Interview
29.10.2019

„Wir müssen die Strukturen ändern, nicht die Menschen“

Foto: iStock
Öko-Hipster mit Jutebeutel alleine retten nicht die Erde. Politisches Engagement ist unabdingbar.

Klimakrise, Verkehrskollaps, Naturzerstörung: Die Menschheit ist im Krisenmodus. „Schluss mit der Ökomoral“, fordert der Wissenschaftler Michael Kopatz. Warum wir stattdessen den Handlungsdruck auf die Politik erhöhen müssen.

Herr Kopatz, Sie haben gerade ein Buch veröffentlicht und fordern schon im Titel „Schluss mit der Ökomoral“. Warum das?

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Ich habe nichts gegen Moral per se. Unsere Wertvorstellungen machen es ja überhaupt erst möglich, dass Bürgerinnen und Bürger mehr Klimaschutz wollen und dafür auf die Straße gehen. Was nerven kann, ist eine scheinheilige Ökomoral, die wir wohl alle schon mal beobachten konnten: Wenn Menschen ihre Wertvorstellung darüber, wie ein öko-korrektes Leben auszusehen hat, wie eine Monstranz vor sich hertragen, dabei aber ihre eigenen Widersprüche vergessen und lieber auf das Fehlverhalten anderer zeigen.

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Sollen wir uns keine Gedanken mehr machen?

Doch, sicher. Es ist enorm wichtig, dass wir ein Bewusstsein dafür entwickeln, was ökologisch schiefläuft. Es bringt aber nicht viel, wenn wir nur lamentieren. Wir müssen über die Möglichkeiten eines öko-korrektes Lebens nachsinnen – und uns dafür auch einsetzen. In der Politik, in Verbänden, Vereinen, bei Demos …

Also Druck aufbauen?

Genau. Wir müssen den Handlungsdruck auf die Politik erhöhen. Das macht es Reformern in der Politik leichter, Änderungen durchzusetzen, siehe Fridays for Future. Plötzlich tagt ein Klimakabinett …

Aber bin ich nicht auch in meinen täglichen Entscheidungen gefragt? Als Verbraucher im Supermarkt? Mit gutem Beispiel vorangehen?

Sie können gerne nur Bioprodukte kaufen, das ist sehr begrüßenswert. Aber das Klima werden Sie so auch nicht retten. Um die Erderhitzung zu bekämpfen, brauchen wir Menschen, die den Hintern hochkriegen, die sich einmischen. Solche, die über mehr nachdenken, als die sozial-ökologisch korrekte Verwendung ihres Geldes.

Worüber sollten wir nachdenken?

Wir müssen systemische Lösungskonzepte entwickeln. Kollektive Probleme wie die Erderhitzung können wir nicht auf individueller Ebene lösen. Das wurde ja lange versucht, mit Bildungsarbeit, mit Appellen, oft moralischen, hat aber nicht oder kaum gefruchtet. Wir wissen seit Jahren um die Erderhitzung, trotzdem hat der Auto- oder Flugverkehr enorm zugelegt. Einige Menschen steigen jetzt halt mit schlechtem Gewissen in den Flieger oder ins Auto oder zeigen auf die, die eine Kreuzfahrt machen.

Michael Kopatz
Dr. Michael Kopatz arbeitet als Projektleiter im Forschungsbereich
Energiepolitik am Wuppertal Institut. Foto: Privat
Was ist die Lösung? Mehr Zwang, mehr Verbote?

Es ist zumindest töricht, sich reflexhaft über Verbote aufzuregen. Ohne Verbote keine Zivilisation: Es ist verboten, seinen Nachbarn eins über den Kopf zu ziehen, bei Rot über die Ampel zu fahren oder Gift in Lebensmittel zu mischen. Wo ist das Problem? Die meisten Regeln ermöglichen es erst, dass wir unversehrt und frei leben können. Regeln sind letztlich Routinen. Und wir brauchen dringend neue Ökoroutinen.

Wie sollen die aussehen?

Neue Ökoroutinen kriegen wir nicht zuletzt über neue Standards und Limits. Steigende Standards, damit sich Produkte und Dienstleistungen verbessern. Und Limits, die kopflosen Konsum Grenzen setzen. Das hieße für den Verkehr beispielsweise, auf Flughäfen die Anzahl der Starts und Landungen einzufrieren, keine Straßen neu zu bauen oder nicht mehr Autos als heute zuzulassen. Es ist naiv zu denken, dass das über Kampagnen gelingt.

Ist es nicht auch naiv zu denken, dass Politik das leisten kann – ohne abgewählt zu werden?

Es ist aber genau das, was wir tun müssten, wenn wir beginnen wollen, unsere ökomoralische Einstellung ernst zu nehmen. Wer nicht will, dass es seinen Enkeln einmal schlechter geht, muss Limits akzeptieren. Und in vielen Fällen geht es ja gar nicht um komplette Verbote oder vollständigen Verzicht, sondern um ein Ende der Expansion. Eben keine neuen Flughäfen oder Kohlekraftwerke mehr zu bauen.

Und die Standards?

Mit steigenden Standards haben wir schon gute Erfahrungen. Elektrogeräte beispielsweise hatten vor ein paar Jahren oft noch einen Stromverbrauch von 30 Watt, wenn sie ausgeschaltet werden. Die Europäische Kommission hat das dann per Verordnung auf 0,5 Watt begrenzt. Der Effekt fürs Klima ist signifikant, ohne dass ich als Verbraucher moralischen Appellen folgen musste.

Standards entlasten von der Ökomoral?

Ja. Wenn ich Standards hochsetze, muss ich Menschen keine Vorgaben machen. Die mache ich den Herstellern. Die EU hat zum Beispiel schon vorgegeben, dass die Autobauer bis 2030 die CO2-Emissionen ihrer in einem Jahr produzierten Flotten auf 60 Gramm/Kilometer verringern müssen. Das ist immer noch zu viel fürs Klima, aber der richtige Weg. Die Menschen können dann trotzdem weiter frei entscheiden, ob sie ein kleines, großes oder protziges Auto kaufen.

Und die Wirtschaft ruft „Hurra, neue Standards, strengere Vorgaben!“ Was meinen Sie, wie schnell die Arbeitsplatzkeule geschwungen wird? 

Das geht ratzfatz, klar. Die Autobosse werden nicht Hurra schreien, wenn wir dafür sorgen, dass die Zahl der Autos in Deutschland limitiert wird oder die CO2-Vorgaben strenger werden. Wenn wir ab 2030 keine Verbrennungsfahrzeuge mehr zulassen, hätte das Auswirkungen auf den Weltmarkt. Das wäre nicht zuletzt ein Innovationsantrieb für die eigene Industrie. Das fehlt zurzeit.

Eben. Weil Politiker nicht abgewählt werden wollen.

Deswegen brauchen wir mehr Druck von der Straße, von den Menschen, die ein gutes Leben wollen, für sich und ihre Enkel. Politik darf sich nicht vor der Industrie zum Teppich machen. Sie muss Wandel gestalten – und zwar sofort. Zögern führt nur dazu, dass notwendige Maßnahmen immer schärfer werden.

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Interview: Thomas Wischniewski
Keywords:
Klimapolitik | Umwelt | Klimaschutz
Ressorts:
Governance

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