um die Jobs in der Öl- und Gasindustrie. Letztlich gehe es aber darum, das CO2-Problem zu lösen. Er hält das Projekt daher für eines der wichtigsten in Europa. „Dieses Projekt hat relativ günstige CO2-Vermeidungskosten für die Industrie“, ergänzt Bergmann. Durch Wasserstoff könnten signifikante CO2-Einsparpotenziale in einer relativ kurzen Zeitspanne realisiert werden.

Die Partner begrüßen die Absicht der Bundesregierung, eine nationale Wasserstoffstrategie auf den Weg zu bringen. In der nächsten Phase ihres Projektes sollten die technische Planung vertieft, weitere Partner gewonnen und konkrete Standortfragen für die Dampfreformierung beantwortet werden.

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Carsten Kloth
Keywords:
Wasserstoff | CCS
Ressorts:
Technology | Markets

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