Erneuerbare Energien
05.07.2018

Wasserstoff-Branche: Brennstoffzellen sollen Kohleregionen retten

Foto: Hanno Böck
Das Wasserstoff-Wind-Biogas-Hybridkraftwerk von Enertrag in Prenzlau erzeugt Wasserstoff aus Windenergie, der bei Bedarf rückverstromt wird.

In einem offenen Brief an die Bundesregierung fordert die Wasserstoff-Lobby, Brennstoffzellen- und Elektrolysefabriken in den früheren Kohlerevieren anzusiedeln.

Die Lobby zieht alle Register: Der Deutsche Wasserstoff- und Brennstoffzellenverband (DWV) appelliert in einem offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel, Wirtschaftsminister Peter Altmaier, Umweltministerin Svenja Schulze und die Mitglieder der Kommission „Wachstum, Strukturwandel und Regionalentwicklung“, Wasserstofftechnologien endlich stärker zu fördern. Zudem solle sich Deutschland mit Frankreich für den Aufbau einer „H2-Industrie“ zusammentun – ganz nach dem Vorbild des Luft- und Raumfahrtkonzerns Airbus.

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Konkret fordert DWV-Vorstandschef Sven Diwald von der Bundesregierung, in den ehemaligen Kohlerevieren Rheinland, Lausitz, Mitteldeutschland und Helmstedt Brennstoffzellen- und Elektrolysefertigung zu bauen. „Speziell das in den Regionen vorhandene Know-how von Elektro- und Maschinenbau wird benötigt, um effizient Wasserstofftechnologien herstellen zu können“, so Diwald. Der Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft könnte nach seinen Angaben bis 2030 mehr als 70.000 neue Arbeitsplätze schaffen. Das ist in etwa die Zahl der Jobs, die dem Strukturwandel in den Regionen zum Opfer fallen dürften.

Mehr als nur Batteriefabriken

So seien in den Revieren laut Braunkohle-Industrie rund 21.000 Arbeitnehmer direkt von den Einschnitten betroffen. Zulieferer und weitere indirekte Beschäftigte einbezogen, fielen weitere 50.000 Jobs weg. Allein für den Aufbau von einer Elektrolysekapazität von etwa fünf Gigawatt (GW) pro Jahr in Deutschland seien mehr als 70.000 Beschäftigte notwendig, argumentiert Diwald. Beim Elektrolyseverfahren wird Wasser mithilfe von Strom aus erneuerbaren Quellen in Wasserstoff und Sauerstoff aufgespalten.

Die Bundesregierung dürfe den Verlust der Arbeitsplätze nicht nur durch die Unterstützung von Batteriefabriken zu kompensieren, warnt Diwald. Wasserstoff (H2) aus erneuerbaren Quellen könne insbesondere in der Mobilität, aber auch im Wärmemarkt, der Industrie und der Chemie Emissionen mindern. Europa und besonders Deutschland hätten einen Wissensvorsprung beim Wasserstoff, den sie zur „breiten Markteinführung“ nutzen sollten. „Ansonsten steht Europa in fünf bis sieben Jahren vor genau dem gleichen Problem wie heute im Fall der Batterie“, schreibt der H2-Lobbyist.

Kooperation mit Frankreich für H2-Industrie

Bei der Batteriefertigung hat Europa seiner Ansicht nach den Wettlauf bereits gegen China verloren. Zudem wären deutsche Batteriezellfabriken – bezogen auf das Gesamtprodukt – zu mehr als 70 Prozent auf seltene Rohstoffe aus politisch instabilen Ländern mit fragwürdigen Arbeitsbedingungen angewiesen. Der Rohstoffeinsatz für den Bau von Elektrolyseuren und Brennstoffzellen hingegen liege ungefähr auf dem gleichen Niveau wie bei der Herstellung von Verbrennungsmotoren.

Um Deutschlands Position zu stärken, schlägt der DWV-Chef vor, dass sich die Bundesrepublik mit Frankreich für eine „H2-Industrie“ zusammentut: Das Nachbarland stehe insbesondere im Automobilsektor vor ähnlichen Herausforderungen wie die Bundesrepublik. So habe Präsident Emmanuel Macron ein Förderprogramm von 100 Millionen Euro für Wasserstoff aufgelegt. Dieses ziele auf die Förderung von Nutz- und Schwerlastfahrzeugen mit Wasserstoff-Antrieb, aber auch grünen Schienen- und Schiffsverkehr ab. Frankreich sehe im Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft ein Milliarden-Potenzial.

Ladeinfrastruktur in der Stadt "nahezu unlösbar"

Diwald untermauert seine Forderung mit Zahlen: Er zitiert eine Umfrage der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG, wonach mehr als 65 Prozent der befragten Automanager in Deutschland bei der Brennstoffzelle klare Vorteile gegenüber der Batterie sehen: Die hohe Reichweite und die kurze Betankungszeit. Bei batterieelektrischen Fahrzeugen hingegen werde es hingegen in den Städten „nahezu unlösbar“, die erforderliche Ladeinfrastruktur für eine steigende Zahl von E-Autos bereitzustellen. Außerdem sei der Aufbau einer Wasserstoffinfrastruktur langfristig günstiger: Einer Studie des Forschungszentrums Jülich im Auftrag des Industriekonsortiums H2Mobility zufolge koste sie gut zehn Milliarden Euro weniger als eine reine Stromladeinfrastruktur.

Befürworter von rein batterieelektrischen Fahrzeugen argumentieren hingegen, dass der Vorteil des Wasserstoffs immer weiter schrumpft, weil die Ladezeiten von Batterieautos kürzer werden. Zudem ist die Herstellung von grünem Wasserstoff per Elektrolyse immer noch sehr teuer und mit hohen Wirkungsverlusten verbunden.

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Jutta Maier
Keywords:
Wasserstoff | Brennstoffzelle | Elektromobilität | Batteriefabriken | Elektrolyse
Ressorts:
Governance | Technology | Markets

Kommentare

Wasserstoff ist eindeutig die Zukunft denn Wasser aus dem Auspuff ist allemal besser als Sondermüll von Altbatterien. Die dreckige und Umwelt schädliche Braunkohle Verstromung muss beendet werden.

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