Wasserstoffstrategie
10.06.2020

"Wumms" für sauberen Brennstoff

Foto: Istock
Die Vision der Ökostrombranche: Per gespeichertem Wasserstoff wird die schwankende Erzeugung von Wind und Sonne ausgeglichen.

Mehrere Milliarden Euro aus dem Konjukturpaket machen es möglich: Die nationale Wasserstoffstrategie bekommt "Wumms".

Auf eine Stufe mit dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz (EEG) stellt Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) die heute verabschiedete Wasserstoffstrategie. Wasserstoff sei der „saubere Brennstoff der Zukunft“, sagte er nach dem Kabinettsbeschluss. Das sei ein "Quantensprung" und damit werde es gelingen, den Klimaschutz auf eine neue Stufe zu heben.

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Zweifellos können die Befürworter von Wasserstoff den bislang größten Erfolg innerhalb des 130-Milliarden-Konjunkturpakets der Bundesregierung für sich verbuchen. Sieben Milliarden Euro davon sollen für den "Markthochlauf von Wasserstofftechnologien in Deutschland" und weitere zwei Milliarden für "internationale Partnerschaften" bereitgestellt werden, heißt es im Konjunkturpapier und nunmehr ziemlich wortgleich in der Nationalen Wasserstoffstrategie.

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Die Gipfel-Einigung beendete eine monatelange Hängepartie um die Zukunft des Wasserstoffs. Der Streit, vor allem zwischen den Ressorts Wirtschaft, Forschung und Umwelt, wurde am Ende vor allem dank der neuen Milliarden aufgelöst. An die Auseinandersetzung wollte heute keiner der drei Ressortminister so recht erinnern. Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU) sagte etwas über "lange Diskussionen" und "harte Arbeit".

Grüner Wasserstoff steht nun im Vordergrund

Der Streit um die Strategie lohnte sich aber offensichtlich: Im Vergleich zum ersten Strategie-Entwurf aus dem Wirtschaftsministerium von Anfang Februar kommt die jetzt verabschiedete Strategie deutlich grüner daher.

So spielte im Ursprungsentwurf der grüne Wasserstoff eher eine Nebenrolle, jetzt steht der mithilfe von Ökostrom hergestellte Energieträger klar im Vordergrund. Aus Sicht der Bundesregierung, heißt es nun im Entwurf, ist nur solcher Wasserstoff "auf Dauer nachhaltig", der auf Basis erneuerbarer Energien hergestellt wird.

Diese Schwerpunktverschiebung rechnet sich vor allem Bundesumweltministerin Svenja Schulze heute an. Dafür habe sie sich stark gemacht. "Gut für das Klima ist nur Wasserstoff aus hundertprozentig erneuerbarer Erzeugung", betonte sie selbst und warb für zusätzlichen Windstrom.

Der bisher gerade vom Wirtschaftsministerium aufs Schild gehobene "blaue" Wasserstoff – meist aus Erdgas hergestellt, gekoppelt mit CCS – kommt eher beiläufig in den Markt. Die Regierung gehe davon aus, dass sich in den nächsten zehn Jahren ein globaler und europäischer Wasserstoffmarkt herausbildet. Auf diesem Markt werde auch CO2-neutraler – "blauer" oder "türkiser" – Wasserstoff gehandelt werden und deswegen auch in Deutschland eine Rolle spielen.

Kein "blauer" Wasserstoff aus Deutschland

Damit zeichnet sich auch ab, dass die Bundesregierung sich von der Idee, in Deutschland selbst "blauen" Wasserstoff herzustellen, weitgehend verabschiedet hat. Die Vorstellung, man würde zum Beispiel aus Norwegen Erdgas importieren, daraus hier "blauen" Wasserstoff gewinnen und das abgespaltene CO2 wieder in Richtung Norwegen schaffen und dort in leere Erdgasfelder versenken, klingt auch nicht sehr ökonomisch. Das können die Skandinavier selbst alles viel effizienter tun und gleich den "blauen" Wasserstoff liefern.

Dank der zusätzlichen Milliarden wurde im Entwurf nun auch die geplante Kapazität von Elektrolyseuren aufgestockt – zu den bisher vorgesehenen bis zu 5.000 Megawatt bis 2030 sollen bis 2035, aber "spätestens bis 2040" weitere 5.000 Megawatt hinzukommen. In Zahlen geht die jetzige Planung aber weiter davon aus, dass 2030 der deutsche Wasserstoff-Bedarf bei 90 bis 110 Terawattstunden liegen wird.

Davon sollen, auch dies eine unveränderte Zahl, in Deutschland laut dem Papier nur 14 Terawattstunden selbst erzeugt werden. Trotz des erhöhten eigenen Ausbaus geht die Regierung weiter davon aus, dass der größte Teil des Wasserstoffs importiert wird. Aber auch hier sind die Schwerpunkte verschoben: Nicht mehr Regionen wie Nordafrika oder der Nahe Osten stehen im Fokus, sondern es wird erst einmal auf die europäischen Potenziale verwiesen.

Die EU, heißt es, verfüge über "einige ertragreiche Standorte" für erneuerbaren Strom. Dazu wolle man mit anderen EU-Staaten zusammenarbeiten, besonders in der Nord- und Ostseeregion, aber auch in Südeuropa. Dabei komme der Offshore-Windkraft eine besondere Rolle zu.

Dahinter steht unter anderem das sich langsam herumsprechende Konzept sogenannter Wasserstoff-Inseln. Die sollen, umgeben von einem großen Windpark, den Wind auf See ausschließlich dazu nutzen, um grünen Wasserstoff in rauen Mengen zu erzeugen – und diesen dann gleich an Land liefern.

Keine EEG-Umlage für grünen Wasserstoff

Die Strategie zielt auch darauf ab, bei der Anwendung mehr in die Breite zu kommen. Wasserstoff soll ausdrücklich auch genutzt werden, um strombasierte Kraftstoffe, sogenannte E-Fuels, herzustellen.

Raffinerien, die das tun, sollen sich die Herstellung solcher Kraftstoffe sogar emissionsmindernd anrechnen können. Und es findet sich in der Strategie sogar der Vorschlag zu einer (Beimischungs-)Quote für strombasiertes Flugzeugkerosin – 2030 sollen solche Power-to-Liquid-Kraftstoffe mindestens einen Anteil von zwei Prozent am Flugzeugkraftstoff haben.

Ein letzter entscheidender Punkt, der aus dem Konjunkturpaket praktisch direkt in die Wasserstoffstrategie wanderte, ist die Befreiung der Erzeugung des grünen Wasserstoffs von der EEG-Umlage.

Größter Schwachpunkt: fehlendes Wachstums bei grünem Strom

Warum diese Jahre alte Forderung der Branche wie auch der norddeutschen Länder jetzt von der Koalition endlich aufgegriffen wurde, liegt ebenfalls am Konjunkturpaket. Dort sollen im kommenden Jahr zunächst bis zu elf Milliarden Euro aus dem Bundeshaushalt aufgebracht werden, um die EEG-Umlage zu senken.

Entscheidend für den Wasserstoff ist dabei nicht die Umlagesenkung. Mit dem Zuschuss aus dem Bundeshaushalt ändert sich in den Augen derjenigen in der Regierung, die eine Bevorzugung von Wasserstoff über gesenkte Umlagen bisher ablehnten, die Förderlogik des EEG. Dadurch werde der "Markthochlauf" des grünen Wasserstoffs ja nicht mehr von den Stromkunden bezahlt, sondern direkt von den Steuerzahlern – im Sinne einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe also, während die EEG-Umlage eben nur dazu da sei, die Ökostromerzeugung zu fördern und nicht irgendwelche Industrien.

Größter Schwachpunkt der Strategie ist offenkundig das fehlende parallele Wachstums beim grünen Strom. "Der momentane Ausbaupfad reicht nicht einmal aus, um das zu schwache Ökostromziel der Bundesregierung bis 2030 zu erreichen. Wenn zusätzlich noch Wasserstoff erzeugt werden soll, muss Deutschland beim Erneuerbaren-Ausbau nun kräftig auf die Tube drücken", kritisiert der Chef des Umweltdachverbandes DNR, Kai Niebert.

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Jörg Staude
Keywords:
grüner Wasserstoff | Ökostrom | Klimaschutz
Ressorts:
 

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