Verkehrswende
05.12.2018

Wie man Straßen zu Fußgängerzonen macht – auch gegen Widerstand

Fotos: istock/Yulia-B, chefkjang
Fußgängerzone in Moskau nahe des Kremls. In der Innenstadt wurden zahlreiche Verkehrsflächen umgewidmet.

Im Vergleich zu anderen Metropolen tut sich Berlin noch schwer mit neuen Mobilitätskonzepten. Brüssel, London und Peking kämpfen bereits mit radikalen Mitteln gegen das Verkehrschaos.

Wie sperrt man  – auch gegen den Willen einiger Bürger – eine Hauptverkehrsstraße für Autos und macht daraus eine Fußgängerzone? Indem man die Pläne nicht nur erklärt, sondern auch Bilder zeigt, wie das Ganze aussehen soll. So erklärt es zumindest Pascal Smet, Minister der Region Brüssel-Hauptstadt für Mobilität am Dienstag in Berlin. „Man braucht Mut, Disziplin und Fokus“, sagt er. Veränderung stoße in der Regel auf Widerstand, doch bedeute das Blockieren von Straßen für motorisierten Verkehr oder neue Radwege für die Bürger letztlich mehr Platz, mehr Grün und sei eine Verbesserung. Außerdem ist Smet kein Freund von langen Testläufen. „Zwei bis drei Jahre lang kann es Schwierigkeiten geben, aber wenn es gutes Projekt ist, werden die Bürger zufrieden sein und Sie wiederwählen“, erklärt er pragmatisch.

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Der Berliner Verkehrssenat hat Verkehrspolitiker und Fachleute aus Brüssel, Paris, London, Moskau, Peking und Los Angeles zu einer internationalen Mobilitätskonferenz geladen. Zwei Tage lang tauschen sie sich darüber aus, wie der Verkehrskollaps verhindert werden kann, wie die Luft sauberer wird und die Straßen sicherer. „Ich bin überzeugt, dass der größte Fehler der Menschheitsgeschichte die Erfindung des Privatfahrzeugs ist“, sagt Smet. Mittlerweile sei selbst die deutsche Autoindustrie davon überzeugt, dass es in Zukunft in den Städten keinen Individualverkehr mit dem Privatauto mehr geben werde. „In zehn bis 20 Jahren werden unsere Städte komplett andere sein, weil automatisierte, geteilte Fahrzeuge die Menschen transportieren“, so Smet.

"Städte vor tiefgreifender Transformation"

Die Gastgeberin, Verkehrssenatorin Regine Günther, ist in den vergangenen zwei Jahren in den Partnerstädten Berlins zu Besuch gewesen. „Die Städte stehen vor einer tiefgreifenden Transformation, und zwar weltweit“, sagt sie. Der Verkehr müsse einen schnellen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Berlin sei auf Aufholjagd: Günther spricht von einem Investitionsstau und große Infrastrukturschulden, die dazu führten, dass „der ÖPNV nicht so funktioniert, wie wir ihn uns vorstellen“. Die Straßen seien teils marode, von einer Radinfrastruktur könne man „fast nicht sprechen“.

Gleichzeitig verteidigt sie die „komplexen bürokratische Prozesse“ und die Abstimmung zwischen Hauptverwaltung und Bezirken in Berlin. So habe es sich bei der Verabschiedung des neuen Berliner Mobilitätsgesetzes „mehr als bewährt“, die Zivilgesellschaft von Anfang an intensiv einzubeziehen. Das im Juni beschlossene Regelwerk schreibt vor, dass Fahrräder und andere öffentliche Verkehrsmittel künftig vor dem Autoverkehr Vorrang haben in der Verkehrsplanung. Dennoch hinkt die deutsche Hauptstadt anderen Metropolen in Bezug auf neue Mobilitätskonzepte hinterher.

So ist die Lage in Berliner Partnerstädten:

Brüssel:

Die mit 1,2 Millionen-Einwohner-Stadt leidet unter dem Pendlerverkehr. Wegen der Luftverschmutzung und hohen Stickoxid-Werten (NOx) führte die Verwaltung im Jahr 2013 eine „Priority Air Action Zone“ ein, die 2018 weiter verschärft wurde. An Tagen mit besonders hohen Luftschadstoffwerten gelten in den betreffenden Zonen Geschwindigkeitslimits, außerdem ist dort die Nutzung des ÖPNV kostenlos. In diesem Jahr wurde außerdem eine „Low Emission Zone“ etabliert, innerhalb derer Diesel-Fahrzeuge nach und nach verboten werden sollen. Minister Smet berichtet von einer Hauptverkehrsstraße in der Innenstadt, die in eine autofreie Zone umgewandelt wurde. Nach anfänglichen Widerständen sei die Mehrzahl der Menschen nun zufrieden damit. Sie würden protestieren, sollten Autos dort wieder zugelassen werden, ist Smet überzeugt.

Moskau:

Die 12,5-Millionen-Einwohner-Stadt samt Umland zählt zu den größten Metropolregionen Europas. „Wir haben das Zentrum dramatisch verändert und Verkehrsflächen für Fußgänger umgewidmet“, berichtet Maksim Liksutov, Vize-Bürgermeister von Moskau und Leiter der Verkehrsabteilung. Das größte Problem für die Menschen dabei seien die Unannehmlichkeiten während der Bauarbeiten gewesen. Inzwischen seien aber knapp 70 Prozent zufrieden mit dem Resultat. Die Zahl der Fußgänger habe sich seither verdoppelt bis verdreifacht, es gebe mehr Radfahrer und Geschäfte, Cafés und Restaurants verzeichneten mehr Kunden. Ab 2021 will die Stadtverwaltung nur noch Busse mit Elektro-Antrieb anschaffen, gleichzeitig wird das Metro-System ausgebaut. 

London:

Für Schlagzeilen sorgte die britische Hauptstadt, als Bürgermeister Sadiq Khan verordnete, dass ab 2019 alle neu zugelassenen Taxis „zero emission capable“ sein müssen: Nur, wenn sie 35 Meilen emissionsfrei fahren können, erhalten sie eine Taxi-Lizenz. Außerdem ist im Zentrum Londons ab kommendem Jahr für alle Busse ein Hybrid-Antrieb Pflicht. Einstöckige Busse dürfen bis 2020 keine Schadstoffe mehr ausstoßen, spätestens bis zum Jahr 2037 gilt für alle 9.500 Busse „zero emission“. Im April 2019 wird die Stadtverwaltung eine „Ultra-Low-Emission-Zone“ einführen. Dort dürfen nur noch Fahrzeuge mit bestimmten EU-Abgasnormen einfahren, wodurch der NOx-Ausstoß in der Innenstadt um 20 Prozent gesenkt werden soll. London hat zudem  acht „Cycle Superhighways“ gebaut, die Radfahrer auf den meistbefahrenen Straßen schützen, weitere sind in Planung.

Paris:

Seit 2016 sind Autos mit hohem Schadstoffausstoß zwischen 8 und 20 Uhr in der französischen Metropole verboten. Zu den Olympischen Spielen 2024 sollen Diesel-Fahrzeuge ganz verbannt werden, ab 2030 gilt das auch für Benziner. Christophe Najdovski, stellvertretener Pariser Bürgermeister Beauftragter für Verkehr, klagt über die ineffiziente Nutzung von durchschnittlich 1,1 Personen bei Pendler-Pkw: „Das können wir uns nicht leisten.“ Die Stadt reagiert mit einer Verbesserung des ÖPNV und wandelt im Rahmen der „Paris Piéton“-Strategie sieben große Plätze in Fußgängerzonen um. Dies müsse aber gestaltet werden, mahnt Najdovski: Bevor man eine Stadtautobahn zur Fußgängerpromenade umgewandelt habe, seien Metro-, Tram- und Buslinien ausgebaut worden. Dennoch gebe es Widerstand. Der sei aber eine Generationenfrage: 80 Prozent der jüngeren Menschen seien für die Umwidmung von Verkehrsflächen. 

Peking:

Als „sehr bedrückend“ bezeichet Fuquan Lu, Vize-Vorsitzender der Pekinger Transportkommission, die Staus in der chinesischen Millionen-Metropole. 21,7 Millionen Menschen leben in Peking, jedes Jahr steigt ihre Zahl um gut vier Prozent. Die Regierung greift zu drastischen Maßnahmen, um den Verkehr einzudämmen: Nur 150.000 Fahrzeuge werden pro Jahr noch zugelassen, obwohl Millionen dafür Lizenzen beantragen. Momentan denkt die Verwaltung auch über die Bepreisung von Abgasen nach. 40 Prozent der Zulassungen sind für Elektro-Fahrzeuge reserviert, außerdem soll die Taxi-Flotte (ca. 70.000 Fahrzeuge) künftig komplett auf E-Antrieb umgestellt werden. Bei den Bussen fahren bereits 70 Prozent elektrisch oder mit Erdgas. Zu den olympischen Spielen 2022 soll der ÖPNV rund um das Sportereignis auf E-Antrieben basieren.

Los Angeles:

In der größten Stadt Kaliforniens ticken die Uhren beim Verkehr anders als anderswo. Bis heute geht dort nicht viel ohne das eigene Auto. Die U-Bahn wird in erster Linie von Geringverdienern genutzt, die Busse haben in den vergangen fünf Jahren 20 Prozent ihrer Fahrgäste verloren. Doch gleichzeitig stieg die Zahl der Radfahrer zwischen 2000 und 2010 um mehr als die Hälfte. Mehr Autofahrer zum Umstieg auf den ÖPNV bewegen, ist das Ziel von „Measure M“. Die 2016 eingeführte Umsatzsteuer, für die die Mehrheit der Bürger im Bezirk Los Angeles stimmte, soll in den nächsten 40 Jahren 120 Milliarden Dollar zum Ausbau des öffentlichen Transportsystems generieren. Das Geld ist insbesondere für mehr Regionalzüge und Schnellbusse vorgesehen, außerdem sollen Carpooling-Spuren auf den Autobahnen eingerichtet werden.

Lesen Sie auch: Mobilitätsforscher Knie: „Der Verkehr steht bald still“

Jutta Maier
Keywords:
Verkehrswende | Elektromobilität | Neue Mobilität | Berlin
Ressorts:
Governance

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