Bündel von Gasleitungen läuft auf Sonne zu
Künftig soll der klimaneutrale Wasserstoff durch Pipelines fließen und für eine lichte Zukunft sorgen. (Foto: Istock)

bizz energy: Ihren Green Deal, Europa bis 2050 klimaneutral zu machen, verkündete EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen Mitte Dezember 2019. Knapp ein Jahr später, Ende November 2020, teilte Ihr Verband mit, sich von "Zukunft Erdgas" in "Zukunft Gas" umzubenennen. Haben Sie ein Jahr gebraucht, um ihre Mitglieder zu überzeugen, sich von der Vorsilbe "Erd-" zu trennen?

Timm Kehler: Bei uns begann das Nachdenken schon eher. 2019 hatte die Bundesregierung einen "Gasdialog" gestartet, um die Perspektiven des Energieträgers zu analysieren. Dabei wuchs klar die Erkenntnis, dass Gas eine wichtige Säule der Energiewende sein wird – sofern sich tatsächlich eine Dekarbonisierungsperspektive ergibt. Das löste sicher vieles in der Branche aus.

Die Debatte um Wasserstoff und Biogas ist ja deutlich älter. Vor zehn Jahren kam ich in die Branche und da gab es schon die erste Biomethan-Einspeisung. Auch das Thema Power-to-Gas begann. Es hat hier einige Zeit gebraucht, damit Zutrauen in die technische Entwicklung entsteht.

Der wesentliche Trigger war dann die im letzten Jahr veröffentlichte Wasserstoffstrategie der Bundesregierung. Da wurde uns als Branche absolut klar: Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um uns deutlich neu aufzustellen. Bei über 130 Mitgliedern braucht es dann eine gewisse Zeit, um die finale Entscheidung zu fällen.

bizz energy: Biomethan, Wasserstoff, Brennstoffzelle – viele Zutaten für eine Energiewende sind schon seit Jahren bekannt, kamen aber nie über Nischen hinaus. Warum änderte sich das in den letzten ein, zwei Jahren?

Timm Kehler: Ich würde den Blick sogar weiter zurückwerfen. Aus meiner Sicht erleben wir jetzt eine zweite Phase, in der Wasserstoff eine Rolle spielt. Mit dem durfte ich mich vor 15 Jahren bereits in der Autoindustrie auseinandersetzen. Klimaschutz war zwar schon damals ein zentraler Faktor, um technologische Entwicklungen anzuregen, aber seitdem haben sich zwei Dinge tatsächlich geändert.

Zum einen wuchs die gesellschaftliche Akzeptanz, Klimaschutzmaßnahmen durchzusetzen, drastisch. Klimaschutz ist jetzt mehrheitsfähig. Zum anderen ist die technologische Basis breiter geworden. Damals redete man nur über den Einsatz von Wasserstoff in Pkw – jetzt aber stehen wir vor einer strukturellen Veränderung. Heute können wir zeigen, wie Wasserstoff erzeugt, in einer Pipeline transportiert und in verschiedenste Anwendungen gebracht – wie also ein ganzes Energiesystem umgebaut werden kann.

Interview mit

Dr Timm Kehler Zukunft Gas
(Foto: Zukunft Gas)

Seit ihrer Gründung ist Timm Kehler Vorstand und Geschäftsführer von Zukunft Gas, der Initiative der deutschen Gaswirtschaft. Seit September 2020 ist Kehler zudem Präsident der NGVA Europe, des europäischen Erd- und Biogasfahrzeugverbandes. Zuvor war er über zwölf Jahre bei der BMW Group in den Bereichen Design, Marken- und Produktstrategie sowie Marketing in Führungspositionen tätig.

bizz energy: Steht Ihnen als Lobbyverband nicht ein schwieriger Spagat bevor? Einerseits wird wegen des Kohle- und Atomausstiegs und des schleppenden Ausbaus der Erneuerbaren der Anteil von Erdgas in der Stromerzeugung steigen, andererseits ist klar, dass Erdgas über 2050 hinaus kaum eine Perspektive hat. Wie soll das zusammengehen?

Timm Kehler: Für uns passt es zusammen, weil wir über eine Infrastruktur und über klimaneutrale Gase reden. Sicher wird sich der Energieträger ändern, der in den Pipelines fließt. Was heute Erdgas ist, wird morgen Wasserstoff oder Biomethan sein. Hier steht die Branche vor einer großen Transformation, bei uns gibt es aber keinen, der sagt, das Ziel Klimaneutralität ignorieren wir.

Dieses Ziel zu vermitteln ist sicher eine Herausforderung, eben, weil wir in den nächsten Jahren erst einmal wachsende Bedarfe an Erdgas sehen – im Übrigen nicht nur im Strom-, sondern auch im Wärmesektor. Neben den strombasierten erlebten auch Gasheizungen in der letzten Zeit enorme Zuwächse.

bizz energy: Heute Erdgas und morgen Wasserstoff durch die Pipeline – der Switch hört sich einfach an. Tatsächlich aber ist die Einspeisung von Wasserstoff in Erdgasleitungen noch völlig unreguliert. Wann und wie viel eingespeist werden darf, weiß doch niemand zu sagen.

Timm Kehler Einfach zu lösen ist das Problem sicher nicht, unlösbar ist es aber auch nicht. Da ist noch viel Arbeit zu leisten. Aber in welcher Lage befanden sich die Erneuerbaren vor 20 oder 25 Jahren? Da hieß es, die werden nie mehr als zwei bis drei Prozent Anteil am Stromverbrauch haben, und im letzten Jahr waren wir bei über 40 Prozent.

Deutschland ist für mich in der Lage, die Gasinfrastruktur umzubauen und klimaneutral zu machen. Es gibt bereits sehr ermutigende Resultate, dass die Beimischung von Wasserstoff in Richtung eines Anteils von 20 bis 30 Prozent verschoben werden kann. In Berlin liegen schon Erfahrungen vor mit einem Anteil von 50 Prozent Wasserstoff im Stadtgas. Auch aus Großbritannien und den Niederlanden hören wir, dass eine Umstellung auf hundert Prozent Wasserstoff im Gasverteilnetz machbar ist.

bizz energy: Der Wasserstoff, von dem hier die Rede ist, wird größtenteils aber kein "grüner" sein, sondern "grau", "blau" oder "türkis", also nicht mithilfe von Ökostrom erzeugt.

Timm Kehler: Langfristig müssen wir in Richtung des "grünen" Wasserstoffs arbeiten. So sind die Strategien in Brüssel und in Berlin angelegt. Beim Klimaschutz müssen wir uns aber auch ehrlich machen und jede Tonne CO2-Einsparung auch wirklich mitnehmen, die wir bekommen können. Entsprechend müssen wir uns auch anderen Wasserstoffproduktionsmethoden, die klimaneutral sind, nähern.

Norwegen zum Beispiel hat jetzt das Projekt "Longship" auf den Weg gebracht, um "blauen" Wasserstoff herzustellen, indem das bei seiner Erzeugung anfallende CO2 abgeschieden und dann im norwegischen Kontinentalschelf drei Kilometer unterm Meeresboden gespeichert wird.

bizz energy: Bisher sollen die unterseeischen Kapazitäten zur CO2-Lagerung aber allein für den norwegischen Bedarf ausreichen. Haben die Norweger Ihnen schon gesagt, dass auch für Deutschland noch freier Lagerraum da ist?

Timm Kehler: Norwegen verfügt über erhebliche Ressourcen an Speicherkapazität. Es ist definitiv möglich, im dortigen Kontinentalschelf über etliche Dekaden die kompletten CO2-Emissionen Deutschlands sicher zu speichern. Dazu ermutigt auch die norwegische Regierung.

Wir haben in Deutschland, aber auch in anderen Ländern darüber hinaus intensive Forschungen zur Methanpyrolyse. Auch hier wird Erdgas als Ausgangsstoff genommen, um das Methanmolekül in seine Bestandteile zu zerlegen und klimaneutral Wasserstoff zu erzeugen.

Diese Wege ermöglichen uns es, Wasserstoff in großen Mengen und auch bezahlbar herzustellen. Damit können wir die Volksenergie Erdgas künftig durch eine Volksenergie Wasserstoff ersetzen.

Heute werden noch immer vier Fünftel des Energiebedarfs durch Moleküle gedeckt und erst ein Fünftel durch Strom. Von dem ist wiederum nur knapp die Hälfte erneuerbarer. Um die vier Fünftel zu dekarbonisieren, brauchen wir jeden Weg, um Wasserstoff zu erzeugen.

bizz energy: Die vier Fünftel, also rund 80 Prozent des Energiebedarfs, die derzeit noch weitgehend durch "fossile" Moleküle in Kohle, Öl und Erdgas gedeckt werden, sollen künftig aber in erster Linie nicht durch "grüne" Moleküle, sondern durch "grüne" Elektronen, Ökostrom also und dessen direkten Einsatz, gedeckt werden. Wie viel Markt da für "grüne" Moleküle wie Wasserstoff oder E-Fuels übrig bleibt, ist noch nicht ausgemacht.

Timm Kehler: Am Ende müssen Lösungen herauskommen, bei denen wir für den eingesetzten Euro die größte Wirkung aufs CO2-Budget erzielen. Gerade in einer erneuerbaren Stromerzeugung kann Gas eine große Rolle spielen, um die vielen Potenziale des Ökostroms besser nutzbar zu machen.

Die europäischen Ferngasbetreiber veröffentlichten Mitte 2020 eine Studie zu einem "Hydrogen Backbone", einem europaweiten Wasserstoff-Netz. Es gibt ja zum Beispiel in Griechenland, Spanien und Portugal deutlich größere Photovoltaik-Potentiale als hier in Deutschland. Und da braucht es dann auch effiziente Möglichkeiten, den vor Ort erzeugten Wasserstoff in die Verbraucherregionen zu tragen. Ein Pipeline-Netz für Wasserstoff kann da effizienter sein, als diesen in E-Fuels umzuwandeln.

bizz energy: Bis es so weit ist, muss sich Deutschland mit der Wasserstoffstrategie der Bundesregierung begnügen. Was fehlt Ihnen bei dieser noch?

Timm Kehler: Für mich ist die Wasserstoffstrategie erst einmal ein Meilenstein in der Energiewende. Mit ihr entsteht ein großes Portfolio an Ideen und Konzepten. An zwei Stellen müssten Handbremsen aber gelöst werden.  Zum einen sollten wir uns bei der Frage der Wasserstoffproduktion öffnen. Setzt man von vornherein nur auf "grünen" Wasserstoff, ist das langfristig sicher richtig, es werden für die nächsten Dekaden aber Klimaschutzpotentiale verschenkt.

Deutlich zu kurz kommt zweitens auch die Rolle, die Wasserstoff bei der Wärme spielen kann. Da zeigt die Bundesregierung zu viel Zurückhaltung. Wir wehren uns ausdrücklich dagegen, Wasserstoff als den "Champagner der Energiewende" zu sehen. Das ist Quatsch. Wollen wir eine breite und sozialverträgliche Dekarbonisierung für alle, brauchen wir eine klimaneutrale Volksenergie. Wasserstoff hat da das Potenzial dafür.

bizz energy: Studien sagen voraus, dass die Kilowattstunde "grüner" Wasserstoff nach 2030 um 15 Cent und im allerbesten Fall 2040 etwas mehr als sieben Cent kosten wird. Das ist doch mehr als heute. Wo ist da die sozial verträgliche Volksenergie?

Timm Kehler: Jedes zweite Haus in Deutschland wird derzeit mit Gas warm. Das macht ja die Größe der Aufgabe aus, wenn wir über Dekarbonisierung sprechen. Die Frage der künftigen Preisfähigkeit von Gas stellt sich in jedem Fall. Wasserstoff wird als Energieträger teurer sein. Das wird Klimaschutz aber immer beinhalten. Die Kosten, um über das Gasnetz die Haushalte mit klimaneutraler Wärme zu versorgen, betragen dabei aber nur ein Fünftel dessen, als wenn das künftig übers Stromnetz erfolgt.

bizz energy: "Grüner" Wasserstoff wird gefördert, indem zur seiner Herstellung verbrauchtem Strom die EEG-Umlage erlassen wird. Wollen Sie das auch für den "blauen" Wasserstoff?

Timm Kehler: Für aus Erdgas hergestellten klimaneutralen Wasserstoff gibt es derzeit keinerlei Incentives, also Anreize. Dieses Thema wird von der Regierung extrem stiefmütterlich behandelt.

bizz energy: Der Bundeswirtschaftsminister könnte diese Anreize für "blauen" Wasserstoff in der von ihm noch zu erlassenden Verordnung setzen. Das ist Altmaier im beschlossenen EEG 2021 nicht verboten worden.

Timm Kehler: Zum einen sehen wir auch in Altmaiers Ministerium keine Bestrebungen, "blauen" Wasserstoff echt zu fördern. Zum anderen wäre auch die Befreiung von der EEG-Umlage kein geeignetes Instrument, um "blauen" oder auch "türkisen" Wasserstoff zu fördern.

Fragen: Jörg Staude