Interview mit Michael Knipper und Otto Kentzler
13.09.2012

Wir brauchen mehr Anreize

Hartmut910, pixelio

Die Bedeutung der Energieeffizienz für die Energiewende wird allenthalben betont. Bei der Gebäudesanierung tritt die Bundesregierung jedoch kräftig auf die Bremse, kritisieren Michael Knipper vom Verband der Bauindustrie und Otto Kentzler vom Handwerksverband im Interview mit BIZZ energy today.

BIZZ energy today: Für Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) liegt beim Thema Energieeffizienz das größte technologische Innovationspotenzial für die Energiewende. Sorgt das bei Ihnen bereits für einen Boom? 

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Michael Knipper: Die energetische Modernisierung des Gebäudebestands verharrt mit einer Modernisierungsquote von unter einem Prozent auf einem völlig unzureichenden Niveau, wozu die starren Anforderungen der Energieeinsparverordnung wesentlich beitragen. Rund 80 Prozent der Bestandsbauten in Deutschland müssen energetisch modernisiert werden. Um dies bis zum Jahr 2050 weitgehend abzuschließen, wären das jährlich drei Prozent der Gebäude.
Würden wirksame förder- und ordnungsrechtliche Voraussetzungen geschaffen, läge das größte Potenzial im Bereich der Gebäude, die in den 50er, 60er und 70er Jahren errichtet wurden – allen voran Geschosswohnungsbauten, Bürogebäude und Öffentliche Bauten. Dies hätte auch einen konjunktur- und beschäftigungswirksamen Effekt, da jeder Fördereuro rund neun Euro Investitionen nach sich zieht. Die Ausgaben für Investitionsanreize würden sich allein schon über die Umsatzsteuer refinanzieren.

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Otto Kentzler: Dabei sind die meisten Bau- und Ausbauhandwerke seit einiger Zeit gut ausgelastet – aber nicht hauptsächlich wegen der Energiewende. Vielmehr haben Haus- und Wohnungseigentümer in Zeiten der Eurokrise ein steigendes Interesse an wertbeständigen Anlageformen. Sie investieren lieber in ihre eigenen vier Wände, als dass ihr Geld real entwertet wird – und das treibt den Neubau und die Modernisierung voran.
Per Saldo bin ich aber der festen Überzeugung, dass die Chancen der Energieeffizienz zumindest für das Handwerk überwiegen. Vor allem die energetische Gebäudesanierung und Anlagentechnik bietet ein riesiges wirtschaftliches Potential: Gebäude stehen für rund 40 Prozent des gesamten Energieverbrauchs und verursachen rund ein Drittel des gesamten CO2-Ausstoßes. Die Europäische Union hat vereinbart, bis 2020 den CO2-Ausstoß um 20 Prozent zu senken – ohne eine Verdopplung der Sanierungsrate ist dieses Ziel nicht zu erreichen.

Was erwarten die Handwerks- und Baubranche von der Politik?

Kentzler: Wir fordern schon lange, dass die Politik auch über eine steuerliche Förderung die nötigen Anreize für Eigenheime schafft, um ihre Immobilie umfassend zu sanieren. In anderen Bereichen wurde schließlich längst berücksichtigt, dass kostspielige Investitionen meist nur dann vorgenommen werden, wenn sie durch eine entsprechende Förderung motiviert werden - das ist für die Gebäudesanierung nicht weniger zutreffend. Private Investoren machen hier eine einfache Rechnung auf: Sie wählen ohne Förderung das, was günstiger ist – den Status quo.
Statt aber diesen Energiewendebeschluss umzusetzen, finden Bund und Länder seit fast einem Jahr keine Einigung im Vermittlungsausschuss. Hier wurde bereits zuviel unnötige Zeit verschenkt. Die Blockadehaltung der Bundesländer ist nicht nachzuvollziehen – sie müssen sie aufgeben.
Die Betriebe sind längst in Vorleistung gegangen: Aktuell werden mehr als 200 Fortbildungen für die fast 30 Berufe angeboten, die die Energiewende schultern.

Knipper: Die Bauindustrie legt seit Jahren den Fokus nicht auf Einzelmaßnahmen, sondern auf integrierte Gesamtlösungen, sowohl im Neubau als auch in der Bestandssanierung. Die Grundsätze der „Nachhaltigkeit“ im gesamten Lebenszyklus bilden dabei den Maßstab, an dem wir uns messen lassen müssen. Gebäudeenergieeffizienz ist dabei lediglich ein Teilaspekt. Das heißt, auf Dauer wird sich die Philosophie durchsetzen, den gesamten Lebenszyklus und die gesamte Wertschöpfungskette zu betrachten.

Welchen Gewinn erzielen Unternehmen durch die Sanierung eigener Gebäude?

Kentzler: Der Unternehmer gewinnt nicht nur dadurch, dass er weniger Energie verbraucht und sich damit unabhängiger von künftigen Preissteigerungen macht, sondern er gewinnt vor allem an Image bei seinen Kunden, weil er sich um Nachhaltigkeit und den Erhalt unserer Lebensgrundlagen bemüht. Und das wird honoriert. Es gibt zahlreiche exzellente Beispiele: Sei es der Bäcker, der sich als Ziel gesetzt hat, das gesamte Unternehmen CO2-neutral mit Energie zu versorgen und dazu alle Möglichkeiten der Energieeinsparungen ausreizt. Oder der Speiseeishersteller, der mit Windrad und PV-Anlage viel Strom aus regenerativen Energien produziert. Außerdem entlasten dezentrale Lösungen die Netze.

Welche Unternehmen stechen mit einer besonderen Effizienz-Technik auf dem Markt hervor?

Kentzler: Unsere Betriebe kennen sich mit allen gängigen Effizienztechniken aus und probieren neue Methoden und Instrumente ständig aus. Deshalb sprechen wir uns in Gesetzgebungsvorhaben auch immer wieder für technologieoffene Regelungen aus. Was heute Stand der Technik ist und womöglich ein Alleinstellungsmerkmal für ein Unternehmen, das kann morgen schon veraltet und überholt sein. Deshalb darf man nicht eine bestimmte Technik oder Technologie vorschreiben.

Knipper: Mittelständler entwickeln sich vielfach zu erfolgreichen Spezialisten mit hohem Know-how. So haben sich zum Beispiel Fassadenbauunternehmen auf die „vorgehängte hinterlüftete Fassade" spezialisiert. Das wesentliche Merkmal dieser Fassade besteht in der Trennung der Funktionen Witterungsschutz und Wärmedämmung. Diese Bauart ist bauphysikalisch äußerst zuverlässig und nachhaltig, da keine Kosten für das aufwendige Recycling oder die langwierige Deponierung entstehen – im Gegensatz zu Wärmedämmverbundsystemen.

Michael Knipper ist Geschäftsführer des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie, Otto Kentzler Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks. BIZZ energy today hat beide separat zum Thema befragt.

Daniel Seeger
Keywords:
Energiepolitik | Nachhaltigkeit | Energieeffizienz | Energie
Ressorts:
Governance | Markets

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