Es konnte nur besser werden: Nach 2019, mit einem Zubau von nur 1.000 Megawatt das schwächste aller Windkraftjahre, kamen 2020 rund 1.400 Megawatt Wind im Land ans Netz. Zieht man den Rückbau ab, bleiben noch 1.200 Megawatt übrig. Das Plus von niedrigem Niveau reicht aber aus, dass sich die Branche derzeit in Optimismus übt. Grund: Nicht nur beim Ausbau, sondern auch bei den Genehmigungen gebe es ein "deutliches Plus", sagte Wolfram Axthelm, Geschäftsführer des Branchenverbandes BWE, am Freitag in einem Online-Forum des Verbandes.

"Allerdings reicht dieses Plus bei Genehmigungen wie beim Zubau nicht aus, um die energie- und klimapolitischen Ziele zu erreichen, die sich aus den neuen EU-Zielen ergeben", schränkte Axthelm ein.  Und die Lücke könnte erstmal nicht kleiner, sondern größer werden. "Dank" des bürokratischen Pfads über Genehmigungen und Ausschreibungen lässt sich schon jetzt voraussagen, wie sich die Wind-Megawatt in den nächsten zwei, drei Jahren entwickeln.

Die Prognose rechnete jetzt die Stiftung Klimaneutralität aus. Für 2021 erwartet sie einen Brutto-Zubau von bis zu 2.000 Megawatt. Das könnte erneut ein ordentliches Plus sein, wäre nicht zu Jahresbeginn die EEG-Förderung für alte 3.600 Megawatt Wind an Land ausgelaufen. Von diesen sind 650 Megawatt sogar länger als 25 Jahre in Betrieb. Diese werden außer Betrieb gehen, nimmt die Stiftung an – so wie weitere 800 Megawatt kleinerer Anlagen mit jeweils bis zu 600 Kilowatt Leistung. Bei ihnen reiche der aktuelle Strompreis für den Weiterbetrieb nicht aus. Alles in allem wären dann so 1.200 Megawatt vom zu erwartenden Ausbau abzuziehen, sagt die Stiftung. Da könnte Deutschland am Ende froh sein, 2021 beim 2020er Niveau zu landen.

Zubau-Flaute auch 2022 und 2023

Auch 2022 und 2023 sorgt ein "Mix" mehrerer Gründe aus Sicht der Stiftung für eine Zubau-Flaute. Zum einen sind die ausgeschriebenen Mengen nicht so groß, zum anderen werden in der Regel nur drei von vier Projekten, die sich in den Ausschreibungen durchsetzen, dann auch tatsächlich gebaut. Und zum Dritten werden weiter Altanlagen abgeschaltet. Für 2022 kommt die Stiftung Klimaneutralität nur auf ein reales Plus von 1.300 Megawatt und für 2023 sogar von nur 500 Megawatt.

BWE-Mann Axthelm überspielt diese Probleme eher und schaut lieber weiter nach vorn. Er verweist darauf, dass derzeit 55.000 Megawatt Wind an Land Strom liefern und für 2030 bisher ein Ausbauziel von 71.000 Megawatt festgeschrieben ist – um diesen realen Zubau von 16.000 Megawatt zu erreichen, würden aktuell im EEG 2021 aber insgesamt 31.300 Megawatt ausgeschrieben, also gewissermaßen eine "Reserve" eingebaut.

Der Stiftung ist die "Reserve" offenbar zu klein. Sie hält es für nötig, von 2023 bis 2030 insgesamt 38.000 bis 45.000 Megawatt Wind an Land auszuschreiben – um die ausrechenbar schwachen nächsten drei Jahre auszugleichen und einen genügend großen "Puffer" zu schaffen, damit am Ende des Jahrzehnts auch eine klimapolitisch einigermaßen akzeptable Windkraft-Leistung von 80.000 Megawatt steht.

Repowering wichtiger als Ausbauziel

Im Grundsatz sieht das die Branche sicher auch so, im Moment ist sie aber erst dabei, das EEG 2021 zu verdauen. Was der Paragrafenwust der Windkraft bringt, ist vielfach noch ziemlich unklar. Für Ende Februar kündigte Axthelm am Freitag eine detaillierte Analyse des neuen EEG an.

Der inzwischen berühmte Entschließungsantrag der großen Koalition, mit dem sie unter anderem das bisherige Wind-an-Land-Ziel von 71.000 Megawatt aufstocken will, hat für Axthelm eher eine symbolische Kraft. Für die Branche entscheidender sei, wie mehr Tempo in die Genehmigungsverfahren kommt, wie mehr Flächen ausgewiesen und mehr Genehmigungen generiert werden können, die dann wiederum mehr Projekte mit sich bringen – damit schließlich die Ausschreibungen "ausgelastet" und nicht unterzeichnet sind. Axthelm: "Das ist für uns fast wichtiger als neue Zieldefinitionen."

Von den 16 Punkten des Entschließungsantrags interessiere die Branche noch am meisten der Punkt zum Repowering, erklärte Axthelm, und erinnerte daran, dass die damit verbundenen Aufgaben seit dem "Windgipfel" im Oktober 2019 auf dem Tisch liegen. Eine Repowering-Strategie dürfe aber nicht nur im Blick haben, auf Bestandsflächen die Anlagen zu erneuern, sondern es müsse, wenn auf einer Fläche nicht repowert werden könne, zwingend an anderer Stelle eine entsprechende Fläche neu ausgewiesen werden. Dann könne Deutschland zu einem "Leitmarkt" für Repowering werden, sagte er.

Die Idee, die Kommunen bei den Flächen stärker in die Pflicht zu nehmen, hat auch die Stiftung Klimaneutralität. Ihrem Vorschlag nach soll für jede Gemeinde ermittelt werden, welche Flächen nicht für Wind­energie infrage kommen – weil vor allem Wohnsiedlungen, Naturschutzgebiete, National­parke und die Kernzonen von Biosphärenreservaten dem entgegenstehen. Diese Ausschlussfläche wird dann von der Gemeindefläche abgezogen – und es bleibt eine "Restfläche".

Stiftung schlägt Windenergie-Beitragswert vor

Diese Rest­fläche soll dann nach dem Willen der Stiftung in einen sogenannten Windener­gie-Beitrags­wert umgerechnet werden. Der berücksichtigt, dass in Gemeinden mit viel Wind auf derselben Fläche mehr Strom erzeugt werden kann als in windschwachen Gemeinden. Regionen mit guten natürlichen Voraussetzungen könnten so dafür sorgen, dass zum Beispiel Stadtstaaten wie Berlin weniger Windflächen ausweisen müssen. Im Bundesschnitt kommt die Stiftung dann auf die zwei Prozent der Landesfläche Deutschlands, die laut den meisten Experten reichen sollen, um alle Windkraft-Träume zu erfüllen.

Baustelle am Windrad: Nach den Plänen der Branche soll das Bild bald wieder häufiger zu sehen sein. (Copyright: Istock)