Neue Mobilität
29.08.2019

Wie der E-Scooter-Boom besser gesteuert werden soll

Foto: iStock
Nicht nur in Berlin sind viele von den E-Scootern genervt.

Die kleinen elektrischen Tretroller sind von vielen verhasst. Doch sie können mehr sein als ein Spaßmobil für Touristen: Städtetag und Gemeindebund haben Handlungsempfehlungen vorgelegt.

Was war das zuletzt für ein Gemecker über die E-Scooter. Grünen-Chef Robert Habeck sprach von „Wild-West auf zwei Rädern“. Seit die kleinen elektrischen Tretroller in deutschen Städten über die Straßen flitzen und allerorten geparkt werden, ist nicht nur er unzufrieden. Denn es ist enger geworden auf den Straßen, Radwegen, Bürgersteigen, auch gefährlicher.

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So kam es zu schweren Unfällen, auch weil Fahrer betrunken waren. Doch die Roller sollten nicht nur als Problem, „sondern gleichermaßen als Chance verstanden werden“. Dazu rufen nun der Deutsche Städtetag und der Städte- und Gemeindebund auf und haben „Handlungsempfehlungen“ vorgelegt. Ausgearbeitet wurden diese von der Denkfabrik Agora Verkehrswende.

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Strecken zum öffentlichen Nahverkehr überbrücken

Vier Unternehmen stellen derzeit die kleinen Fahrzeuge in etlichen Städten zum Ausleihen zur Verfügung, weitere Firmen stehen in den Startlöchern. Der Markt scheint attraktiv. Die McKinsey Unternehmensberatung geht davon aus, dass er in Europa, China und den USA zusammen bis 2030 auf 500 Milliarden US-Dollar ansteigen könnte. „Die Anbieter ringen um Sichtbarkeit in den Städten, in den nachfragestarken Bereichen kommt es zur Überlastung des Stadtraums“, schreiben die Autoren der Agora.

Gedacht ist das anders. Die kleinen wendigen Roller sollen „die Mobilität von Bürgern auf dem Land und in den Städten“ steigern und es ihnen ermöglichen, „Strecken von und zum öffentlichen Nahverkehr“ zu überbrücken. Pendler könnten ihr Auto stehen lassen und mit dem Scooter den Weg zum Bahnhof schneller bewältigen. Doch funktioniert das?

Auch Autofahrten werden eingespart

Die Agora-Experten haben erstmals Erfahrungen in anderen Ländern analysiert, mit Verkehrsplanern in vielen deutschen Städten und mit den Verleihfirmen gesprochen. Die Gegner tun Tretroller gern als Spaßmobil ab, das Touristen nutzen, die sonst zu Fuß gegangen wären. Noch gibt es aus Deutschland wenige Daten dazu. Doch in den US-Städten Portland und San Francisco sowie in den französischen Städten Paris, Marseille, Lyon zeigte sich: Fußwege waren die am häufigsten ersetzten Wege. Aber auch Autofahrten werden eingespart. 20 Prozent der Einwohner von Portland, die einen Roller geliehen hatten, gaben an, sonst den Pkw zu nutzen.

Darum sagt Agora-Direktor Christian Hochfeld, die Roller könnten „zu einem ernstzunehmenden Mobilitätsbaustein“ werden. Zumal wegen der besseren Effizienz das Klima schon selbst dann geschont werde, wenn nur wenige Autofahrer umstiegen.

Haltbarkeit der Roller „weiter optimieren“

Die Rechnung der Experten: Ein durchschnittlicher PKW legt mit der Energiemenge von einer Kilowattstunde eine Strecke von rund zwei Kilometern zurück, der Scooter kommt mir der gleichen Menge mehr als vierzigmal so weit. Beim gegenwärtigen Strommix gehen pro Kilometer nur knapp fünf Gramm des klimaschädlichen Kohlendioxids auf ihr Konto. Beim Auto sind 120 Gramm keine Seltenheit.

Dazu kommen freilich noch die Emissionen fürs Sammeln, Warten, Laden, Aufstellen der Fahrzeuge – und für ihre Herstellung. Die Frage, wie schnell die Roller schrottreif sind, ist darum wichtig. Sie überlebten den Leihbetrieb nur drei Monate, hieß es noch vor kurzem. Mittlerweile seien die Modelle „robuster und langlebiger“, schreiben die Autoren des Papiers, so dass sie „zehn bis 18 Monate“ eingesetzt werden könnten. Schon aus betriebswirtschaftlichen Gründen würden die Hersteller die Haltbarkeit auch künftig „weiter optimieren“.

Handlungsempfehlungen für Städte und Gemeinden

Ein Fahrzeug der Zukunft würden die Roller aber nur, wenn die Städte und Gemeinden die Entwicklung unter anderem so steuern, dass „schwächere Verkehrsteilnehmer nicht beeinträchtigt“ werden, sagt Hochfeld. Die entscheidenden Empfehlungen der Experten:

Erstens: Scooter zu den Pendlern bringen – und sich ein Beispiel an Hamburg nehmen. Dort versucht die Verkehrsgesellschaft Hochbahn mit dem Rolleranbieter Voi Bewohner am Rand der Hansestadt zum Umstieg zu bewegen. Jeden Morgen werden in den Stadtteilen Berne und Poppenbüttel Roller aufgestellt. An den S- und U-Bahn-Haltestellen gibt es extra Parkflächen für Roller. Für die Anwohner in den Testgebieten gibt es Rabatte und Freiminuten.

Zweitens: Zahl der Leihfahrzeuge im Blick behalten – das machen heute schon einige Städte. München gibt beispielsweise vor, dass innerhalb des Altstadtrings nur 100 und im Mittleren Ring 1.000 Leihroller pro Anbieter und Tag aufgestellt werden dürfen.

Drittens: Ärger schnell ausräumen – wenn Roller falsch geparkt, umgeworfen oder beschädigt wurden. Die Stadt Wien zum Beispiel hat die App Sag’s Wien entwickelt. Mit ihrer Hilfe können Bürger auf Müll im Park, kaputte Ampeln oder eben störende Roller hinweisen. Die Roller-Beschwerde wird an die Verleihfirma weitergeleitet. Die haben dann vier Stunden Zeit, das Problem zu beseitigen, an Wochenenden 24 Stunde

Und schließlich: Platz schaffen – die Infrastruktur für Fahrräder und E-Tretroller sei „in punkto Umfang, Qualität und Sicherheit massiv auszubauen, auch unter Inanspruchnahme von bisher dem KFZ-Verkehr vorbehaltenen Verkehrsflächen“, so die Experten. Das heißt zum Beispiel auch PKW-Parkplätze umzuwidmen.

Lesen Sie auch: Dem Auto wird der Platz streitig gemacht

Hanna Gersmann
Keywords:
Neue Mobilität | E-Scooter | E-Tretroller
Ressorts:
Governance

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