Gastbeitrag
17.08.2018

Wenn Elektroautos zum Rumheizen verleiten

Foto: istock/supergenijalac

Werden Autos mit geringem Spritverbrauch oder mit E-Antrieb „sportlicher“ gefahren, spricht man vom „Rebound-Verhalten“. Diesem unerwünschten Nebeneffekt lässt sich jedoch entgegenwirken.

Effizienzsteigerungen bei Pkw-Verbrennungsmotoren und E-Antriebe versprechen eine Senkung der klimaschädlichen Emissionen des motorisierten Individualverkehrs. Allerdings besteht die Gefahr, dass Verbraucher auf Effizienzsteigerungen mit einer erhöhten Nachfrage reagieren. Dieses Phänomen wird in der Ökonomie Rebound-Effekt genannt: Wegen einer effizienzbedingten Senkung der Kosten pro Verbrauchseinheit (Liter Sprit pro Kilometer) fragt die Autonutzerin das Produkt (Pkw-Fahrleistung) stärker nach.

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Die verhaltenswissenschaftliche Forschung macht nicht nur Preiseffekte, sondern auch psychologische Mechanismen, Einstellungen und Framing-Effekte für individuelles Rebound-Verhalten verantwortlich. Ein Pkw-Rebound-Verhalten etwa zeigen besonders Personen, die eine positiv-hedonistische Einstellung zum Autofahren haben und mit den bisherigen, weniger effizienten Autos ihren Pkw-Freizeitmobilitätsbedarf nicht vollständig befriedigen konnten.

Kommt es nun durch eine spürbare Effizienzsteigerung neuer Pkw zu einer Senkung der laufenden Kosten pro Kilometer, zeigt sich bei diesen Personen eine Tendenz zum Rebound-Verhalten, insbesondere in der Freizeitmobilität. Bei Personen, die bisher schon eine hohe Fahrleistung hatten, nicht gerne Auto fahren oder dieses nur für den Arbeitsweg nutzen, ist dies nicht zu beobachten.

Autogröße steigt tendenziell

Individuelles Pkw-Rebound-Verhalten kann sich auch bei der Kaufentscheidung niederschlagen. Wechselt eine Person von einem älteren Auto zu einem neueren Modell mit sparsamerem Motor oder zu einem E-Auto, so kann sie gleich zu einem größeren Modell greifen, etwa zu einem SUV. Dadurch sinkt der absolute Spritverbrauch nicht in dem Maße, wie es durch die technische Effizienzverbesserung möglich wäre.

Bekannt ist das Rebound-Verhalten auch beim Kauf von Elektronikgeräten. Beim Wechsel von Röhren- auf Flachbildfernseher gab sich kaum jemand mit der ursprünglichen Bildschirmgröße zufrieden, sondern der technische Wandel wurde dazu genutzt, den Bildschirm auf 40 Zoll oder mehr zu vergrößern.

Beim Pkw-Kauf schlägt sich die Mehrnachfrage vor allem in die Motorleistung und der Wagengröße nieder. Wer bisher einen Kleinwagen mit 110 PS und sieben Litern Realverbrauch auf 100 Kilometer fuhr, kann ohne Mehrkosten für Benzin auf einen Mittelklasse- Wagen mit 140 PS umsteigen, wenn dessen Realverbrauch ebenfalls sieben Liter pro 100 Kilometer beträgt.

Verleitet „grüner“ Antrieb zu schnellerem Fahren?

Effizienz beschreibt das Verhältnis von Energie-Input und Leistungs-Output, in diesem Beispiel liegt eine technische Effizienzverbesserung vor: Für die gleiche Energiemenge (sieben Liter Sprit), bekommt die Kundin nun mehr Leistung (140 statt 110 PS) geboten. Durch das Rebound-Verhalten führt die technische Effizienzverbesserung nicht zwingend zu einer Senkung des absoluten Energieverbrauchs, sondern zu einer Steigerung des Leistungsoutputs (Motorenstärke, Modellgröße) bei gleichbleibendem Energie-Input.

Besonders bei elektrisch angetriebenen Autos stellt sich die Frage, ob das Rebound-Verhalten sich auch im Fahrstil zeigt. Verleitet der „grüne“ Antrieb dazu, schneller und weniger energiesparend zu fahren? Im Rahmen meiner Forschungsinterviewreihe berichtete ein Hybridauto-Fahrer aus Freiburg: „Also da ist dann schon mein Traum, irgendwann, dass es Elektrowagen sind und man dann irgendwo so ‘ne Solartankstelle hat, wo man dann mit PV-Strom den Wagen aufladen kann, und dann kann ich damit ohne schlechtes Gewissen rumheizen wie ich will“.

Gegensteuern mit Farbsignalen

In der Psychologie wird dieses Phänomen „Moral Licensing“ genannt. Man erteilt sich selbst die Erlaubnis (Licence), aufgrund einer sozial angemessenen Tat (Nutzung von grünem Strom und E-Motor) auch mal etwas über die Stränge schlagen zu dürfen (extrem „sportlicher“ Fahrstil). Eingedämmt werden kann dieses Phänomen durch konsequente Feedback-Anzeigen. Wenn die Fahrerin etwa durch Farbsignale oder andere Visualisierungen dazu motiviert wird, mit dem effizienten E-Motor besonders energiesparend zu fahren, ist dies ein effektives Mittel.

Um das Risiko von Rebound-Verhalten bei der Auswahl des Pkw-Modells zu vermindern und eine absolute Senkung der Emissionen im Pkw-Personenverkehr zu förden, sollte eine Reform des Pkw-Effizienzlabels anvisiert werden. In ihrer aktuellen Form ermöglicht die dem Effizienzlabel zugrundeliegende Pkw-Energieverbrauchskennzeichnungsverordnung (Pkw-EnVKV) vor allem den Vergleich von Automodellen des gleichen Größensegments, weil der CO2-Ausstoß ins Verhältnis zum Leergewicht gesetzt wird. Aufgrund dieser Methodik stehen hochmotorisierte, schwerere Modelle in puncto Effizienz oft besser da als Kleinwagen.

Umweltlabel könnte bei Autokauf-Entscheidung helfen

Besser wäre, wenn der Gesetzgeber die Aufmerksamkeit stärker auf Suffizienz als auf Effizienz lenkt, indem der CO2-Ausstoß ins Verhältnis zur Anzahl der mit dem Pkw alltäglich transportierten Personen gesetzt wird. Unter Umweltaspekten ist nämlich der Pro-Kopf-Energie- und Ressourcenverbrauch die entscheidende Größe. Ein Umweltlabel für Autokaufentscheidungen sollte den Verbrauchern Modelle anzeigen, die in Bezug auf die absoluten EU-Grenzwerte für CO2-Emissionen von Neuwagen gut abschneiden.

Darüber hinaus sollte ein neues Umweltlabel auch die Nutzung so gut wie möglich berücksichtigen: Eine vierköpfige Familie, die sich einen Golf kauft und gemeinsam nutzt, hat eine deutlich bessere Mobilitätsumweltbilanz als eine Einzelkäuferin, die sich einen hochmotorisierten SUV zur persönlichen Nutzung anschafft.

Wo bleibt die soziale Gerechtigkeit?

Tückisch ist, dass Maßnahmen zur Eindämmung des Rebound-Verhaltens in einen Zielkonflikt mit Fragen der sozialen Gerechtigkeit führen können. Beispiel: Wenn sich nach Effizienzsteigerungen insbesondere Geringverdiener eine höhere Fahrleistung „erlauben“ können, würde dieser Personenkreis von entsprechenden Eindämmungsmaßnahmen härter getroffen als Personen mit hohem Einkommen.

Beachtet werden sollte auch, dass das Fahrleistungs-Rebound-Verhalten für sich betrachtet nicht das eigentliche Problem darstellt. Jemand, der seine Fahrleistung mit einem effizienteren Auto von 10.000 auf 20.000 Kilometer jährlich erhöht, ist für den Klimaschutz weniger problematisch als eine Person, die dauerhaft 40.000 Kilometer im Jahr fährt.

Die Schlussfolgerung ist, dass die absolute Senkung der Personenkilometer des motorisierten Individualverkehrs im energie- und umweltpolitischen Fokus stehen sollte. Dafür braucht es ein Bündel an Maßnahmen. Das Land Berlin macht mit dem neuen Mobilitätsgesetz vor, wie eine urbane Verkehrswende funktionieren kann. Wenn überaltete Privilegien der Pkw-Nutzung schrittweise reduziert und gleichzeitig Alternativen wie ÖPNV und insbesondere das Radfahren durch sicherere Infrastrukturen deutlich gestärkt werden, kann der Umstieg gelingen.

 

Zur Person: Dr. Sophia Becker ist Verhaltens- und Mobilitätsforscherin am Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) Potsdam. Im Kopernikus-Projekt Energiewende Navigationssystem erforscht sie, wie politische Maßnahmen und individuelle Verhaltensänderungen ineinandergreifen müssen, um die Verkehrswende voranzutreiben.

 

Lesen Sie auch: Mobilität in der Großstadt – die Rebellion der Radguerilla

Sophia Becker
Keywords:
Elektromobilität | Elektroauto | Rebound | Rebound-Effekt | Rebound-Verhalten | erneuerbare Energien
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Kommentare

Als Fahrer eines Elektroautos kann ich die Meinung der Autorin nicht nachvollziehen.
Hätten Sie vor Verfassung des Artikels mit Fahrern von Elektrofahrzeugen gesprochen, dann hätten Sie feststellen können, dass die Mehrzahl trotz erheblich höherer Leistungsmöglichkeiten beim Elektroauto sehr sparsam unterwegs ist, da ein sportliches Fahrverhalten zu Lasten der Reichweite geht.
Ich fahre seit knapp 2 Jahren elektrisch und ich muss sagen, seitdem bin ich sehr viel entspannter unterwegs.

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