Kohle
20.04.2016

Worauf die Käufer von Vattenfalls Braunkohle wetten

Foto: Vattenfall
Jänschwalde ist das größte Braunkohlekraftwerk in der Lausitz.

Der tschechische Energieversorger EPH soll die Braunkohlekraftwerke von Vattenfall übernehmen. Ob die neuen Eigentümer mit den notleidenden Meilern in den nächsten Jahren überhaupt Geld einfahren, hängt von vielen Faktoren ab. Ein Überblick.

 

Anzeige

Die größte Überraschung des Deals zwischen Vattenfall und EPH war der Kaufpreis für die vier Kraftwerke und fünf Tagebaue. Für den Erwerb zahlen die Tschechen nicht etwa Geld an den schwedischen Staatskonzern, sie erhalten umgekehrt von Vattenfall 1,7 Milliarden Euro in bar.

 

Greenpeace lag doch nicht daneben

Noch im Oktober waren die Umweltschützer von Greenpeace dafür belächelt worden, dass sie Vattenfalls Braunkohlesparte übernehmen und für die Stilllegung der Kraftwerke und Renaturierung der Tagebaue zwei Milliarden Euro haben wollten – zusätzlich zu bereits verbuchten Rückstellungen in gleicher Höhe. Nun hat EPH eine ähnlich hohe Summe ausgehandelt.

Anzeige

Im Gegensatz zu Greenpeace hat der neue Eigner aus Prag angekündigt, die Kraftwerke weiterbetreiben zu wollen. Aktuell ist bei sensationell niedrigen Strompreisen um die 20 Euro pro Megawattstunde allerdings zweifelhaft, ob mit der Braunkohleverstromung überhaupt noch Gewinne erwirtschaftet werden. EPH hatte gegenüber mehreren Medien angekündigt, das Unternehmen setze auf wieder anziehende Preise – spätestens wenn bis 2022 nach und nach die letzten Atomkraftwerk in Deutschland vom Netz gehen.

 

Erst 2020 werden die Karten neu gemischt

Mit den Barmitteln von 1,7 Milliarden Euro könnten die Tschechen durchaus einige Jahre niedriger Strompreise ohne Bauchschmerzen überstehen. Das legt eine Studie des Berliner Beratungsunternehmens Energy Brainpool für Greenpeace vom vergangenen Herbst nahe. Die Analysten hatten in einem Szenario mit niedrigen Energiepreisen errechnet, wie viel ein Anleger bis 2020 an hypothetischem Verlust machen würde, wenn er sein Geld nicht am Kapitalmarkt verzinsen lässt, sondern stattdessen in Vattenfalls Braunkohlesparte investiert. Ergebnis: 1,44 Milliarden Euro.

Wie es nach 2020 weitergeht, hängt allerdings von mehreren Unbekannten ab:

 

  • - Erzeugungskapazitäten: In Deutschland sind noch neun Kernkraftwerksblöcke mit einer Gesamtleistung von über zwölf Gigawatt aktiv. Das ist zwar eine beachtliche Größe, doch angesichts großer Überkapazitäten schätzen Analysten den Effekt auf den Strompreis trotzdem eher gering ein. Um zwei bis vier Euro dürfte sich die Megawattstunde verteuern, weit in die Gewinnzone drücken würde das Braunkohlekraftwerke voraussichtlich nicht. Zudem schreitet der Ausbau der erneuerbaren Energien immer weiter voran, konventionelle Kraftwerke werden deshalb an immer weniger Stunden pro Jahr laufen.

     

  • - Weltkohlepreis: Den Strompreis bestimmen in Deutschland häufig Steinkohlekraftwerke. Deshalb hängen auch die Erlöse von Braunkohlemeilern vom globalen Preis für Steinkohle ab. Über die Hälfte der Nachfrage vereint China auf sich. Dort hat sich das Wachstum bis zum vergangenen Jahr gegenüber 2007 halbiert. Bis 2018 rechnet die Weltbank mit einem weiteren, wenn auch leichten Wachstumsrückgang.

     

  • - CO2-Preis: In den Strompreis kalkulieren die Erzeuger auch die Kosten für Verschmutzungsrechte ein. Die bewegen sich zwar seit Jahren auf niedrigem Niveau. Bis 2020 rechnen Analysten allerdings immerhin mit einer Verdopplung auf 13 Euro pro Tonne Kohlendioxid, zeigt eine Übersicht von Carbon Pulse. Braunkohle ist von einem Anstieg der CO2-Preise von allen Energieträgern am stärksten betroffen.

     

  • - Klimapolitik: In den Jahren nach 2020 müsste es zudem nach und nach drastisch teurer werden, noch Treibhausgase in die Luft zu pusten. Anders werden die Regierungen ihr im vergangenen Jahr in Paris beschlossenes Ziel nicht erreichen, den globalen Temperaturanstieg auf 1,5 Grad zu begrenzen.

     

Langfristig spricht also wenig dafür, dass die Anlagen gewinnbringend betrieben werden können. Einziger Ausweg für EPH: Die Politik beschließt Prämien für fossile Kraftwerke, damit sie die schwankende Produktion von Wind- und Solarstrom absichern. Ob die deutschen Wähler für diesen Zweck allerdings ausgerechnet die besonders schmutzige Braunkohle akzeptieren, wird sich jede künftige Regierung gut überlegen.

Manuel Berkel
Keywords:
Braunkohle | Vattenfall | EPH | Kapazitätsmarkt | Klimapolitik | Sachsen | Emissionen
Ressorts:
Governance | Markets

Neuen Kommentar schreiben

 

Newsletter bestellen – Wunschausgabe erhalten

Jetzt den wöchentlichen
Newsletter bizz energy weekly abonnieren
und eine Ausgabe
Ihrer Wahl kostenlos erhalten.

Hier geht es zur Aktion!

 
 

bizz energy Research

Energie, Digitalisierung und Mobilität.
Unsere Factsheets bieten visualisierte Daten, liefern Fakten und stellen Zusammenhänge zu den Top-Themen der Energiewende dar.


Mehr Informationen