Digitalisierung
30.10.2019

Wie intelligent heizt das Smart Home?

Foto: iStock

Für Technik-Fans sind per Smartphone-App gesteuerte Heizungsregelungen ein Statussymbol. Ob sie wirklich Geld sparen, ist eine andere Frage.

Die Temperaturen fallen, in den Häusern und Wohnungen fahren die Heizungen hoch. Zugleich steigen sowohl die Gaspreise als auch das Klimabewusstsein, was Mieter und Besitzer auf die Suche nach Einsparmöglichkeiten schickt. Die Hersteller von elektronischen Heizkörperthermostaten springen voll auf diesen Trend auf: Sie werben mit Einsparungen im zweistelligen Prozentbereich. Der Anbieter Tado spricht beispielsweise von „bis zu 31 Prozent“ weniger Heizkosten. Doch was bringen die Geräte wirklich – und für wen sind sie sinnvoll?

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Wer sich erstmals mit dem Thema beschäftigt, der hat das gleiche Problem wie bei jeder Technik-Anschaffung: Dutzende von Systemen verschiedener Anbieter konkurrieren miteinander und sind zum Teil schwer zu vergleichen. Bei näherem Hinsehen vereinfacht sich das Bild jedoch. Die elektrischen Heizkörperventile fallen grob in zwei Klassen: Smart-Home-Lösungen und unvernetzte Einzelgeräte. Bei der smarten Variante kann sich die Entscheidung vereinfachen, wenn bereits ein Teil des Systems vorhanden ist, beispielsweise eine Lichtsteuerung von Bosch oder eine Fritzbox.

Lohnt sich die Anschaffung nach einer Weile?

Die tatsächlichen Einsparungen liegen dabei in der Praxis oft unter den Versprechen der Anbieter. Die Stiftung Warentest kommt in eigenen Berechnungen auf eine Kostensenkung von sechs Prozent. Sie geht dabei von einer mäßig gedämmten 70-Quadratmeter-Wohnung aus, deren Bewohner tagsüber in Abwesenheit die Heizung bisher nicht per Hand heruntergestellt haben. Bei rund 1000 Euro Heizkosten pro Jahr sparen die Bewohner dann 60 Euro. „Das ist jetzt nicht die Welt, und auch die Verringerung des Kohlendioxidausstoßes ist nicht gigantisch“, sagt Reiner Metzger von der Stiftung Warentest. Ein Internetrechner auf der Seite von Tado verspricht dagegen bei vergleichbaren Eingaben ein Minus zwischen 150 und 220 Euro.

Die tatsächlichen Einsparungen spielen vor allem dann eine Rolle, wenn der Nutzer darauf hofft, dass sich die Anschaffung nach einer Weile lohnt. Ein komplettes Set von smarten Thermostaten und Zubehör für sechs Heizkörper kostet beim Qualitätsanbieter von 350 Euro aufwärts; je nach Anbieter und Ausstattung werden es bis zu 800 Euro.

App schlägt meist einen Wochenplan vor

Die Billiglösung sind dagegen elektrische Regler mit Zeitschalter, die – etwas fummelig – einzeln zu programmieren sind. Sie kosten zum Teil nur rund zehn Euro pro Stück im Elektrohandel oder im Baumarkt. „Das ist die Lösung für den schmalen Geldbeutel“, sagt Metzger. Die smarte Variante lohne dagegen für Leute, denen die Programmierung der einzelnen Heizkörper zu kompliziert ist.

Die richtigen Smart Homes dagegen kommen mit einer App, in der sich der Zeitverlauf für die Wunschtemperaturen am Bildschirm einstellen lässt. Nach der Einrichtung schlagen sie meist schon einen Wochenplan vor, der im Allgemeinen morgens vor sieben die Wohnung einmal richtig warm macht, ab halb neun die Kälte einziehen lässt und gegen 17 Uhr wieder aufheizt, um dann nach Mitternacht wieder abzusenken. Davon ausgehend lässt sich für jeden Raum ein detaillierter Verlauf einstellen.

„Letztlich ist es eine Typfrage“

Am meisten spart dabei, wer eine richtig tiefe Absenkung zulässt, die es im bisherigen Tagesablauf nicht gab. Das gilt auch umgekehrt. „Wer bisher schon seine Thermostatventile fleißig heruntergedreht hat und nun das gleiche mit der smarten Variante macht, der spart nichts“, sagt Stefan Materne vom Team Energieberatung beim Verbraucherzentrale Bundesverband.

Im Extremfall verbraucht ein Nutzer, der bisher sehr sparsam geheizt hat, sogar mehr: Der Zeitschalter fährt die Heizung schließlich morgens schon hoch, bevor jemand das Bad betritt, also früher als der sparsame Nutzer, der händisch daran gedreht hat. Immerhin sei das Smart Home jedoch bequemer – zumindest für Leute, die Spaß an der Einrichtung von Apps haben. „Letztlich ist es eine Typfrage“, sagt Materne.

Umstellung der Heizkörper fällt in der Regel leicht

Früher hätte sich wohl mancher Hausbewohner bei völliger Abschaltung aller Heizkörper vor der Rückkehr in eine eiskalte Wohnung gegruselt – heute kann das smarte Home in der halben Stunde vor Rückkehr punktgenau die Wohlfühltemperatur wiederherstellen. Wer unerwartet früher heimkommt als sonst, kann der Heizung auf dem Rückweg über die App einen Hinweis geben. Gäste können die App-Steuerung auch umgehen und ihre Wunschtemperatur direkt am Heizkörper per Hand einstellen.

Die Umstellung an den Heizkörpern fällt auch Neulingen in der Regel leicht. Die üblichen Thermostatventile lassen sich einfach abschrauben. Es besteht keine Gefahr, dass Wasser austritt: Sie sitzen stets nur außen auf und haben keine Öffnung zum Wasserkreislauf. In der Regel legt der Hersteller Übergangsstücke für die Gewinde häufiger Modelle mit in die Packung. Je nach vorhandenem Standard ist also noch ein Plastikring zwischenzuschrauben, damit der smarte Thermostat passt. Wichtig für Mieter: die alten Ventile aufheben, beim Auszug müssen sie schließlich wieder an den die Heizkörper.

Wie der analoge Drehregler kontrolliert sein digitales Gegenstück den Durchfluss, indem er einen Stift hineindrückt, der in das eigentliche Heizungsventil führt. Dazu dient ein kleiner Motor, der von Batterien mit Strom versorgt wird. Die Batterien sollten bei allen Anbietern mindestens ein bis zwei Jahre halten; wer umweltbewusst arbeitet, ersetzt sie beim ersten Wechsel durch wiederaufladbare Akkus. Eine Ausnahme ist Fibaro, dort kommen fest verbaute Akkus zum Einsatz – und die sind etwas umständlich zu laden.

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Finn Mayer-Kuckuk
Keywords:
Smart Home | Digitalisierung | Heizung
Ressorts:
Technology | Markets

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