Letztes Jahr brauchte Nordrhein-Westfalen (NRW) nur etwas mehr als 300 Megawatt neugebaute Windkraft, um 2020 im Vergleich aller Bundesländer auf Platz 1 zu landen. Darin sah die Landesregierung  zum Jahreswechsel einen Grund zum Jubeln, der Erneuerbaren-Landesverband LEE NRW eher nicht. Allein in NRW sei jährlich ein Zubau von mindestens 900 Megawatt jährlich nötig, damit Deutschland 2030 bei einem Anteil von 65 Prozent Ökostrom herauskommt, mahnte der Verband. Da sei 2020 nur ein Bruchteil des Notwendigen erreicht.

Die widersprüchliche Wertung wiederholt sich jetzt bei einer Vorab-Studie zur Windkraft, die das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (LANUV) diese Woche veröffentlichte. Laut der Studie sei das Ziel der Landesregierung erreichbar, bis 2030 die Leistung bei Wind auf 10.500 Megawatt zu erhöhen und damit zu verdoppeln - und zwar auch mit den in NRW geplanten Mindestabständen von 1.000 Metern zwischen Windanlage und Wohngebiet.

Notwendiger Einschub:  Ende 2020 waren in NRW rund 6.100 Megawatt Windkraft in Betrieb. Da stellt sich die Frage, wie Landesamt und auch Ministerium bei 10.500 Megawatt auf eine Verdopplung kommen? Erklärung aus dem Landesamt auf Nachfrage: Die berechnete Verdopplung beziehe sich auf den Ausbaustand Anfang 2018. Damals seien rund 5.500 Megawatt Windkraft in NRW am Netz gewesen. Warum wird ein drei Jahre alter Stand genommen? Zu vermuten ist, dass eine rechnerische Verdopplung der Windkapazität sich einfach PR-technisch besser machte.

Nicht mehr geförderte Anlagen nicht einberechnet

Dennoch: 1.000 Meter Abstand - und dennoch ist der nötige Windkraftausbau möglich? Das wäre eine echt gute Nachricht. Landeswirtschaftsminister Andreas Pinkwart lobt in seinem Kommentar zu LANUV-Studie entsprechend die so genannte Länderöffnungsklausel, die es den Ländern ermöglicht, eigene Mindestabstände zwischen Windanlagen und Wohnbebauung festzulegen. Das böte die Chance, so Pinkwart, einen "guten Kompromiss zwischen dem notwendigen Ausbau der Windenergie und der Akzeptanz in der Bevölkerung rechtssicher im Gesetz zu verankern". Die Zwischenergebnisse der Studie gäben hierbei "Rückenwind".

Die LANUV-Studie erstellt zwei Szenarien, zum einen ein "Leitszenario Energieversorgungsstrategie" sowie zum anderen ein "Restriktionsszenario". Das "Leitszenario" kommt 2030 auf ein Wind-Potenzial von 14.600 Megawatt. Das setzt sich aus 3.300 Megawatt jetzt schon vorhandenen Bestandsanlagen zusammen sowie von einem 600-Megawatt-Plus durch Repowering sowie einem "echten" Zubau von 10.700 Megawatt.

Das "Restriktionsszenario" beziffert das 2030er Potenzial nur auf rund 4.900 Megawatt. Das setzt sich seinerseits zusammen aus - wie oben - 3.300 Megawatt heutigen Bestandsanlagen, nur 100 Megawatt Repowering sowie einem "echten" Zubau von 1.500 Megawatt. Verglichen mit dem Stand 2020 von 6.100 Megawatt läuft das auf einen klaren Rückbau hinaus. In beiden Szenarien werden dabei die Anlagen nicht einberechnet, die vor 2030 aus dem EEG fallen und womöglich nur eine Zeit lang weiterbetrieben werden.

Artenschutz und Flächenpläne noch nicht mitkalkuliert

In den jetzigen Zwischenergebnissen seien dabei, wie das Landesamt selbst einräumt, "Faktoren wie Artenschutz oder Vorgaben der kommunalen Flächennutzungspläne nicht berücksichtigt" wie auch die eigentumsrechtliche Verfügbarkeit von Flächen.

Der Erneuerbaren-Landesverband LEE NRW hält seinerseits das "Restriktionsszenario" zwar für deutlich "realitätsnäher", aber selbst bei diesem seien die Annahmen "noch zu optimistisch gewählt" - verglichen mit der aktuellen Genehmigungspraxis.  So würden topografische Begebenheiten gar nicht berücksichtigt und zu Flughäfen, Gewässern oder Autobahnen Abstände angenommen, die in heutiger Genehmigungspraxis allesamt nicht zulässig seien.

Die Möglichkeiten des "Leitszenarios" sind aus Sicht des LEE NRW aufgrund völlig realitätsferner Annahmen erst recht nicht erreichbar. Die dort skizzierte Flächenkulisse sei "allenfalls Schönfärberei".

Für Reiner Priggen, Chef des LEE NRW, übertrifft der Zwischenbericht die "schlimmsten Befürchtungen." Real betrachte bleibe in Nordrhein-Westfalen statt der eigentlich benötigten zwei Prozent der Landesfläche nur ein Zehntel davon für die Windkraft übrig.  Mit keinem der Szenarien ließen sich die Klimaziele erreichen. Priggen: "Dass die Landesregierung mit realitätsfernen Annahmen rechnen lässt, ist ein schlechter Scherz und ein Schlag ins Gesicht für den demokratischen Prozess."

Der Vize-Fraktionschef der SPD im NRW-Landtag, André Stinka, warf Pinkwart laut Medienberichten vor, sich die Zahlen zu drehen, "wie er sie gerne hätte". Im Zwischenbericht werde ausdrücklich betont, dass die Folgen des jetzt von der Landesregierung vorgelegten Vorschlags für die Abstandsregeln für Windkraft nicht im Detail berechnet werden, so Stinka. Die Spannbreite von 4.900 und 14.600 Megawatt mache die ganze Unsicherheit deutlich, die beim Ausbau der Windkraft in NRW herrsche.

Mehrere Windräder auf einem Feld
Auch im besten Fall reicht der Windkraftausbau in Nordrhein-Westfalen bis 2030 nicht, um die die Klimaziele zu erreichen. (Copyright: meineresterampe/Pixabay)