Die 60 mächtigen Turbinen des Windparks Arkona, die Eon zwischen Rügen und Bornholm in die Ostsee stellen lässt, zählen zu den leistungsfähigsten und bewährtesten ihrer Art. Doch sie sind  die vorerst letzten, die der Energiekonzern in deutschen Gewässern installiert. Neue Ausschreibungen sind nicht in Sicht. Deshalb orientiert sich Deutschlands größter Offshore-Windenergieproduzent ins Ausland.

 

Denn dort werden die nächsten Auktionen stattfinden. „Wir sehen uns verschiedene Märkte an, vor allem in Europa“, sagt Eon-Sprecher Markus Nitschke während einer Schiffsfahrt durch das Baufeld Arkona im Gespräch mit bizz energy. Besonders interessant sei Frankreich. Eons Strategen halten auch über Europa hinaus Ausschau: Chancen sehen sie in den USA und in Asien – dort insbesondere in Indien und Taiwan. Nitschke macht indes keine Angaben dazu, bei welchen  Offshore-Auktionen Eon bereits mitbietet oder künftig Gebote einreichen will.

 

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Das Arkona-Projekt finanziert Eon gemeinsam mit dem norwegischen Energiekonzern Equinor (ehemals Statoil). Die erste Turbine speist bereits Strom in Leitungen des Übertragungnetzbetreibers 50 Hertz ein. Wenn im kommenden alle Anlagen Jahr ans Netz gehen, wird Eon insgesamt elf Offshore-Windparks im Portfolio haben: Amrumbank West und Alpha Ventus  in der deutschen Nordsee, Arkona in der deutschen Ostsee, die übrigen in Großbritannien, Dänemark und Schweden.

 

Der Essener Konzern erprobt vor Rügen die Zusammenarbeit mit einem Gleichgesinnten: Auch das halbstaatliche Unternehmen Equinor aus Stavanger versucht, sich von fossilen Energieträgern abzusetzen und sein Portfolio an Erneuerbaren zu erweitern. Einer weiterreichenden Kooperation sind beide nicht abgeneigt: „Wir haben ein gutes Arbeitsverhältnis mit Eon. Weitere Projekte können wir uns durchaus vorstellen“, sagt Equinors Chefentwickler von Windenergieprojekten, Pål Coldevin, im Gespräch mit bizz energy.

 

Interesse an „Floating Offshore“

 

So könnten die Norweger ihre deutschen Kollegen in ein Zukunftsfeld des Offshore-Business mitnehmen: Equinor betreibt seit Ende 2017 den ersten schwimmenden Windpark der Welt vor der schottischen Ostküste. Das Projekt Hywind mit sechs Turbinen soll Vorläufer für weitere Windparks auf schwimmenden Fundamenten sein, die auf tieferen Gewässern mit Stahltrossen am Meeresgrund verankert werden. Nach Equinor-Schätzung liegen 80 Prozent des globalen Offshore-Potenzials in Seegebieten, für die sich schwimmende Anlagen eignen. Der mit Erdöl reich gewordene Konzern will nun zunächst elf weitere Anlagen in der Nordsee vertäuen, die Strom für Ölplattformen liefern sollen.

 

Eon hat nach Aussage von Unternehmenssprecher Nitschke Interesse an der schwimmenden Offshore-Technologie. Arkona-Projektleiter Holger Matthiesen bestätigt: „Wir schauen uns an, was es in diesem Bereich am Markt gibt.“

 

Zermürbendes Warten

 

Daraus folgt: Ein Einstieg ins Geschäft mit schwimmenden Windparks könnte Eon zugleich einen weiteren Weg in neue Auslandsmärkte eröffnen. Infrage für diese Technologie kommen nach Einschätzung von Equinor Seegebiete vor Westeuropa, vor den Küsten der USA und Japans, nahe der südamerikanischen Westküste, in südafrikanischen, indischen, chinesischen und australischen Gewässern.

 

Trotz oder gerade wegen solcher Perspektiven verhehlt Matthiesen nicht seine Enttäuschung über das Fehlen neuer Ausschreibungen für deutsche Gewässer: „Die Technik hat bewiesen, dass sie funktioniert und kostengünstig ist – ich kann nicht verstehen, dass in Deutschland kein stärkerer Ausbau ermöglicht wird“, sagt der Arkona-Projektleiter. Eon würde nach seinen Worten gern weiter in der Ostsee investieren.


Die vorerst letzte deutsche Offshore-Auktion fand im April statt. Weitere sind nicht vor 2021 vorgesehen. Der Koalitionsvertrag ermöglicht zwar eine Sonderausschreibung im Jahr 2019, doch das Bundeswirtschaftsministerium macht bisher keine Anstalten, eine solche einzuleiten. Im Gegenteil: Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier kündigte im Juni an, den Ausbau der Windenergie insgesamt zu bremsen. Nach eigenen Worten will er den im Koalitionsvertrag festgeschriebenen Zubau zeitlich strecken, um Kostensteigerungen und Netzengpässe zu verhindern.

 

Somit verschieben sich Investitionen aller Wahrscheinlichkeit nach in eine fernere Zukunft. Ihre Größenordnung ist beträchtlich: In das Arkona-Projekt beispielsweise stecken Eon und Equinor 1,2 Milliarden Euro. Die 60 Windkraftanlagen werden eine Erzeugungskapazität von 385 Megawatt vereinen. Arkona wird damit vorläufig der größte Windpark in der Ostsee sein.

 

Arkona: 400 Fachleute, 20 Schiffe

 

44 von 60 Anlagen stehen bereits, die übrigen bringt das Errichterschiff „Sea Challenger“ in den kommenden Wochen ins Baufeld. Die Investitionssumme für das Projekt bleibt nach Eon-Angaben zu 70 Prozent in Deutschland: Die 6-Megawatt-Turbinen stammen von Siemens Gamesa, ihre  Gründungspfähle von dem Rostocker Zulieferer EEW Special Pipe Constructions. Auf dem Baufeld in der Ostsee sind bis zu 400 Fachkräfte auf bis zu 20 Schiffen vom kleinen Zubringer bis zum großen Errichterschiff im Einsatz. In Mukran auf Rügen hat Eon eine hochmoderne Leitzentrale und Servicebasis mit 50 Arbeitsplätzen für mindestens 25 Jahre eingerichtet – das ist die wahrscheinliche Lebensdauer eines Offshore-Windparks.

 

Arkona dient dem Energiekonzern auch als Testfeld für technische Innovationen. So wurde bei der Erkundung des Seegebiets erstmals ein seismische Untersuchungssystem eingesetzt, das viele der zuvor üblichen Probebohrungen im Meeresgrund erübrigt. Entwickelt hat die Methode „High Resolution 3D Multichannel Seismic Campaign“ das Fraunhofer-Institut für Windenergiesysteme. Auch der Erosionsschutz für die Gründungspfähle des Arkona-Parks ist neu: Die von einem Roboter aufgesprühte Aluminiumschicht ist nach Eon-Angaben umweltverträglicher die Materialien, die in der Branche bisher verwendet werden.

 

Bald alles unter RWE-Flagge

 

Doch auf all die ansehnlichen Fortschritte in der Zukunftsbranche Offshore-Windenergie wird der Essener Konzern über kurz oder lang wohl verzichten müssen. Im Frühjahr hat er mit seinem Rivalen RWE eine Neuaufteilung des Marktes ausgehandelt. Eons gesamte Energieerzeugung soll dabei RWE zugeschlagen werden – das gilt auch für sämtliche Windparks auf See.

 

 

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Servicetechniker auf einer Windenergieanlage im Windpark Rampion vor der englischen Südküste. So wie dort wird Betreiber Eon sein Offshore-Geschäft künftig vor allem außerhalb deutscher Gewässer stärken. (Foto: E.ON)