Windmarkt China
22.09.2016

Windmacht China

Fotos: epa, Goldwind
Ein Windrad-Gehäuse in den Produktionshallen des Weltmarktführers Goldwind

Weltspitze bei Windanlagen: Peking treibt die eigene Energiewende voran. Doch Anbieter aus Europa bleiben außen vor.

 

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Der Softwareingenieur Dejan Karabasevic wollte erst alle Anschuldigungen leugnen. Doch als die österreichischen Polizisten ihm eine lückenlose Beweiskette vorlegten, brach er zusammen und legte ein Geständnis ab. Der chinesische Windanlagenhersteller Sinovel hatte ihm ein millionenschweres Angebot für einen Beratervertrag gemacht – und Karabasevic war schwach geworden: Er hatte dem chinesischen Unternehmen die Softwaregeheimnisse seines Arbeitgebers verraten. „Was ich getan habe, war der größte Fehler meines Lebens“, sagte der damals 38-Jährige nach seiner Verurteilung in Klagenfurt.

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Karabasevic hatte in Kärnten für einen wichtigen Zulieferer von Sinovel gearbeitet: die US-Firma American Semiconductor. Die Amerikaner waren zu 80 Prozent von den Aufträgen der Chinesen abhängig. Umgekehrt funktionierten die Generatoren von Sinovel nicht ohne hochkomplexe Steuergeräte des Partners. Nachdem das Pekinger Unternehmen jedoch alle Puzzleteile beisammen hatte, kündigte es dem amerikanischen Zulieferer über Nacht sämtliche Verträge und baute die Teile selbst. American Semiconductor ging um ein Haar pleite. Sinovel dagegen, erst 2006 gegründet, stieg in den Monaten darauf zu einem der größten Anbieter Chinas auf.

 

Aufstieg zur Großmacht

Das war vor fünf Jahren. Seitdem haben sich chinesische Hersteller von Windkraftausrüstung fest in den weltweiten Top Ten verankert – und sind technisch nicht mehr weit von den Innovationsführern aus Europa entfernt. Dahinter steckt der Ehrgeiz, auch in dieser Schlüsselbranche ganz vorne mitzuspielen. China ist mit einer Mischung aus gezielter Industriepolitik und Unternehmergeist in erstaunlich kurzer Zeit zur Windkraft-Großmacht aufgestiegen. Der Erfolg ergibt sich dabei aus konsequenter Förderung sowohl der Nachfrage- als auch der Angebotsseite. China selbst stellt heute mehr Windräder auf als jedes andere Land. Das verschafft der eigenen Industrie eine stabile Heimatbasis. Die Anbieter haben zugleich sehr guten Zugang zu Finanzierung durch Staatsbanken. Die teuren Investitionen sollen dabei auch Wachstum und Arbeitsplätze schaffen. Daher sorgen die Provinzregierungen dafür, dass Firmen aus der Region die üppigen Aufträge bevorzugt erhalten. 

Windenergie ist dabei für China zweifach wichtig: als Lösung für drängende Umweltprobleme und als riesiges künftiges Geschäftsfeld auf globaler Ebene. „Die Führung sieht die erneuerbaren Energien als eine vielversprechende Zukunftsindustrie an, in der sie den internationalen Wettbewerb bestimmen will“, sagt Jost Wübbeke, Leiter des Programms Wirtschaft und Technologie bei dem unabhängigen China-Forschungsinstitut Merics in Berlin. Peking verfolge in den Hochtechnologie-Branchen das Ziel, ausländische Technologie zu ersetzen. 

Für die eigenen Anbieter von Windkraftanlagen gibt es daher üppige Subventionen. Vor allem aber bekommen sie Vorfahrt bei der Vergabe öffentlicher Aufträge, wie Branchenkenner vor Ort beobachten. Theoretisch gilt auch in China, dass die Behörden und großen Staatsbetriebe solche Projekte ausschreiben müssen. Die Ausschreibungs-Komitees sind jedoch mit regional bestens vernetzten Parteimitgliedern besetzt, deren Unabhängigkeit wiederum keiner kontrolliert.

 

"Gleiche Wettbewerbsbedingungen sind überfällig"

Das Problem ist nicht auf die Windkraft beschränkt. Eine „ungleiche Investitionslandschaft“ konstatiert Jörg Wuttke, Präsident der EU-Handelskammer in Peking: Während „enorme Investitionsströme“ bereits von China nach Europa fließen, fehle es an Gegenseitigkeit, mahnt Wuttke: „China sollte schon im Eigeninteresse anfangen, sich mehr zu öffnen“. Die fortschrittliche Technik der westlichen Firmen könne viel dazu beitragen, die Probleme des Landes zu lösen – und Konkurrenz belebt bekanntlich das Geschäft. „Die Schaffung gleicher Wettbewerbsbedingungen ist überfällig“, resümiert Wuttke.
Die chinesische Vergabepraxis hat sichtbare Auswirkungen auf die Statistik: Der Marktanteil ausländischer Anbieter an der Installation von Windkraftanlagen ist in den vergangenen Jahren in den einstelligen Bereich geschrumpft – und sinkt weiter. In den vergangenen Jahren ist ein Auftrag nach dem anderen an die eigenen Hersteller gegangen. 

Am stärksten ist immer noch der dänische Hersteller Vestas vertreten, doch auch er erreicht nur einen Umsatzanteil von knapp über einem Prozent. Vor zehn Jahren kamen die Dänen noch auf 23 Prozent, doch seitdem sind sie zum Nischenanbieter geworden. Der US-Riese GE erreicht nach anfänglichen Erfolgen bloß noch ein Viertelprozent. Siemens ist über Gemeinschaftsunternehmen mit Shanghai Electric im Markt vertreten, ist aber auch kein Volumenanbieter. Der Anteil von Zulieferteilen aus dem Ausland ist ebenfalls beständig gefallen.

Auf die 15 größten einheimischen Hersteller entfallen dagegen 90 Prozent des Verkaufsvolumens, wie Zahlen der Chinese Wind Energy Association (CWEA) zeigen. Platzhirsch ist die Firma Goldwind aus der muslimisch geprägten Provinz Xinjiang weit im Westen des Landes. Goldwind allein sichert sich ein Viertel der Aufträge. Damit ist das Unternehmen zugleich Weltmarktführer. Durch gute Qualität – und seriöse Geschäftspraktiken – hat sich das Unternehmen einen festen Platz an der Tabellenspitze erarbeitet. Bei den europäischen Anbietern ist die Frustration groß. „Der Marktzugang für ausländische Produzenten bleibt sehr schwierig“, heißt es bei Siemens. Außerdem grassiert die Angst vor weiteren Rückschlägen in dem politisch gesteuerten Markt. Wie in anderen Branchen versuchen die Firmen sich durch Wohlverhalten bessere Bedingungen zu verschaffen. Siemens verlagert immer mehr Forschung nach China, doch die große Marktöffnung steht immer noch aus. 

 

Versteckte Hindernisse beim Marktzugang

Besonders perfide: Die Zugangshemmnisse sind versteckt. Auf Windanlagen gibt es offiziell keinen hohen Zoll, und es gibt kein Verbot, chinesische Firmen zu übernehmen. Stattdessen galt jahrelang eine andere, nicht minder wirksame Regel: In China dürfen die Anbieter nur Produkte auf den Markt bringen, die einen Mindestanteil an chinesischer Technik beinhalten. „Inzwischen hat die Regierung die Bestimmungen zwar aufgehoben“, sagt Wübbeke. Doch sie habe das erst gemacht, nachdem die eigenen Firmen auch stark genug waren, um der internationalen Konkurrenz wie Vestas und Siemens die Stirn zu bieten. 

Während die internationalen Spieler in China nur geringe Chancen haben, expandieren die dortigen Firmen immer stärker international. „Goldwind will die Konkurrenz fortblasen“, lautete schon 2011 die Überschrift eines PR-Artikels des Konzerns. Mit diesem Projekt ist der Anbieter gut vorangekommen: Im März hat das Unternehmen ein Forschungszentrum in Dänemark gegründet, also im Heimatmarkt von Vestas. Chinas Anbieter liefern bereits Ausrüstung in 28 Länder, wo sie zusammengenommen über zwei Gigawatt an Kapazität installiert haben. „Unter dem staatlichen Schutzschirm sind starke chinesische Wettbewerber herangewachsen, die durch eigene Innovationskraft ausländischen Unternehmen die Stirn bieten können“, sagt Wübbeke. Goldwinds größter Auslandsmarkt sind die USA.
Auch 15 Jahre nach Chinas Beitritt zur Welthandelsorganisation gelten damit noch unterschiedliche Regeln: Chinesische Investoren können in Europa problemlos zum Beispiel den Nordsee-Windpark „Meerwind“ kaufen – der eigene Markt bleibt hingegen verschlossen. Die chinesische Industrie sieht den Erfolg derweil in der eigenen Wettbewerbsfähigkeit begründet. „Es handelt sich einfach um einen Marktmechanismus“, tönt Shen Dechang, Vizechef des Verbands chinesischer Windkraftanlagenhersteller. Vor zehn Jahren noch hätten ausländische Anbieter einen deutlich höheren Marktanteil gehalten. „Aber die heimischen Hersteller haben ihre Qualität und Technik bis an den Punkt verbessert, wo kaum noch Unterschiede zu spüren sind.“ 

Bei gleichem Angebot bieten die chinesischen Firmen günstigere Preise und vor allem viel besseren Kundendienst aus einem engmaschigeren Netz von Servicestellen heraus, erklärt Shen selbstbewußt: „Die meisten Kunden bevorzugen wegen der größeren Bequemlichkeit chinesische Hersteller, auch wenn Importware vielleicht immer noch etwas zuverlässiger ist.“ 

 

Weltrekord beim Zubau

Eigentlich wäre der Kuchen groß genug für mehr Anbieter und für mehr internationale Konkurrenz. Sechs Jahre in Folge hat China die Tabelle der größten Märkte für Windkraftausrüstung angeführt. Ein Drittel aller Windräder auf dem Planeten dreht sich im Reich der Mitte. Im vergangenen Jahr lag der Zubau bei 31 Gigawatt – das ist Weltrekord. Die Kapazität übertrifft längst die aller US-Kernkraftwerke und ist mehr als dreimal höher als die deutsche. In diesem Jahr soll noch einmal ungefähr genauso viel Kapazität dazu kommen wie im vergangenen Jahr, nämlich gut 30 Gigawatt. Das hat die Nationale Energieagentur im März mitgeteilt und damit einen älteren Zielwert wieder kräftig aufgestockt: Die installierte Kapazität steigt damit erneut um ein Fünftel. 

Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Oktoberausgabe von bizz energy. Das Heft ist ab dem 22. September im gut sortierten Zeitschriftenhandel oder bei unserem Aboservice unter bizzenergy@pressup.de erhältlich. 

Finn Mayer-Kuckuk
Keywords:
China | Windmarkt | Onshore-Wind | Offshore-Wind | GE | Vestas | Deutschland | USA
Ressorts:
Governance | Markets

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