Kohleausstieg
19.05.2016

Wo Kohlekraftwerke auf Raten sterben

Foto: Andrew Whale / CC BY-SA 2.0 / geograph.org.uk
Das Kohlekraftwerk Drax im Norden Englands ist das größte auf der Insel.

Wie der Kohleausstieg funktionieren kann, zeigt Großbritannien. Dort waren die Meiler in der vergangenen Woche über weite Strecken komplett vom Netz. Doch langfristig hat die Strategie einen hohen Preis.

Solch klimafreundliche Politiker gibt es in den deutschen Ministerien für Umwelt und Energie derzeit nicht: „Für eine fortgeschrittene Volkswirtschaft kann es nicht befriedigend sein, von schmutzigen, CO2-intensiven, 50 Jahre alten Kohlekraftwerken abhängig zu sein.“ Das Zitat stammt von Amber Rudd, Ministerin für Energie und Klimawandel im Vereinigten Königreich. Mit diesen Worten kündigte die konservative Politikerin im vergangenen Dezember an, dass die Tory-Regierung bis 2025 aus der Kohleenergie aussteigen will - zumindest wenn die Kraftwerke ihre Abgase nicht mit der CCS-Technologie unterirdisch speichern können. Deutschland dagegen traut sich an solch einen Beschluss nicht heran.

Anzeige

Anzeige

Inzwischen verdichten sich die Zeichen, dass der Kohle auf der Insel sogar ein noch rascheres Aus droht. In der vergangenen Woche speiste zu etwa 30 Prozent der Zeit kein einziges Kohlekraftwerk seinen Strom ins Netz, wie Daten des europäischen Netzbetreiberverbundes ENTSO-E dokumentieren. „Das zeigt uns, dass Kohle in diesem Land noch schneller einbrechen wird als gedacht“, sagte Dieter Helm, in Oxford lehrender Professor für Energiepolitik, der Londoner Financial Times.

 

Großbritannien schafft, woran Deutschland scheitert

In Deutschland laufen Kohlekraftwerke dagegen selbst bei hohem Angebot von Ökostrom weiter. Zur Mittagszeit am Pfingstsonntag lieferten sie beispielsweise immerhin noch zehn Gigawatt. Wegen der munter laufenden deutschen Meiler besetzten Klimaschutz-Aktivisten über Pfingsten ein Braunkohlekraftwerk in der Lausitz. Warum also schaffen die Briten den Einstieg in den Kohleausstieg und Deutschland nicht?

Das liegt zum einen an der moderneren und deshalb effizienteren Kohleflotte in Deutschland. „Großbritannien hat über Jahrzehnte nicht mehr in Kohlekraftwerke investiert“, erklärt Andreas Franke vom Londoner Branchendienst S&P Global Platts. In Deutschland und den benachbarten Niederlanden wurden dagegen in den vergangenen Jahren mehrere Gigawatt neuer Anlagen in Betrieb genommen. Die veralteten britischen Kraftwerke haben höhere Erzeugungskosten, weil sie mehr Kohle verfeuern und mehr Zertifikate aus dem Handel mit EU-Emissionsrechten zukaufen müssen.

 

CO2-Preis viermal so hoch wie in der übrigen EU

Bei der Bepreisung des CO2-Ausstoßes geht Großbritannien zudem einen Sonderweg und der ist laut Franke der Hauptgrund für die Schwierigkeiten der britischen Kohle. Seit April 2013 erhebt die britische Regierung eine Sondersteuer für die Verschmutzung der Atmosphäre. Grund ist der niedrige Preis für EU-Zertifikate. Der ist seit Jahren so gering, dass er für Stromerzeuger kein Anreiz mehr ist, in klimafreundliche Technologien zu investieren. Den sogenannten Carbon Price Support (CPS) hat die Regierung in London im April des laufenden Jahres sogar fast verdoppelt – auf rund 23 Euro pro Tonne CO2. Das entspricht aktuell dem Vierfachen der Kosten für EU-Zertifikate in Höhe von sechs Euro. 

Als Konsequenz steigt der Anteil des klimafreundlicheren Stroms aus Gaskraftwerken in Großbritannien auf immer neue Höhen – von knapp 30 Prozent im Jahr 2015 auf 48 Prozent im April 2016, wie Daten des Energieministeriums und der Website Gridwatch zeigen. In Deutschland ist Kohlestrom wegen des niedrigen CO2-Preises dagegen konkurrenzlos billig. Immerhin ist auch der britische Ökostrom-Anteil in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen - von 1,5 Prozent zur Jahrtausendwende auf 18,5 Prozent im vergangenen Jahr.

 

Atomkraftwerke für die Versorgungssicherheit

Was die wirtschaftlichen Folgen angeht, stützt der Carbon Price Support auf der Insel nicht nur den Preis für CO2-Rechte, sondern den Strompreis insgesamt – er liegt höher als in Deutschland. Langfristig sieht sich London aber auf der richtigen Seite. Der Kohleausstieg über hohe Kosten für Treibhausgase sei der günstigste Weg zum Klimaschutz, sagt Ministerin Rudd. Wie viel der Kohleausstieg in Deutschland kosten würde, haben vor Kurzem Ökonomen von ewi Energy Research & Scenarios errechnet.

Auf lange Sicht hat die britische Strategie zum Kohleausstieg aber sehr wohl einen Preis – aus deutscher Sicht sogar einen ziemlich hohen. Großbritannien steigt nicht wie die Bundesrepublik aus der Atomenergie aus, sondern plant neue Kernkraftwerke. Für das schon heute berüchtigte Bauprojekt Hinkley Point C garantiert die Regierung eine Mindestvergütung von 92,50 Pfund pro Megawattstunde plus Inflationsausgleich – ein Vielfaches des Marktpreises. Platts-Experte Franke analysiert: „In Großbritannien soll Kernenergie langfristig die Grundversorgung mit Strom übernehmen. Auch das ist ein Grund, warum sich London den Kohleausstieg leistet.“ 

Wie Frankreich dem britischen Beispiel eines nationalen Mindestpreises CO2 folgen möchte, lesen Sie hier.

Manuel Berkel
Keywords:
Kohleausstieg | Kohlekraftwerke | Atomkraftwerke | Hinkley Point | CO2-Preis | CO2-Steuer | Großbritannien
Ressorts:

Neuen Kommentar schreiben

 

bizz energy Dezember 2017/Januar 2018

Die aktuelle Ausgabe gibt es ab sofort am Kiosk oder bei unserem Abonnentenservice unter (Mail:bizzenergy@pressup.de) sowie als E-Paper bei iKiosk oder Readly.

 
 

bizz energy Research

Welche Stellschrauben können Sie drehen, um Ihren Bestandswindpark zu optimieren?
Mithilfe des interaktiven Datentools von bizz energy Research sehen Sie die Effekte auf den Netto-Cashflow.


Link zum Cashflow-Rechner von bizz energy Research