Das Tagesgeschehen und die politischen Debatten drehen sich derzeit sehr stark um die globale Covid-19 Pandemie und ihre Auswirkungen auf Gesellschaft und Wirtschaft. Obwohl es hier um die Rettung vieler Tausender Menschenleben geht, werden die Maßnahmen immer kritischer gesehen und hinterfragt. Vielen Menschen fehlt ein klares Ziel oder eine Perspektive.

Diese Krise zeigt, dass politische Entscheidungen transparent und zielorientiert kommuniziert werden müssen. Nur so erfahren sie eine breite Unterstützung. Die Klimakrise kann noch viel größere Schäden als die Covid-19 Pandemie anrichten, wenn nicht Gegenmaßnahmen eingeleitet werden. Auch hier gilt: es muss vom Ziel her gedacht werden und die Maßnahmen müssen klar begründet sein. Für die Energieversorgung und ihre Dekarbonisierung lautet das konkrete Ziel, dass wir 100 Prozent erneuerbare Energien im System haben möchten. Wenn dieses Ziel einmal klar formuliert und ausgesprochen ist, geht es darum, den besten Weg dahin zu finden. Dies ist ein deutlicher Unterschied zur bisherigen Energiepolitik, deren Motto eher „der Weg ist das Ziel“ zu mehr Erneuerbaren war. Dabei wurde nicht an die Systemkonflikte gedacht, die zwangsläufig beim Wechsel des Energiesystems aufkommen. Deswegen ist es wichtig, gleich das Ziel 100 Prozent Erneuerbare auszurufen. Wir nennen dieses Zielszenario Erneuerbares Energiesystem und das damit verbundene energiepolitische Transformationsprojekt Energie-System-Wende.

Damit diese Wende gelingen kann, müssen die richtigen Weichen gestellt werden. Die Bundestagwahl 2021 bietet hier eine Chance für den Neustart der Energiepolitik. Und dieser Neustart ist dringend nötig, denn die kommenden Jahre sind entscheidend für das Erreichen der ambitionierten Klimaziele in den folgenden ein bis zwei Dekaden. Die neue Bundesregierung muss daher den Umbau und die Dekarbonisierung des Energiesystems ins Zentrum der Energiepolitik stellen und die Transformationsprozesse ausgehend von einer klaren Zielvision her steuern. Das wird deutlich anhand der Bereiche Flexibilität, Speichertechnologien, Soziale Teilhabe und der Erneuerbaren Mobilität.

Gastbeitrag

Dr Timm Kehler Zukunft Gas
(Foto: Reiner Lemoine Stiftung)

Dr. Philipp Blechinger ist Leiter des RLS-Graduiertenkollegs Energiesystemwende und Bereichsleiter Off-Grid Systeme am Reiner Lemoine Institut (RLI). Philipp kam im Rahmen seiner Promotion 2011 an das RLI und startete mit der Entwicklung des Forschungsfeldes Off-Grid Systeme, welches er nun als Bereichsleiter vertritt. 2019 wurde Philipp im Rahmen des Projekts C-BEAR+ zum Visiting Scholar am Renewable and Appropriate Energy Laboratory (RAEL) der University of California, Berkeley, ernannt und ist Mitglied der Arabisch-Deutschen Jungen Akademie der Wissenschaften (AGYA) an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW).

Flexibilität im Erneuerbaren Energiesystem

Die Energie-System-Wende erfordert daher eine neue Abstimmung von Erzeugung und Verbrauch. Flexibilität ist dabei ein zentrales Handlungsfeld. Mögliche Lösungen gibt es viele, die Vielfalt der Flexibilitätsoptionen sollte genutzt werden. Allerdings müssen dafür einige Hemmnisse zur Nutzung von Flexibilität abgebaut und neue Anreize geschaffen werden, um einen stabilen Betrieb des erneuerbaren Stromsystems gewährleisten zu können. Hierfür sind Maßnahmen zur Umstrukturierung des Marktes, zum Angleichen der Entgelt- und Umlagensystematik und zur Förderung der Sektorenkopplung nötig.

Speicher im Erneuerbaren Energiesystem

Speichertechnologien im Strombereich sind technisch entwickelt und haben Marktreife erreicht. Jetzt kommt es darauf an, die politischen Weichen richtig zu stellen. Denn nur mit einem klaren Bekenntnis für den Ausbau von Speichern, der Abschaffung von blockierenden Regularien und der breiten Umsetzung verschiedener Technologien gelingt die Energie-System-Wende.

Soziale Teilhabe im Erneuerbaren Energiesystem

Sozialen Teilhabe bekommt im Transformationsprozess einen neuen Stellenwert. Die Energieerzeugung rückt näher an die Bevölkerung. Das neue soziotechnische System ist dezentraler und die Gesellschaft ist ein aktiver Teil des Energiesystems. Daher gilt es die soziale Teilhabe zu fördern und zu einem zentralen Bestandteil der Transformation zu machen. Dazu gehören, sie in der politischen Zielsetzung zu verankern, und Teilhabe bei der Gestaltung von Rahmenbedingungen (Energiepolitik) sowie bei konkreten planerischen Umsetzungen (Energieprojekten) sicherzustellen. Auch die wirtschaftlichen Teilhabemöglichkeiten der Menschen müssen ausgeweitet werden.

Erneuerbare Mobilität im erneuerbaren Energiesystem

Der Verkehrssektor wird Schritt für Schritt zu einem festen Bestandteil des integrierten, erneuerbaren Energiesystems. Mobilität wird daher in Zukunft vornehmlich mit Energie aus heimischen Solar- und Windkraftwerken gespeist. Die Technologien für emissionsfreie Antriebsstränge und erneuerbare Treibstoffproduktion sind verfügbar und werden lediglich durch das Festhalten am Verbrennungsmotor an ihrer Ausbreitung gehindert. Allerdings wird ein dekarbonisierter Verkehrssektor ohne eine umfassende Mobilitätswende nicht möglich sein. Es braucht eine gewisse Verkehrsvermeidung und die Verlagerung auf energieeffizientere Verkehrsmittel. Denn die nötigen Mengen erneuerbaren Stroms werden sonst nicht zeitnah verfügbar sein – weder innerhalb noch außerhalb Deutschlands.

2021 zum energiepolitischen Neustart machen

Das Energiesystem befindet sich in einem tiefgreifenden Transformationsprozess. Die Energiewende kann nur vollendet werden, wenn es gelingt, das Energiesystem fundamental umzugestalten. Maßgeblich dafür sind nicht die konventionellen Strukturen der Vergangenheit, sondern die Anforderungen, die sich aus einer zukünftigen, nachhaltigen Energieversorgung ergeben. Auf den Punkt gebracht: Das erneuerbare Energiesystem erfordert neue Handlungslogiken. Ein Aufbruch ins erneuerbare Energiesystem bedeutet zugleich, dass in vielen Bereichen innerhalb der kommenden Jahre die Weichen für den Umbau gestellt werden müssen. 11 Weichenstellungen erachten wir dabei als unabdingbar für einen energiepolitischen Neustart.

Umbau des Energiesystems.
(Foto: Reiner Lemoine Stiftung)