Reallabore Energiewende
23.07.2019

Wo Deutschland die Wasserstofftechnologie erprobt

Foto: Energiedienst AG
Die Power-to-Gas-Anlage am Kraftwerk Wyhlen in Baden Württemberg soll deutlich ausgebaut werden.

Warmer Geldregen für 20 „Reallabore“: Um Wasserstoff als Energieträger nach vorne zu bringen, spendiert Wirtschaftsminister Altmaier Hunderte Millionen Euro. Mit der Förderung verfolgt er ein ehrgeiziges Ziel.

„Wir wollen bei Wasserstofftechnologien die Nummer eins in der Welt werden“, so Altmaier am 18. Juli bei der Vorstellung der Gewinner des Ideenwettbewerbs „Reallabore der Energiewende“ in Berlin. Wasserstofftechnologien böten enorme Potenziale für die Energiewende, den Klimaschutz und neue Arbeitsplätze. In den Reallaboren, so Altmaier, könne man diese nicht nur erforschen, „sondern in der Anwendung unter realen Bedingungen und im industriellen Maßstab erproben“.

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Das Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) hatte den Wettbewerb im Februar ausgerufen. Neben Ideen für Wasserstofftechnologien standen Energiespeicher und energieoptimierte Quartiere im Fokus. 90 Vorschläge wurden eingereicht, von denen jetzt 20 umgesetzt werden sollen. Den ausführenden Konsortien stellt das BMWi dazu jährlich 100 Millionen Euro zur Verfügung. Weitere 200 Millionen Euro stehen für Vorhaben in Strukturwandelregionen bereit.

CO2-Abscheidung: vom Klimagas zum Rohstoff

Die Fördermittel fließen zum Beispiel ins niedersächsische Salzbergen, wo eine CO2-Abscheideanlage entstehen soll. Die Konsortialpartner wollen mithilfe eines Prototyps das von einer örtlichen Müllverbrennungsanlage ausgestoßene CO2 herausfiltern und anschließend mit „grünem“ Wasserstoff in synthetisches Methan umwandeln, das wiederum ins Erdgasnetz eingespeist werden kann. Konsortialführer ist das am Ort ansässige Spezialchemieunternehmen H&R.

Ein ähnliches Projekt wird im benachbarten Stade bei Hamburg gefördert. Dort soll CO2 aus den Abgasen eines Gaskraftwerks abgeschieden werden, um es dann durch Zugabe von Wasserstoff in Methanol umzuwandeln. 42.000 Tonnen des energiereichen Methylalkohols wollen das Chemieunternehmen DOW und seine Partner so jährlich erzeugen. Die Anlage soll den Angaben zufolge zehnmal größer sein als alle vergleichbaren Anlagen weltweit.

Wie sich der Energieträger Wasserstoff bedarfsgerecht erzeugen, lokal verteilen und am sinnvollsten nutzen lässt, will ein Konsortium unter Federführung der Energiedienst AG im baden-württembergischen Grenzach-Wyhlen ergründen. Die Partner können auf eine bereits bestehende Power-to-Hydrogen-Infrastruktur vor Ort zurückgreifen, die deutlich ausgebaut werden soll. Nach Förderende soll sie sich wirtschaftlich selbst tragen.

Reallabore sollen Strukturwandel gestalten helfen

Von den gesonderten Fördermitteln für Strukturwandelregionen profitieren gleich sechs Projekte in den östlichen Bundesländern: In der brandenburgischen Lausitz der „Zweckverband Industriepark Schwarze Pumpe“, der ein Referenzkraftwerk für erneuerbare Energien und Wasserstoff als chemischen Speicher aufbauen will. Die Konsortialpartner wollen sich daneben dem Abbau rechtlicher Hürden widmen, die dem wirtschaftlichen Betrieb solcher Anlagen heute noch erschwert.

Wie Energieerzeuger, -verbraucher und -speicher intelligent miteinander vernetzt werden können, damit befasst sich das Thüringer Reallabor Jenergiereal. Das Konsortium unter Führung der Stadtwerke Jena Netze will dazu mehrere elektrische Großspeicher im Stadtgebiet installieren, die digital miteinander verbunden sind, um die Lastverteilung im Stromnetz flexibel steuern zu können. Die Partner wollen so unter anderem einen teuren Netzausbau vermeiden.

Weitere Mittel fließen nach Nordrhein-Westfalen, wo ein Konsortium rund um die Eon Energy Solutions Wärmenetze der 5. Generation erproben will. Diese Netze beziehen ihre Wärme sowohl aus fossilen als auch aus CO2-freien Energien und können den schrittweisen Umbau von der heutigen fossilen Erzeugung zur regenerative Wärme- und Kältebereitstellung unterstützen. In einem weiteren nordrhein-westfälischen Reallabor will Thyssenkrupp Steel Europe zeigen, wie sich aus Erz mithilfe von Wasserstofftechnologien Eisen gewinnen lässt.

Reaktionen aus Politik und Wirtschaft

Politik und Wirtschaft begrüßen Altmaiers Initiative im Großen und Ganzen. Nordrhein-Westfalens Energieminister Andreas Pinkwart (FDP) sieht in der Förderung von vier Projekten in seinem Bundesland einen „ganz wichtigen Schritt auf dem Weg zu einer europäischen Modellregion für Energieversorgungs- und Ressourcensicherheit“. Die Bundesförderung sei zudem „ein starkes Signal für das Rheinische Revier“.

Auch Niedersachsen sozialdemokratischer Energieminister Olaf Lies freut sich über die Unterstützung der drei Wasserstoff-Reallabore in seinem Land. „Allerdings kann das nur ein erster Schritt sein“, so Lies. Um die Technologie schnell voranzubringen, „brauchen wir weitere Förderung“.

Detlev Wösten, Geschäftsführer des Spezialchemieunternehmens H&R, das im niedersächsischen Salzbergen eine CO2-Abscheideanlage aufbauen will, sieht durch den BMWI-Entscheid die strategische Ausrichtung seines Hauses bestätigt: Mit der Entscheidung, „die Herausforderungen der Energiewende als Chance anzunehmen, liegen wir richtig“, sagt der Manager. Langfristig ziele man darauf, im Betrieb anfallende Emissionen in wertvolle Rohstoffe zu verwandeln.

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Thomas Wischniewski
Keywords:
Wasserstoff | Energiewende
Ressorts:
Governance | Technology

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