In der Nacht haben sich schwere Sommergewitter über Deutschland entladen. Feuerwehr und Technisches Hilfswerk räumen vielerorts die Straßen von entwurzelten Bäumen frei und pumpen Keller leer. Availon-Chef Ulrich Schomakers ist von einer leichten Unruhe erfasst, als er an diesem Morgen zur Arbeit am Firmensitz in Rheine an der Ems fährt. Ein kurzer Besuch in den Werkstätten der Firma lässt ihn aufatmen, es herrscht wie immer routinierte Betriebsamkeit: „Eigentlich bräuchte ich mir wegen Blitzen und Stürmen keine Sorgen machen. Unsere Anlagen können das locker ab“, sagt Schomakers mit Blick auf jene Windenergieanlagen, deren Flügelspitzen fast 200 Meter hoch in den Himmel greifen. Seine Firma betreut im Kundenauftrag über 1.500 dieser Riesen, die zusammen eine Leistung von über 2.000 Megawatt (MW) erbringen.

160 Kilometer nordöstlich in Bremen ist die Situation an diesem Morgen ähnlich. Dort sitzt Availon-Konkurrent Deutsche Windtechnik. Deren Vorstand Matthias Brandt sagt ganz entspannt: „Umgeknickte Windenergieanlagen, geborstene Flügel, nach Blitzschlag ausgebrannte Kanzeln sind selten geworden.“ 

Schomakers und Brandt sind die Chefs der beiden größten deutschen herstellerunabhängigen Windkraft-Servicefirmen. Dieser Markt wächst jedes Jahr rund 20 Prozent, beide Unternehmen schaffen es sogar, ihren Umsatz um rund 30 Prozent zu steigern. Schomakers und Brandt kennen sich, pflegen freundlichen Umgang und kommen sich geschäftlich nicht wirklich in die Quere. Der Markt ist eben groß genug, inzwischen sogar für ein gutes Dutzend mittelständischer Servicefirmen allein in Deutschland. Analysten sehen den europaweiten Umsatz im Wind-Servicegeschäft bis 2020 auf acht Milliarden Euro steigen; weltweit werden sogar 27 Milliarden Euro prognostiziert.

Gegenwind kommt aber von etablierten Konzernen wie Siemens, Vestas und General Electric (GE). So lässt Stephan Reimelt, Deutschland-Chef von GE Energy, keinen Zweifel, dass er das attraktive Geschäftsfeld selbst besetzen will, anstatt es unabhängigen Mittelständlern zu überlassen. Anders als der durch konjunkturelle und politische Zyklen geprägte Anlagenverkauf garantiert der Service kontinuierliche, planbare Einnahmen. Wartung und Instandhaltung einer Windenergieanlage belaufen sich bei 20-jähriger Betriebsdauer auf etwa 60 bis 70 Prozent des Verkaufserlöses. Schon in ein paar Jahren werden es nach GE-Prognose sogar mehr als 100 Prozent sein. „Wir verkaufen heute kaum noch eine Anlage ohne langfristigen Servicevertrag“, sagt Reimelt im Gespräch mit BIZZ energy today. Und mit Blick auf die mittelständische Konkurrenz setzt er noch einen drauf : „Wir werden massiv gegen Unternehmen vorgehen, die sich an unserer Software und unserem Know-how vergreifen, um unsere Anlagen angeblich zu verbessern.“ Für die herstellerunabhängigen Servicefirmen hat Reimelt eine düstere Prognose parat: „Es wird wie beim Auto kommen: Da findet sich heute schon so viel herstellerspezifisches Know-how unter der Haube, dass jede Fremdwerkstatt den Deckel sofort wieder zuwirft.“ 

So viel Schärfe hörte man früher nicht. Anlagenhersteller wie Gamesa, GE, Nordex, Siemens oder Vestas überließen im vergangenen Jahrzehnt den Service älterer Anlagen gerne den Mittelständlern. Warum teure Ingenieure mit alten Anlagen beschäftigen, wenn Neuentwicklungen für den Geschäftserfolg entscheidend sind? So lautete damals das Credo der Hersteller. Das öffnete den Servicefirmen Tür und Tor. Viele arbeiteten direkt im Auftrag der Hersteller, tauschten dabei Erfahrungen und Daten aus. Aber das ist Geschichte. 

Heute sind in Deutschland zudem Vollwartungsverträge stark gefragt. Diese garantieren dem Kunden, dass seine Anlagen 97 Prozent des Jahres betriebsbereit sind. Je nach Vertrag können auch alle Kosten, die bei Wartung und Instandhaltung anfallen, auf den Serviceanbieter abgewälzt werden. Solche vollkaskoähnlichen Verträge sind teuer, aber bei risikoaversen Finanzinvestoren gefragt. Und die geben in der Windbranche zunehmend den Ton an. „Uns geht es um eine zuverlässig kalkulierbare Rendite und nicht um theoretisch denkbare Maximalrenditen“, sagt Frank Grafe, der bei der Hamburger Beteiligungsgesellschaft CEE für Wind-, Solar- und Biomasseanlagen verantwortlich ist. Auch Banken legen Wert darauf, dass die Kreditnehmer ihre Anlagen mit einem Vollwartungsvertrag absichern, wie Grafe erläutert: „Kreditlaufzeit und Vollwartungsvertrag sind zeitlich meist aufeinander abgestimmt.“ 

Selbst die staatliche Förderbank KfW pocht auf diese Art der Risikoabschirmung. Ihre Exporttochter KfW-IPEX fianziert seitdem Sommer einen britischen Windpark in East Lancashire mit rund 70 Millionen Euro. Wesentliche Kreditvoraussetzung war, dass der Hamburger Windenergieanlagenhersteller Senvion über 20 Jahre die volle Verfügbarkeit seiner Anlagen garantiert. Geht etwas schief, steht Senvion dafür gerade, die KfW muss also nicht um die Zahlungsfähigkeit ihres Kreditnehmers Infrared Capital Partners bangen. 

Hersteller und unabhängige Serviceanbieter buhlen beide um diese lukrativen, langlaufenden Vollwartungsverträge. Rund zwei Drittel aller Anlagen werden heute in Deutschland vom Hersteller gewartet und instand gehalten und nur ein Drittel von unabhängigen Anbietern, schätzt Availon-Chef Schomakers. Er glaubt aber auch: „In ein paar Jahren wird jede zweite Anlage von einem Independent Service Provider betreut.“ Gerade bei Anlagen, die zehn Jahre oder älter seien, entschieden sich bereits heute über die Hälfte der Eigentümer für einen unabhängigen Serviceanbieter. So lässt zum Beispiel die dänische Betreibergesellschaft Momentum Gruppen das Gros ihrer über 100 deutschen Windenergieanlagen von unabhängigen Serviceanbietern betreuen. Unternehmenschef Kim Madsen begründet das mit günstigen Preisen, individuellen Vertragsklauseln und kurzen Kommunikationswegen: „Wenn wir anrufen, muss jemand den Hörer abnehmen und die Dinge regeln – und zwar sofort.“ 

Trotzdem können Hersteller den Servicemarkt vor Dritten abschirmen. Das zeigt etwa der deutsche Marktführer Enercon, von dem jede zweite hierzulande installierte Windmühle stammt. Das Unternehmen aus Aurich entwickelt und produziert fast alle Anlagenkomponenten selbst, während andere Hersteller auf weltmarktgängige und damit kostengünstige Bauteile setzen. Ersatzteile für Enercon-Anlagen sind daher nur bei Enercon zu bekommen. Das entzieht unabhängigen Serviceunternehmen von vornherein das Geschäft mit günstigen Ersatzteilen. „Enercon betreut bis heute rund 90 Prozent der ausgelieferten Anlagen selbst“, sagt Volker Kendziorra, Geschäftsführer von Enercon Service Deutschland. 

Während ein hoher Anteil an Eigenfertigung ein zulässiges Mittel ist, unabhängige Serviceunternehmen auf Distanz zu halten, ist die Zurückhaltung von Schaltplänen, Servicedaten über Austauschintervalle, Füllmengen, Verschleißgrenzen, mechanische Toleranzen oder notwendiges Spezial- und Prüfwerkzeug wettbewerbsrechtlich höchst fragwürdig.

„Wenn jemand eine Gasturbine bestellt, bekommt er einen Schrank voller Informationen dazu. Kauft man beim gleichen Hersteller eine Windenergieanlage, findet man oft nur ein schmales Serviceheft vor“, beschreibt Ulrich Langnickel vom VGB Powertech in Essen die Situation. Der Fachverband der Kraftwerksbetreiber, hinter dem unter anderem Konzerne wie Eon, RWE, EnBW stehen, hat bereits über 200 allgemein akzeptierte Standards für die Kraftwerkstechnik entwickelt. Die Anforderungen an die Dokumentation von thermischen Kraftwerken, die den Informationsaustausch zwischen Anlagenbetreibern und Herstellern regeln, wurden 2003 detailliert festgelegt. Die Windenergieanlagenbauer galten damals als zu unbedeutend, um sie in die Richtlinie einzuschließen. Nun informiert jeder nach eigenem Gutdünken.

Überregionale Versorger und große Stadtwerke haben darauf reagiert. Für sie ist es selbstverständlich, dass sie sich um ihre Kraftwerke selbst kümmern. Sie sehen es daher nicht ein, dass dies bei Windenergieanlagen anders sein sollte. Als Großkunden treten sie gegenüber Siemens, GE, Gamesa, Vestas und Co. entsprechend selbstbewusst auf und schreiben haarklein in die Kaufverträge hinein, welche Unterlagen auszuhändigen sind. Bürgerwindparks und weniger erfahrene Investoren stehen dagegen nach Ablauf der zweijährigen Herstellergarantie oft mit leeren Händen da. Wenn sich kein unabhängiger Serviceanbieter findet, sind sie auf Gedeih und Verderb den Servicepreisen der Hersteller ausgeliefert.

Solche Methoden erinnern an die Informationsblockade der Autohersteller gegenüber freien Autowerkstätten in Europa, die erst durch die Intervention der EU-Wettbewerbsbehörde gelöst wurde. Auch die aktuellen Probleme im Windanlagenmarkt sind den Wettbewerbshütern wohl bekannt, wie das Bundeskartellamt und das Büro des EU-Wettbewerbskommissars Joaquín Almunia gegenüber Bizz energy today bestätigen. Allein: Bislang liegen keine offiziellen Beschwerden vor. 

Kein Wunder: Selbst Branchengrößen wie Availon und Deutsche Windtechnik wagen nicht den offenen Konflikt. Ein Rechtsstreit auf Herausgabe von technischen Daten kann Jahre dauern, ist vom Ergebnis her ungewiss und hinterlässt mit Sicherheit ein zerrüttetes Verhältnis. Deutsche Windtechnik-Chef Brandt resümiert: „Da gehen wir lieber hin und erarbeiten uns die Unterlagen für Wartung und Instandhaltung selbst.“

 

 

Eine Frage der Dokumentation

Es ist ein teures und zeitaufwendiges Verfahren: Um die Dokumentation für eine neue Windenergieanlage zu erarbeiten, sitzen schon mal mehrere Ingenieure und Techniker über ein Jahr zusammen. „Danach wissen wir oft mehr über den Anlagentyp und seine Schwachstellen als der Hersteller“, sagt Olaf Kleesch, der das Availon-Kompetenzzentrum leitet. Für die selbsterstellten Dokumentationen treten die unabhängigen Serviceanbieter mit mehreren 100.000 Euro in Vorlage, bevor der erste Kunde gefunden ist. Doch je komplexer die Anlagen, desto weniger Mittelständler werden sich diesen Aufwand leisten können. „Die mittelständische Wettbewerbskultur unserer Branche wird durch die restriktive Informationspolitik der Anlagenhersteller letztlich zerstört“, befürchtet Kleesch. Viele kleine Unternehmen werden in den nächsten Jahren nur noch als Subunternehmer der Hersteller überleben oder sie werden von den Branchenführern übernommen. Doch wo kein Kläger, da kein Richter, um der Marktkonsolidierung etwas entgegenzusetzen.

Hoffnung kommt von anderer Seite: Ähnlich wie der VGB in Essen arbeitet die Fördergesellschaft Windenergie (FGW) in Berlin an einem Interessenausgleich. Anfang April dieses Jahres traf sich dort erstmals ein Arbeitskreis mit Vertretern der Hersteller, Betreiber und Serviceanbieter von Windenergieanlagen sowie Juristen und Wissenschaftlern.

Arbeitskreissprecher Lutz Fiedler ist zuversichtlich, dass man binnen zwei Jahren zu allgemein akzeptierten Richtlinien für die Anlagendokumentation finden wird. Fiedlers Arbeitgeber, der Rüstungskonzern Rheinmetall, wäre darüber sicher hocherfreut. Dessen Tochter Rheinmetall Technical Publications schreibt nämlich nicht nur Handbücher für Kriegsgerät, sondern vor allem auch für andere wartungsintensive Gerätschaften wie Schiffe, Flugzeuge, Kraftwerke und vieles mehr. Handbücher für Windenergieanlagen wären jedenfalls ein nettes Zusatzgeschäft.

Aber das sei nicht der Hauptgrund, meint Fiedler: „Wir finden besser gemeinsam eine Einigung, als dass andere über unsere Köpfe hinweg eine Lösung erzwingen.“ Denn auch in anderen europäischen Ländern und den USA brüten Experten an Dokumentationsstandards. Und wer zuerst eine vernünftige Lösung findet, hat beste Chancen, diesen als internationalen Standard durchzusetzen.