02.03.2016

Wind-Formel als Fallstrick

Das neue EEG unterwirft den Ausbau der Windkraft an Land einer komplexen Gleichung – die stark schwankende Ergebnisse ausspucken kann. Erste Berechnungen zeigen, dass schwankender Stromverbrauch und gute Wind- und Sonnenjahre den Korridor deutlich beeinflussen.

Der Referentenentwurf für die Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) liegt vor – und vor allem die Windkraft-Branche übt bereits heftige Kritik. In einer gemeinsamen Erklärung von Windkraft-Unternehmen und Verbänden wird insbesondere Kritik an der Mengensteuerung geäußert. Die dafür vorgesehene mathematische Formel" würde für die Windenergie zu voraussichtlich stark schwankenden Ausschreibungsmengen auf niedrigem Niveau" führen, so der Appell.

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20 Seiten mit Musterrechnungen

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Ist das tatsächlich der Fall? bizz energy liegt der Gesetzesentwurf vor – und in der Tat ist die Formel hoch komplex. Über 20 volle Seiten ziehen sich Beschreibung und Musterrechnungen. Vereinfacht ausgedrückt besagt die Formel, dass der Ausbau der erneuerbaren Energien als Anteil am Stromverbrauch bis 2025 genau 45 Prozent betragen soll – das obere Ende des Zielkorridors. Die Windkraft an Land spielt dabei die Rolle des Lückenbüßers. Ab 2017 soll die Menge an neuen Windkraftanlagen, die pro Jahr ausgeschrieben werden, davon abhängen, wie sich der Stromsektor und die anderen erneuerbaren Energien entwickeln. Was an Bedarf übrig bleibt, um das Grünstromziel zu erfüllen, erhält die Windkraft. Derzeit käme laut Ministerium ein Ausbau von 2.900 Megawatt pro Jahr heraus, nur moderat weniger als zuletzt.

Nach Berechnungen von bizz energy könnte die Formel allerdings in Zukunft heftig schwankende Ergebnisse liefern – die von der Windkraft zu füllende Lücke könnte von Jahr zu Jahr stark zu oder abnehmen. Erstes Beispiel: Eine zentrale Eingangsgröße der Formel ist der deutsche Stromverbrauch, der für das Jahr 2025 angenommen wird. Dabei wird von einer konstanten Entwicklung ausgegangen, also einem Wert, der etwa dem Verbrauch in den vorangegangenen fünf Jahren entspricht. Für die Berechnung im Jahr 2016 zur Ausschreibungen im Jahr 2017 wären das die Jahre 2011 bis 2015. Allerdings wird unterschiedlich gewichtet: Je länger das Jahr zurückliegt, desto weniger zählt es. Allein das letzte Jahr vor der Berechnung, also 2015, fließt mit einer Gewichtung von 30 Prozent ein.

Schon ein Jahr Wirtschaftskrise hat erheblichen Einfluss
 

Allein diese Ausgangsgröße kann bereits zu starken Schwankungen führen. Ginge, wie im Krisenjahr 2009, der Stromverbrauch in einem Jahr von rund 600 Terawattstunden auf 581,3 Terawattstunden zurück, spuckt die Formel bereits einen Rückgang der 2025 benötigten Windstrommenge um rund 2,5 Terawattstunden aus, was bei einer bislang angenommenen Zielmenge von 38,15 Terawattstunden ein Rückgang um mehr als sechs Prozent wäre. Dies ist der Effekt lediglich eines Krisenjahres für die Wirtschaft. Je länger der Stromverbrauch niedrig bliebe oder gar dauerhaft sänke, desto stärker würde die Windkraft an Land eingeschränkt werden. Und: Es ist nur eine der vielen schwankenden Eingangsgrößen.
 
Eine weitere ist der durchschnittlich angenommene Ertrag der erneuerbaren Energien. Denn um die Zielgröße an neuen Anlagen für das Jahr 2025 zu erreichen, muss der Ertrag aus den bereits bestehenden Anlagen vom Gesamtziel abgezogen werden. Hier ist in der Formel vorgesehen, den Durchschnitt des Ertrags pro installierter Leistung der vergangenen fünf Jahre zu wählen. Doch auch das kann zu erheblichen Schwankungen führen. 2015 war zum Beispiel ein ordentliches Wind- und auch ein starkes Solarjahr, nachdem vor allem der Wind in den Vorjahren unter den Erwartungen geblieben war.
 
Trotz der stabilen Einspeisung aus Biomassekraftwerken sind Schwankungen um zehn Prozent von Jahr zu Jahr über alle erneuerbaren Energien hinweg leicht möglich – und kumulieren sich möglicherweise sogar über mehrere Jahre. Schon ein Jahr, in dem die Erneuerbaren-Ernte zehn Prozent höher liegt als in den Jahren zuvor, würde bedeuten, dass im Jahr 2025 vier Terawattstunden weniger Windenergie benötigt werden – ein Minus von mehr als zehn Prozent für die Windkraft.
 
Worst-Case-Szenario senkt Windausbau auf Null
 
Die Formel enthält noch viele weitere schwankende Bestandteile. An erster Stelle natürlich: Die Ausbaugeschwindigkeit anderer erneuerbarer Energien, vor allem der Photovoltaik – doch diese Schwankung ist von der Politik beabsichtigt. Zudem verschärft sich der Einfluss der Ausgangsgrößen immer weiter, weil die Zahl der Jahre, durch die die Gesamtzielgröße geteilt wird, immer weiter sinkt. Im Jahr 2021 soll zum letzten Mal der Windkraftbedarf auf dem Grünstrom-Ziel für 2025 beruhen, danach auf dem Ziel für 2035.
 
Im Ergebnis könnten sich verschiedene, voneinander unabhängige Entwicklungen zu sehr heftigen Ausschlägen kumulieren. Ein Worst-Case-Szenario für die Windkraft an Land würde beispielsweise aus hohem Zubau von Solarkraft, sehr starken Windjahren und einem deutlich sinkenden Stromverbrauch bestehen. Eine Proberechnung von bizz energy hat ergeben, dass der rechnerisch nötige Wind-Zubau dann sogar auf unter Null fallen könnte.
 
Aber auch andersherum sind extreme Entwicklungen nach oben möglich. Beispiel Elektromobilität: Setzt sie sich schneller als erwartet auf breiter Front durch, wird der Stromverbrauch stark ansteigen und damit die Lücke für die Windkraft überproportional wachen. Auch Power-to-Heat könnte den Stromverbrauch pushen.

Die Formel enthält zudem durchaus einige kleinere positive Aspekte für die Windkraft an Land. So wird in den Berechnungen für die Größe der "Windlücke" davon ausgegangen, dass alte Windkraft-Anlagen nach 20 Jahren, also mit dem Ende der EEG-Förderung, außer Betrieb gehen. Solaranlagen sollen 25 Jahre laufen. Tatsächlich läuft bei vielen Windrädern die Betriebserlaubnis nach 20 Jahren aus. Es ist aber durchaus denkbar, dass ein erheblicher Teil der alten Windräder sich um neue Genehmigungen und eine eigenständige Vermarktung bemüht und weiterläuft. Andere Teile der Formel sind beim heutigen Stand kaum einzuschätzen. So wird davon ausgegangen, dass zehn Prozent der Projekte, die bei Ausschreibungen gewonnen haben, nicht realisiert werden. Entsprechend gibt es einen Bonus für den Ausbau-Korridor. Auch hier ist nicht absehbar, wie die Entwicklung tatsächlich verläuft.
 

Fazit: Ob die Formel tatsächlich einen langsamen Ausbau der Windkraft an Land zur Folge hat, ist schlicht nicht prognostizierbar. Klar ist jedoch, dass das Risiko starker Schwankungen sehr erheblich ist. Das ist auch nicht verwunderlich, wenn eine relativ kleine Variable – der Ausbau der Windkraft – ein großes Gesamtsystem – den deutschen Stromsektor und die Entwicklung des Grünstromanteils – ausbalancieren muss.

Die Bundesregierung will die Sorge um eine sehr niedrig ausfallende Ausbaurate für die Windkraft an Land eindämmen, indem es zumindest einen Mindestausbau geben soll. Zuletzt war von 2.000 Megawatt pro Jahr die Rede. Doch das ist heftig umstritten. Im aktuellsten Gesetzentwurf steht an dieser Stelle nur noch ein "xxx".

Jakob Schlandt
Keywords:
EEG | EEG-Reform | Windkraft | Windkraft Onshore | Wirtschaftsministerium | Gesetzentwurf | Kritik | EEG 2016
Ressorts:
Governance

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