Dieselgate
28.07.2016

Wolfsburg und VW: Grimmiger Optimismus in der Trutzburg

Foto: Andreas Praefke, CC BY 3.0
Das VW-Stammwerk in Wolfsburg, Hauptarbeitgeber und derzeit größtes Problem der Stadt.

Die Heimatstadt des Autobauers Volkswagen rechnet nach Dieselgate mit Gewerbesteuer-Einbußen in Millionenhöhe. Unter den zur Schau gestellten Optimismus mischt sich daher ein spürbarer Groll.

Die Stadt Wolfsburg und der Konzern Volkswagen sind nicht nur gemeinsam vor 78 Jahren aus der Taufe gehoben worden. Ihr Schicksal ist immer noch untrennbar miteinander verwoben. Wolfsburgs wirtschaftliche Abhängigkeit von VW wirkt sich auch auf die Kommunikationspolitik aus.

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Angesichts der andauernden Bedrohung durch Dieselgate hat man sich auf eiserne Zuversicht festgelegt. Der Skandal um manipulierte Abgaswerte bescherte der Volkswagen AG in 2015 bereits den größten Verlust ihrer Unternehmensgeschichte. Der unterdrückte Groll gegen die Verfehlungen des Unternehmens verleiht dem Optimismus eine spürbare Grimmigkeit.

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In den USA machte die ermittelnde Staatsanwältin Maura Healy unlängst ihrer Empörung Luft und unterstellte VW eine Unternehmenskultur, die "die Gesetze nicht achtet, das Volk nicht respektiert und der Gesundheit der Menschen keine Beachtung schenkt". Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD) forderte die Vorstandsboni wieder einzukassieren. Doch in Wolfsburg geht man der Konfrontation lieber aus dem Weg.

 

Minus 90 Millionen Haushalts-Loch

Die Trutzburg dieser Doktrin ist das Rathaus. Dahin gelangt man über eine Fußgängerzone, die in Wolfsburg selbstverständlich Porschestraße heißt. Benannt nach Ferdinand Porsche, dem Gründungs-Chef von Volkswagen. Dort regiert seit vier Jahren Klaus Mohrs (SPD). Seit bald einem Jahr kämpft der Oberbürgermeister gegen die Folgen von Dieselgate. Nur mühsam gelingt es, den Zorn mit diplomatischen Formulierungen zu kaschieren: „Es herrscht ein gewisses Maß an Verärgerung über jene Wenigen – ohne die Zahl genau zu kennen – aus dem Konzern, welche ein ganzes Werk und eine ganze Region in eine wirtschaftliche Krise gestürzt haben“, sagt er im Interview mit bizz energy.

Nachdem der Diesel-Betrug in den USA aufgeflogen ist, musste Mohrs seiner Stadt eine Haushaltssperre und einen Einstellstopp verhängen. „Ich hatte gehofft, mit mehr Geld die Zukunftsprojekte dieser Stadt in Angriff nehmen zu können“, erklärt der Bürgermeister. Wolfsburg rechnet mit Gewerbesteuer-Einbußen in Millionenhöhe. Die ehemals großen Geldreserven werden voraussichtlich schon Anfang 2017 aufgebraucht sein.

Letztes Jahr befanden sich laut Verwaltung noch 95 Millionen Euro in der Stadtkasse. Ende 2016 werde es vorraussichtlich noch knapp eine Million Euro sein und 2017 schon ein -90 Millionen Euro tiefes Haushalts-Loch. So immens ist die ökonomische Abhängigkeit Wolfsburgs von Volkswagen. Immerhin arbeiten 70.000 Menschen im Autowerk. Die Stadt hat 125.000 Einwohner.

 

Keine Zukunft ohne VW

Zukunftsentwürfe sind ohne den Weltkonzern daher nicht machbar. „Mit Volkswagen sind wir viel und sehr intensiv im Gespräch“, sagt Oberbürgermeister Mohrs. Gerade in Fragen der Infrastruktur-Bedürfnisse sei der Konzern der Verwaltung natürlich weit voraus. Man spreche „darüber, wie Elektrobus-Trassen beschaffen sein müssen und wie der Ausbau der Ladestruktur aussehen muss, falls die Nutzung von E-Mobilitäts-Angeboten steigt. Und was die Stadt tun muss, um autonomes Fahren zu ermöglichen“, berichtet der Stadtverwaltungs-Chef. All das sind seiner Meinung nach Fragen, auf die auch VW Antworten finden müsse, um aus der Krise heraus zu kommen und zukunftsfähig zu bleiben.

Über diese Zukunft redet man deutlich lieber als über schmutzige Details der Vergangenheit. Die Stadt will in wichtigen Zukunftsbereichen nicht sparen, selbst wenn es die Verschuldung nötig macht. Dazu gehört der Ausbau digitaler Strukturen. In den nächsten drei bis fünf Jahren sollen Glasfaserkabel bis in jedes Haus verlegt werden. Denn, so sagt Oberbürgermeister Mohrs: „Junge Menschen legen Wert auf hervorragende Anbindung an die digitalen Netze, gerade jene potenziellen Arbeitnehmer aus den IT- und EDV-Branchen, auf welche ja auch Volkswagen angewiesen ist“.

Er gibt die Initiative nicht auf, vielleicht auch um VW zurück auf den Pfad der Tugend und des Erfolgs zu scheuchen. Trost bietet die Vergangenheit: „Bei vorhergegangenen Krisen bis Mitte der Neunziger herrschte mehrfach regelrechte Weltuntergangsstimmung, das ist diesmal nicht so“, sagt Mohrs. Wahrscheinlich, weil es langsam ein Bewusstsein dafür gebe, dass Stadt und Konzern solche Krisen überwinden können, und dies auch schon mehrfach bewiesen hätten, meint er. Die Trutzburg bleibt standhaft.

 

Großer Entwicklungsbedarf

„Die Stimmung in Wolfsburg ist ein Gemisch aus Sorge, Wut und Hoffnung“, sagt Professor Hans-Gerhard Seeba, Automobilwirtschaftsexperte der örtlichen Ostfalia Hochschule, im Gespräch mit bizz energy. Die Sorgen seien berechtigt. Selbst wenn die bisher vom Konzern zurückgestellten 16,2 Milliarden Euro reichten, um die Kosten des nun in den USA ausgehandelten Vergleichs über 13,3 Milliarden Euro zu decken. Denn die übrigen Kosten, die aus Aktionärsklagen und Image-Verlusten resultierten, seien noch lange nicht absehbar. Somit seien Schätzungen, dass es noch Jahre dauern könne, bis man die gesamten Kosten des Skandals kenne, durchaus realistisch.

Das Problem ist für den Automobilwirtschaftsexperten offensichtlich: „Diese umfangreichen Finanzmittel hätten besser für die Entwicklung neuer Antriebe, Fahrzeug-Modelle und Mobilitätskonzepte eingesetzt werden sollen. Jetzt müssen stattdessen Strafzahlungen, Rückkäufe und dergleichen bezahlt werden“.

 

"Unverantwortlich und populistisch"

Aussagen wie jene der EU-Kommissarin Elzbieta Bienkowska, dass VW auch in Europa vergleichbare Kompensationen wie in den USA zahlen solle, hört der Wolfsburger Professor da gar nicht gern: „Es macht keinen Sinn Käufer aus der EU nach amerikanischen Gesetzen zu entschädigen. Dass solche Forderungen tatsächlich von einer EU-Industriekommissarin kommen, ist absurd, unverantwortlich und populistisch“, sagt er empört.

Im Leben der meisten Wolfsburger sind bisher trotz allem wenig Konsequenzen zu beobachten, findet Professor Seeba. „Das dicke Ende kann aber noch kommen“, meint er. Und versteht den Unmut gegenüber jenen bisher Unbekannten, welche die Manipulationen bewilligt und durchgeführt haben. Auch bei seinen Studierenden sieht er Befürchtungen, dass die erträumte Karriere bei Volkswagen sich nun in Rauch aufgelöst habe.

Tim Lüdtke
Keywords:
Volkswagen | Dieselgate | VW-Abgasskandal | Stadt Wolfsburg
Ressorts:

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