bizz energy: Wegen der Frage, ob Windkraft im Wirtschaftswald erlaubt sein soll, drohte jüngst die Regierungskoalition in Thüringen zu platzen. Die Debatte darüber ist Jahre alt – Wie stehen Sie dazu?

Elke Bruns: Genauso alt ist der Satz: Wald ist nicht gleich Wald. Man muss schon genauer hinschauen: Welche Funktionen haben die Waldflächen für Erholung, fürs Klima, für den Arten- und Naturschutz. Es ist nicht zwingend, Windenergie im Wald grundsätzlich auszuschließen, sondern differenziert zu betrachten. Unter strikter Anwendung von Vermeidungsgrundsätzen lassen sich aus unserer Sicht Windenergieanlagen auf bestimmten Waldstandorten naturverträglich realisieren.

bizz energy: Gilt das auch noch, wenn der Wald in Deutschland zuletzt durch drei Dürrejahre stark geschädigt ist durch Brände und Borkenkäfer und auch weiter forstwirtschaftlich genutzt wird. Muss da auch noch Windkraft sein?

Elke Bruns: Die Windenergie ist nicht der Grund, dass der Wald stark geschädigt ist. An allen Ursachen, die den Wald schädigen, muss man versuchen etwas zu ändern und den Wald wieder aufbauen. Aber muss die logische Konsequenz sein, die Windkraft im Wald zu verbieten? Es ist ja nicht so, dass die Windenergie der große Flächenverbraucher im Wald ist – verglichen nur einmal mit anderen Eingriffen wie den Bau von Straßen oder Fabriken. Dafür wird Wald unter Umständen hektarweise abgeholzt.

Interview mit

KNE Dr. Elke Bruns Abteilungsleiterin Fachberatung 262Dr. Elke Bruns ist Abteilungsleiterin für Fachberatung und Standardisierung im KNE. Das Kompetenzzentrum Naturschutz und Energiewende (KNE) wurde 2016 gegründet zur Unterstützung einer naturverträglichen Energiewende. Das KNE stellt Fachinfos bereit, bietet Konfliktberatung an und lädt zu Fachdialogen. Es ist im Auftrag des Bundesumweltministeriums tätig, Gesellschafterin ist die Michael-Otto-Stiftung.

bizz energy: Ein weiterer Wunsch der Windbranche betrifft das Repowering. Viele Standorte aus der Anfangszeit der Erneuerbaren sind nach heutigen Maßstäben nicht mehr genehmigungsfähig. Deswegen wollen Windkraft-Betreiber, dass beim Wegfall eines alten Standorts quasi automatisch ein neuer in der Nähe bereitgestellt werden muss, auf dem dann leistungsfähigere Anlagen errichtet werden können.
Wie sehen Sie dafür die Chancen dafür?

Elke Bruns: Das wird nur sehr schwer zu verwirklichen sein. Wind-Vorranggebiete werden auf der Grundlage eines ganzen Sets von Kriterien gefunden. Es muss anhand "harter" und "weicher" Tabukriterien eine nachvollziehbare Abwägung geben, die eben die einen Flächen aus- und andere einschließt. In dieses Gefüge kann man nicht mit dem Argument eingreifen, dass Repoweringflächen "bereitgestellt" werden müssen. Wenn der Regionalplan den Bedarf an Repoweringflächen bereits in das Gesamtkonzept einbezogen hat, könnte es möglich sein. Nachträglich ist es nicht möglich.

Bei der Ausweisung von Flächen muss man sich von vornherein darüber im Klaren sein, wieviel Fläche für Repowering benötigt wird. Das muss dann in der Abwägung entsprechend berücksichtigt werden.

Aber einfach zu sagen: "Hier gibt es jetzt ein Repowering und dafür brauche ich Fläche und die musst du mir, liebe Gemeinde, bereitstellen" – das wird nicht funktionieren.

bizz energy: Was sagt der Vogelschutz zum Repowering: Sind größere und höhere Anlagen weniger oder stärker kollisionsgefährdet?

Elke Bruns: Eine Anlage mit 100 Metern und eine mit 200 Metern Höhe - das sind schon zwei unterschiedliche Hausnummern. Die heute üblichen größeren Anlagen wirken anders auf Vögel und betreffen Arten, die in anderen Höhen unterwegs sind. Auch spielt der steigende Rotordurchmesser eine Rolle. Bei großen Durchmessern sind die Rotorblattspitzen mit höheren Geschwindigkeiten von 50 bis zu 200 Stundenkilometern unterwegs, und das stellt durchaus eine Kollisionsgefährdung dar.

Die neuen größeren Anlagen müssen deswegen artenschutzrechtlich neu geprüft werden. Das Bundesamt für Naturschutz führt derzeit ein Forschungsprojekt durch, das die veränderten Auswirkungen größerer Anlagen auf Vögel und Fledermäuse untersucht.

bizz energy: Beim Vogelschutz war zuletzt auch viel die Rede von technischen Lösungen, so von einem automatischen Abschalten der Windanlage, wenn sich der Adler nähert. Wie ist da der Stand?

Elke Bruns: Damit beschäftigen wir uns im KNE seit 2017. Wir geben fachliche Unterstützung bei der Erprobung von technischen Antikollisionssystemen. Einige Hersteller konnten bereits zeigen, dass ihre Systeme die Erwartungen durchaus erfüllen können, und die Chancen für ihren Einsatz steigen. Bei anderen Systemen steht der Nachweis ihrer Wirksamkeit noch aus.

Technische Lösungen sind ein wichtiger Ansatz zur Verminderung von Kollisionsrisiken. In einem Forschungsprojekt untersuchen wir gerade, welche naturschutzfachlichen Anforderungen an den Einsatz dieser Technik zu stellen sind.

bizz energy: Auch das Beispiel Repowering zeigt: Der Druck auf den Naturschutz nimmt zu. Windverbände und Lobbygruppen nehmen offenbar an, die Hürde Naturschutz sei für neue Windkraft noch am ehesten beiseite zu räumen. Was sagen Sie dazu?

Elke Bruns: Der Natur- und Artenschutz ist nur einer von mehreren Faktoren, die eine Rolle spielen, auch wenn gerne der Eindruck erweckt wird, dass der Naturschutz hauptsächlich dafür verantwortlich sei. Es gibt andere, weit schwerer wiegende Probleme. Zunehmend wird inzwischen auch erkannt, dass der Naturschutz durchaus Möglichkeiten bietet, Hemmnisse beim Ausbau der Erneuerbaren zu beseitigen oder diesen sogar zu beschleunigen.

bizz energy: In dieser Woche einigten sich der Windkraft-Betreiber Juwi und das Land Mecklenburg-Vorpommern darauf, zum Schutz des Rotmilans eine Windkraftanlagen zeitweise abzuschalten. Dort hatte sich ein Brutpaar in der Nähe einer bereits genehmigten Anlage niedergelassen. Was halten Sie von dieser Abschalt-Lösung?

Elke Bruns: Die Einigung zeigt, dass vor Ort immer wieder Kompromisse zwischen Naturschutz und erneuerbaren Energien gefunden werden können. Offenbar ist das wirtschaftlich verkraftbar. Wir sehen es positiv, dass es zu dieser Einigung gekommen ist, denn wenn eine Genehmigung einmal erteilt ist, ist die nachträgliche Änderung für die Behörden ein rechtlich kompliziertes Unterfangen.

bizz energy: Kürzlich debattierte Ihre Einrichtung, ob sich durch schwarze Rotorblätter, wie sie in einem norwegischen Windpark eingesetzt werden, die Gefährdungen für Vögel nicht verringern lassen. Was kam dabei heraus?

Elke Bruns: Die im Juni 2020 veröffentlichte Untersuchung des namhaften Norwegian Institute for Nature Research (NINA) auf der Insel Smøla hatte gezeigt, dass ein schwarzes Rotorblatt die durchschnittliche jährliche Kollisionsrate um erstaunliche 72 Prozent über alle Vogelarten hinweg reduziert hat. Das hat natürlich zu sehr hoher Aufmerksamkeit und vielen Hoffnungen geführt.

Wir sind uns mit anderen Expertinnen und Experten weitgehend einig, dass man die Ergebnisse der Studie nicht auf Deutschland übertragen kann. Anlagendimension, Artenspektrum und Brutsituation - die untersuchten Seeadler brüten in hoher Dichte am Boden - stellen sich in Norwegen deutlich anders dar als in Deutschland.

bizz energy: Im Dezember verabschiedete die Umweltministerkonferenz ein umfangreiches Papier, nach dem künftig bundesweit beurteilt werden soll, wie gefährlich Windkraft für Brutvögel ist. Im Amtsdeutsch lautet die Unterlage "Standardisierter Bewertungsrahmen zur Ermittlung einer signifikanten Erhöhung des Tötungsrisikos im Hinblick auf Brutvogelarten an Windenergieanlagen (WEA) – Signifikanzrahmen". So lang, wie der Titel nahelegt, dauerte es auch, bis sich Bund und Länder auf den "Signifikanzrahmen" einigten. Warum?

Elke Bruns: Aushandlungen zwischen Bund und Ländern sind aufgrund grundgesetzlicher und gesetzlicher Zuständigkeiten generell kein "Spaziergang", sondern ein langer Marsch. Dass dieses Papier vorliegt, ist ein wichtiger Fortschritt, aber auch nur ein Schritt, dem weitere folgen werden. Bund und Länder mussten und müssen sich jeweils darüber einigen, wie konkret eine bundesweite Regelung ausfallen soll.

Jetzt haben wir einheitliche Begriffsdefinitionen, und sprechen sozusagen länderübergreifend die gleiche Sprache. Es wurden Kriterien und Methoden benannt, mit denen das Kollisionsrisiko für die Vögel zu beurteilen ist. Die Länder werden den Rahmen nun weiter ausfüllen. Außerdem wurde eine gemeinsame Liste der kollisionsgefährdeten Vogelarten erstellt. Drei Arten, die bisher immer dabei waren, wurden herausgenommen.

bizz energy: Welche Arten waren das?

Elke Bruns: Die Rohrweihe, die Wiesenweihe und der Uhu. Bei diesen nimmt man an, dass sie aufgrund der Flughöhe nicht mit Rotoren kollidieren, weil sie diese unterfliegen - sofern die Rotoren einen bestimmten Abstand, meist um die 80 Meter, zum Boden haben. Die Länder sind sich einig, dass sie nur sehr restriktiv von der Möglichkeit Gebrauch machen werden, diese Liste zu ändern.

Im Papier sind auch die möglichen Methoden zur Erfassung und Bewertung der Tötungsrisiken festgehalten: Das sind die Horstkartierung, eine Habitatpotenzial- oder eine Raumnutzungsanalyse. Welche der Methoden sie zur Abschätzung der Flugaktivität vor Ort anwenden, bleibt weiter den Ländern überlassen. Die Hoffnung, dass sich die Länder auf eine einzige Methode einigen hat sich nicht erfüllt, sie war angesichts der naturräumlichen Unterschiede auch wenig realistisch.

bizz energy: Den Signifikanzrahmen wollten die Umweltminister schon im November verabschieden. Da wurde das Papier erstmal auf Eis gelegt - aufgrund massiver Beschwerden von Wirtschafts- und Kommunalverbänden und mit einem vergleichsweise großen medialen Knall. Beschlossen wurde es erst einen Monat später, dann im Dezember. Was wurde denn da noch geändert?

Elke Bruns: Nun, es ging weniger darum, inhaltlich neu zu verhandeln. Die vereinbarten Eckpunkte wurden vor allem klarer formuliert. Eingefügt wurden noch Fristsetzungen, bis wann die Länder in ihrem Zuständigkeitsbereich die erforderlichen Konkretisierungen abschließen werden. Genutzt wurde die Zeit natürlich auch für zahlreiche Gespräche, um die für die die Verabschiedung im Dezember erforderliche Mehrheit für das Papier zu sichern.

Wie muss man sich solche Debatten vorstellen: Wollen Länder, die stark auf Windkraft setzen, weniger Vogelschutz gegenüber Ländern, die der Windkraft eher reserviert gegenüberstehen?

Elke Bruns: Sicher gibt es unterschiedliche politische Gewichtungen in den Ländern. Bis auf Sachsen verfügen aber alle Länder über einen artenschutzrechtlichen Leitfaden für Windenergie und natürlich über eine eingeübte Praxis. Diese zu ändern, ist immer eine Herausforderung. Es bedarf überzeugender Argumente und einer gewissen Ermutigung, neue Wege zu beschreiten. Jedes Bundesland hatte ja bereits eine gute Lösung.

Zugleich muss man aber auch sagen: Das Artenschutzrecht mit seinen Verboten ist ein sehr striktes Recht. Bestimmte fachliche Mindeststandards muss jeder einhalten, das ist klar. Aber die Länder haben Spielräume, ob sie etwa bestimmte Regelabstände nur als Prüfbereiche ansehen, in denen zu prüfen ist, ob da ein erhöhtes Tötungsrisiko besteht, oder ob sie bestimmte Regelbereiche als Tabubereiche ansehen, in denen keine Windenergieanlagen realisiert werden dürfen.

bizz energy: Aus der Sicht großer Verbände wie des VKU und des BDEW ist der im Dezember von den Umweltministern beschlossene „Signifikanzrahmen“ noch immer unzureichend, wie beide Organisationen betonten. Was fehlt denen denn noch?

Elke Bruns: Die Erwartung der beiden Verbände war, dass bundesrechtliche Pflöcke eingeschlagen werden, die eine gewisse Vereinfachung bedeutet hätten und den Ausbau der Windkraft wesentlich erleichtern sollten. Dass diese Erwartung nicht erfüllt wurde, hat aber eben auch mit den rechtlichen Anforderungen des Naturschutzrechtes zu tun, und mit den geringen Spielräumen, die es überhaupt bietet.

Darüber hinaus hofften die Verbände, dass bundesweit bestimmte Schwellenwerte festgelegt werden, anhand derer man eindeutig erkennen kann, ob ein gewisses Tötungsrisiko vorliegt.

Elke Bruns: Was ist mit so einem "Schwellenwert" gemeint – ein toter Rotmilan pro Anlage und Jahr zum Beispiel?

Nein. Einen Schwellenwert für Signifikanz wird man eher auf Basis der Flugaktivität festlegen. Es müsste ermittelt werden, wie häufig der Vogel innerhalb eines bestimmten Regelabstands zur Anlage fliegt, und wie lange er sich in diesem Bereich aufhält. Ab einer zu bestimmenden - prozentualen - Schwelle würde man von einer erhöhten Flugaktivität sprechen, die mit einem erhöhten Kollisionsrisiko einhergeht. Die gemeinsamen Beratungen von Bund und Ländern hierzu werden in Kürze fortgesetzt, das KNE begleitet den Prozess beratend.

Fragen: Jörg Staude