EU-Perspektive
27.11.2018

Westbalkanländer reformieren ihre Energiewirtschaft

Foto: Creative Commons/Tobias Klenze
Wasserkraftwerk Fierza in Albanien: Das Land deckt bereits einen relativ hohen Anteil seiner Stromversorgung aus Erneuerbaren, steht aber wegen Umweltschäden durch Damm- und Kraftwerksprojekte in der Kritik.

Serbien und Montenegro sind bei der Liberalisierung ihrer Energiemärkte für einen EU-Beitritt am weitesten. Der Erneuerbaren-Anteil steigt.

Frühestens im Jahr 2025 haben die Westbalkanländer Albanien, Bosnien-Herzegowina, Kosovo, Mazedonien, Montenegro und Serbien eine Chance, der Europäischen Union beizutreten. Diesen Zeitraum hat ihnen EU-Erweiterungskommissar Johannes Hahn in Aussicht gestellt. Zur Voraussetzung macht er, dass die Länder ihre Reformanstrengungen unter anderem im Energiesektor verstärken. Ein aktueller Fortschrittsbericht der in Wien ansässigen Energy Community (EC) taxiert die durchschnittliche Beitrittsreife der südosteuropäischen Staaten auf 43 Prozent. Die von der EU gegründete EC hat die Aufgabe, gemeinsam mit den EU-Nachbarstaaten einen integrierten Energiemarkt zu entwickeln. Neben den Westbalkan-Ländern umfasst die Organisation Georgien, Moldawien und die Ukraine.

Anzeige

Anzeige

Generell gelten Serbien und Montenegro in ihrer Vorbereitung auf einen möglichen EU-Beitritt als am weitesten fortgeschritten und damit als Favoriten für die nächste Erweiterungsrunde. Gemäß dem EC-Bericht waren sie im Berichtszeitraum vom September 2017 bis September 2018 auch führend bei der Umsetzung der Direktiven des auf die Marktliberalisierung abzielenden Dritten Energiepakets der EU. Mazedonien, Albanien und Kosovo folgen dem EC-Fortschrittsbericht dahinter, Bosnien-Herzegowina  liegt weit zurück.

Montenegro übertrifft Vorgaben

Die EC drängt die Länder unter anderem zur Privatisierung staatlicher Energieunternehmen, zur Trennung von Netzen und Vertrieb und zur Nichtdiskriminierung neuer Marktteilnehmer. Diese Marktliberalisierung bezeichnen die Experten der Energy Community als „notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung, um zur Dekarbonisierung der südosteuropäischen Energiewirtschaften übergehen zu können“.

Denn luftverschmutzende und CO2-intensive Kohlekraftwerke tragen auf dem Balkan wesentlich zur Energieversorgung bei. Allerdings weisen die meisten Westbalkanländer im europäischen Vergleich schon jetzt weisen hohe Anteile erneuerbarer Energien am Gesamtenergieverbrauch aus. Spitzenreiter Montenegro übertraf seine Zielvorgabe für 2020 von 33 Prozent bereits im Jahr 2016 deutlich mit einem Anteil von 41,5 Prozent. Albanien erreichte sein 2020-Ziel von 38 Prozent im Jahr  2016 mit 37,1 Prozent beinah.

Heizen mit Brennholz

Solch hohe Anteile regenerativer Energien am Gesamtenergieverbrauch sind allerdings kein Ausweis einer umweltverträglichen Energiewirtschaft. Erreicht werden sie vor allem durch Wasserkraftwerke, die wegen der dazu nötigen drastischen Eingriffe in die Natur umstritten sind. Einen hohen Anteil hat auch die Biomassenutzung, die im Wesentlichen in luftverschmutzendem Heizen mit Brennholz besteht.

(Lesen Sie auch: Wasserkraft-Boom in Südosteuropa mit Nebenwirkungen)

Für Albanien beispielsweise vermerken die Autoren des EC-Fortschrittsberichts explizit: „Es muss den Auswirkungen auf die Umwelt durch Entwicklung von Wasserkraft besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden, der Bewertungsprozess dieser Projekte bedarf der Verbesserung.“ Die Forderung gilt aber auch für andere Westbalkanländer.

Solar- und Windenergie in Kosovo

Kosovo hat die Kritik bereits aufgegriffen und will nun Lizenzen für geplante Wasserkraftwerke mit einer  Kapazität von 100 bis 120 Megawatt stattdessen an Photovoltaik- und Windenergieprojekte vergeben. „Es besteht ein größeres Interesse sowohl ausländischer als auch einheimischer Investoren an der Entwicklung dieser Art von Energieprojekten“, begründet der kosovarische Wirtschaftsminister Valdrin Lluka die strategische Neuausrichtung. Das potenzielle Investitionsvolumen in diesem Bereich beziffert er auf 100 Millionen Euro.

Lesen Sie auch: Bulgarien am Scheideweg: Kernkraft oder Ökostrom?

Fotolizenz: CC-BY-SA 4.0

 

Frank Stier
Keywords:
EU-Erweiterung | Balkan | Energiemarkt | erneuerbare Energien
Ressorts:
Governance | Markets

Neuen Kommentar schreiben

 

bizz energy
Winter 2018/2019

Die aktuelle Ausgabe gibt es ab sofort bei unserem Abonnentenservice unter bizzenergy@pressup.de

Das E-Paper ist erhältlich bei iKiosk oder Readly.

 
 

bizz energy Research

Energie, Digitalisierung und Mobilität.
Unsere Factsheets bieten visualisierte Daten, liefern Fakten und stellen Zusammenhänge zu den Top-Themen der Energiewende dar.


Mehr Informationen