Verkehrswende
29.10.2018

Eon und Netze BW auf dem Weg zur Mobilität von morgen

Foto: Netze BW
In der Belchenstraße in Ostfildern testet Netze BW, was mit dem Stromnetz passiert, wenn alle Anwohner E-Auto fahren.

Wann kommt die Elektromobilität, und vor allem, wie? Diese Frage beschäftigt Netzbetreiber und Energieversorger in Europa. Für sie sind Dienstleistungen rund um die Stromer finanzielles Risiko und Riesenchance zugleich.

Seite 1Seite 2nächste Seite

Das Elektroauto überzeugt Gudrun Häckel nicht. „Über 40.000 Euro für ein Auto, in das kaum zwei Wasserkästen passen – das würd‘ ich mir nie und nimmer kaufen“, sagt die resolute Frau mit schwäbischem Dialekt am Kofferraum ihres geliehenen BMW i3. Auch ihr Mann Heinz hat noch Probleme mit dem Stromer: In seiner Hemdtasche hat er immer eine Liste mit Instruktionen dabei, wie man das Elektroauto startet. Er ist seinen Mercedes mit Verbrenner-Motor gewohnt, den das Paar momentan als Zweitfahrzeug nutzt.

Anzeige

Anzeige

Die Häckels zählen zu den Teilnehmern des Projekts „E-Mobility-Allee“, das der Verteilnetzbetreiber Netze BW in Ostfildern bei Stuttgart gestartet hat. Norbert Simianer, CDU-Stadtrat in Ostfildern, hat die Rentner und andere Nachbarn zur Teilnahme überredet. „Erst wollten wir nicht“, sagt Häckel. Simianer hingegen war sofort Feuer und Flamme. Der technikbegeisterte Wärmepumpen-Besitzer fuhr schon vor dem Projekt ein Hybrid-Auto. Wenn er im Winter im Zuge des Testbetriebes in der E-Mobility-Allee einen Tesla fahren darf, will er mit seiner Frau eine Deutschland-Tour machen.

Dem Kollaps vorbeugen

Netze BW testet in der Ostfilderner Belchenstraße ein gutes halbes Jahr lang, was mit dem Stromnetz passiert, wenn alle Straßen-Anwohner Elektroautos fahren. Es ist die große Frage, die alle Netzbetreiber sich derzeit stellen: Wie müssen Stromnetze ausgerüstet werden, damit sie nicht kollabieren angesichts des hohen Strombedarfs, den Elektroautos künftig mit sich bringen? Bei Netze BW wollen sie auf diese Zukunft vorbereitet sein – und sich nicht nur auf Prognosen verlassen. „Andere Netzbetreiber nehmen gewisse Dinge an, wir testen in der Praxis unter möglichst realen Bedingungen“, sagt Daniel Wetzel, Ansprechpartner für die Anwohner der E-Mobility-Allee.

Die Wahl fiel auf die Belchenstraße, weil sie mit ihren Einfamilienhäusern – bewohnt von Rentnern, Paaren und Familien – typisch ist für Stuttgarts Speckgürtel. Wichtig war auch, dass die teilnehmenden Haushalte über einen Stromkreis mit Energie versorgt werden. Bei Netze BW glaubt man, dass es Gegenden wie diese sind, in denen die E-Mobilität in Deutschland zuerst Fuß fassen wird.

Finanzielles Risiko für Energieversorger

Auch die Integration von Batteriespeichern ins Netz und ein Lademanagement-System werden getestet. Die erste, überraschende Erkenntnis nach rund zwei Monaten: „Wir hatten noch kein einziges Mal den Fall, dass alle gleichzeitig geladen haben“, sagt Irene Fech, Ingenieurin für Netzintegration und Elektromobilität bei Netze BW.

Wann und wie E-Mobilität den Massenmarkt erreicht, ist für Netzbetreiber und Energieversorger immer noch eine große Unbekannte. Die Unternehmensberatung Oliver Wyman warnt, das Niederspannungsnetz sei nicht ausgelegt für große Mengen an Stromern. Schon bei einer E-Auto-Quote von 30 Prozent könne es zu flächendeckenden Stromausfällen kommen. Würde die Hälfte aller Autos elektrifiziert, müssten bis zu elf Milliarden Euro in den Netzausbau fließen. 

Marktpotenzial von 4 Milliarden Euro

Doch nicht nur die Frage nach der Belastungsgrenze der Netze treibt die Branche um. Die Energieversorger versuchen, E-Mobilität als neues Geschäftsfeld zu erschließen. Die Unternehmensberatung Ernst&Young prognostiziert für die nächsten fünf Jahre ein Marktpotenzial von 4,1 Milliarden Euro für Ladestrom und von einer Milliarde für private Ladeinfrastruktur.

Deren Ausbau kommt derzeit noch sehr zögerlich voran, was mit dem berüchtigten Henne-Ei-Problem zu tun hat. Die Krux sei, dass „Energieversorger kaum in Ladesäulen investieren“, sagt Henry Otto, Partner beim Beratungsunternehmen PwC. Denn einerseits seien noch zu wenige Elektroautos unterwegs, andererseits warteten potenzielle Käufer ab, weil es zu wenige Lademöglichkeiten gebe. 

Eon kämpft in Skandinavien

Wie schwierig das Geschäft mit der E-Mobilität selbst im boomenden Nordeuropa-Markt sein kann, zeigt das Beispiel Eon. Der Essener Energieversorger übernahm 2013 die Ladestationen und viele Mitarbeiter des Pleite gegangenen Ladedienstleisters Betterplace und baute es aus. So wurde er schnell zum größten Ladenetzbetreiber Dänemarks, mit inzwischen mehr als 2.500 Stationen.

Eigentlich war das Timing gut: 2015 schaffte die dänische Regierung die Zulassungssteuer für Elektroautos ab, ihr Anteil an den Neuzulassungen schoss auf 3,7 Prozent empor. Doch die Euphorie verflog, als die Regierung 2016 begann, die Zulassungssteuer schrittweise wieder einzuführen. Danach brach der Absatz von Elektroautos massiv ein – auf nur noch rund 700 im vergangenen Jahr.

Niedrige Energiepreise und Grünstrom satt

„Theoretisch wäre Dänemark der beste Markt für Elektromobilität“, sagt Peter Bjerregaard, zuständig für Marktregulierung bei Eon Dänemark. Der 32-Jährige sitzt im Büro von Eon in Frederiksberg, einem Kopenhagener Stadtteil. „Die Landschaft ist platt, die Entfernungen nicht lang, alle 100 Kilometer gibt es eine große Stadt.

Außerdem sind die Strompreise niedrig und die Energie grün.“ Hinzu komme ein hoher Grad an Digitalisierung und eine Affinität zu alternativen, umweltfreundlichen Verkehrsmitteln wie dem Fahrrad. Die Hauptstadt Kopenhagen gilt als gutes Testfeld für E-Mobilität.

Seite 1Seite 2nächste Seite
Keywords:
Elektromobilität | Lademanagement | Dänemark | Ostfildern | E-Autos | Ladesäulen
Ressorts:
Governance | Markets

Neuen Kommentar schreiben

 

bizz energy – Herbst 2018

Die aktuelle Ausgabe gibt es ab sofort bei unserem Abonnentenservice unter bizzenergy@pressup.de sowie als E-Paper bei iKiosk oder Readly.

 
 

bizz energy Research

Energie, Digitalisierung und Mobilität.
Unsere Factsheets bieten visualisierte Daten, liefern Fakten und stellen Zusammenhänge zu den Top-Themen der Energiewende dar.


Mehr Informationen