Offshore-Windkraft
06.06.2018

Wasserstoff-Produktion auf See soll kommen

Foto: Martina Nolte, CC
Das Offshore-Testfeld Alpha Ventus in der Nordsee ist bislang die einzige deutsche Pilotanlage.

Im Streit um Sonderausschreibungen von Wind und Photovoltaik gerät ein Detail der EEG-Gesetzesnovelle fast in den Hintergrund: Die Möglichkeit, in Offshore-Parks per Power-to-Gas „grünen“ Wasserstoff zu erzeugen.

Im Energieministerium in Mecklenburg-Vorpommern scharrt man schon mit den Hufen. „Wir warten darauf“, heißt es. Gemeint ist ein Vorstoß zum Bau von Meereswindparks ohne Netzanschluss. Er ist Teil eines EEG-Änderungsentwurfs aus dem Bundeswirtschaftsministerium, der heiß diskutiert wird – wenn auch aus anderen Gründen. Das „100-Tage-Gesetz“ soll Fehlentwicklungen im Windsektor sowie bei der Kraft-Wärme-Kopplung beheben. Unter anderem deshalb, weil es eigentlich auch die im Koalitionsvertrag vereinbarten Sonderausschreibungen für Wind- und Solarenergie hätte enthalten sollen, streiten Union und SPD immer noch darüber. Der Entwurf greift jedoch auch eine Innovation auf, über die Einigkeit bei den Koalitionspartnern herrschen dürfte: die Möglichkeit, Offshore-Windparks ohne Anschluss ans Netz auszuweisen, um mit dem Strom auf hoher See per Elektrolyse „grünen“ Wasserstoff herzustellen.

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Teile der Wirtschaft setzen große Hoffnungen darauf, im Zuge der Energiewende fossiles Gas durch erneuerbares zu ersetzen. Per Power-to-Gas oder Power-to-Liquid aus Grünstrom produzierte synthetische Brenn- und Kraftstoffe sollen beim Erreichen der Klimaziele eine Schlüsselrolle spielen, heißt es etwa in der neuen Leitstudie der Deutschen Energie-Agentur Dena. In ihren Szenarien soll bis 2050 ein Energiebedarf von 150 bis 900 Terrawattstunden jährlich durch „Green Fuels“ gedeckt werden. Offshore-Anlagen ohne Netzanschluss – also Power-to-Gas auf See – wären eine Möglichkeit, um die Wasserstoff-Produktion per Elektrolyse in Deutschland weiter anzuschieben. Dena-Chef Andreas Kuhlmann sprach bei der Studienpräsentation Pilotvorhaben zu solchen Anlagen auf See explizit an und betonte, das vorhandene Potenzial zu Erzeugung grüner Kraftstoffe in Deutschland werde generell unterschätzt.

Ørsted: Schritt in die richtige Richtung

Aus Sicht von Uwe Knickrehm, dem Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Offshore-Windenergie (AGOW), sind Offshore-Parks ohne Netzanschluss für die Betreiber „ein zukünftiger Business Case“. Der so produzierte Wasserstoff könne im Sinne der Sektorenkopplung gespeichert und für Wärme und Verkehr nutzbar gemacht werden, sagt er im Gespräch mit bizz energy. Mit dem Bau der ersten kommerziellen Anlagen rechnet er jedoch nicht vor 2028. Der dänische Versorger Ørsted bezeichnete die geplante Gesetzesnovelle auf Anfrage als „Schritt in die richtige Richtung“.

Auch Volker Quaschning, Professor für Regenerative Energiesysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Berlin, hält den Ansatz für richtig: „Für einen schnellen Kohleausstieg brauchen wir den Ausbau Erneuerbarer Energien und ein Hochfahren der Gaskraftwerke, um volatilen Wind- und Sonnenstrom auszugleichen.“ Das Gas aus fossilen Quellen müsse sukzessive durch erneuerbares ersetzt werden – zum Beispiel durch Power-to-Gas auf See. Wenn die Kapazitäten an Offshore-Windenergie stark angehoben würden, ziehe dies einen massiven Ausbau der Leitungen nach sich. „Da liegt es durchaus nah, dass man einen Teil gar nicht als Strom erzeugt, sondern als Gas“, sagt Quaschning.

Testfeld vor der Küste von Warnemünde

Erprobt werden könnte das auch in Mecklenburg-Vorpommern, wo vor der Ostseeküste bei Warnemünde ein Testfeld für Windenergie entstehen soll. Die dortige Landesregierung hat in ihrem Landesraumentwicklungsprogramm dafür eine Fläche von 13 Quadratkilometern ausgewiesen. Die Branche drängt schon seit vielen Jahren auf Flächen für Pilotanlagen, um die hohen Kosten von Offshore-Anlagen zu senken. Ein solches Testfeld hat es auch bereits in den Koalitionsvertrag geschafft. An der Küste in Warnemünde wären sowohl Anlagen mit- als auch ohne Netzanschluss denkbar. In letzterem Fall würde das per Elektrolyse erzeugte Gas entweder per Pipeline oder per Schiff an Land transportiert werden.   

Die aktuelle Novelle sieht vor, das Gesetz zur Entwicklung und Förderung der Windenergie auf See (WindSeeG), das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) und das Kraft-Wärme-Kopplungsgesetz (KWKG) entsprechend zu ändern. Die Anlagen ohne Netzanschluss sollen nicht an Ausschreibungen teilnehmen und werden auch nicht auf das EEG-Ausbauziel angerechnet. Die Flächen, die dafür ausgewiesen werden dürfen, sollen mindestens 40 bis 70 Quadratkilometer groß sein. Ausgehend von einer durchschnittlichen Flächenleistung von etwa 14 Megawatt pro Quadratkilometern bei Offshore-Windparks in Deutschland ließen sich dort 500 bis 1.000 Megawatt Leistung installieren. Diese Größenordnung soll genug Platz zur Erprobung neuer Konzepte bieten. Gleichzeitig stelle sie sicher, dass genügend Raum für Offshore-Energie mit Anschluss bleibe, heißt es im Entwurf. Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) soll mögliche Orte für solche Projekte ergebnisoffen prüfen.

Gesetzesnovelle verzögert sich

Quaschning zufolge bieten Offshore-Windanlagen ohne Netzanschluss Vor-, aber auch Nachteile. So ließen sich durch den Wegfall des Netzanschlusses Infrastrukturkosten sparen – insbesondere in Windeignungsgebieten, die mehrere 100 Kilometer von der Küste entfernt in der Nordsee liegen. Der Nachteil sei hingegen, dass man an Tagen mit wenig Wind die Offshore-Energie eigentlich gut gebrauchen könne. Stattdessen erzeuge man aber Gas daraus, dass dann unter Effizienzverlusten wieder rückverstromt werden müsse. Der Wissenschaftler plädiert deshalb für „eine Lösung, bei der man sich später noch entscheiden kann, ob man Gas oder Strom herstellt“.

Allerdings könnte sich der Bau erster Pilotanlagen noch etwas hinziehen: Da Union und SPD immer noch keine Einigkeit über den Änderungsentwurf haben, wird es immer unwahrscheinlicher, dass das „100-Tage-Gesetz“ noch – wie ursprünglich geplant – vor der parlamentarischen Sommerpause verabschiedet wird.

Lesen Sie auch: Dena – Klimaziele nur mit synthetischen Kraftstoffen erreichbar

Jutta Maier
Keywords:
Offshore-Wind | Windenergie | Power-to-gas | grüner Wasserstoff
Ressorts:

Kommentare

Sehr geehrte Frau Maier,
ich habe den Teil mit der Gesetzesänderung nicht verstanden. Mit Netzanschluss meinen Sie sicherlich den Stromnetz. "Die Anlagen ohne Netzanschluss sollen nicht an Ausschreibungen teilnehmen und werden auch nicht auf das EEG-Ausbauziel angerechnet." Was bedeutet das? Werden diese Anlagen nicht von der EEG gefördert oder im EEG-Ausbauziel berücksichtigt? Könnten Sie das bitte genauer erläutern?
Vielen Dank für den schönen Artikel.

Sehr geehrter Herr Adigüzel,
danke für Ihr Feedback. In der Tat sollen die Anlagen nicht gefördert werden, sondern laufen als unabhängiges Projekt außerhalb der EEG-Zielsystematik. Es würde sich also um einen zusätzlichen Ausbau handeln.
Die Redaktion

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