Umfrage unter Netzbetreibern
31.07.2014

Zentrale Steuerung kleiner Solaranlagen überflüssig

depositphotos

Die Verbraucherzentrale NRW hat die dortigen Stromnetzbetreiber befragt. Das überraschende Ergebnis: Das von der Bundesregierung geplante Einspeisemanagement kleiner Anlagen ist unnötig – und kontraproduktiv.

Betreiber von kleinen Solaranlagen mussten in den vergangenen Jahren nicht nur herbe Einschnitte bei der Förderung durch das EEG hinnehmen, zusätzliche technische Anforderungen machen ihnen ebenfalls zu schaffen. Insbesondere müssen sie seit 2012 eine Steuerungsanlage für ihre Anlage einbauen, über die der Netzbetreiber im Notfall eingreifen kann, oder eine Drosselung auf 70 Prozent der Maximalleistung hinnehmen. Bald soll noch eine weitere Vorschrift hinzukommen: Auch kleinste Grünstrom-Kraftwerke ab einer Leistung von 250 Watt sollen laut dem Roll-Out-Plan des Bundeswirtschaftsministeriums einen Smart Meter installieren lassen, also einen elektronischen Stromzähler, der die Anlagen gleichzeitig regeln kann. Doch diese Vorschriften sind überflüssig. Das zeigt eine Umfrage der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen unter Netzbetreibern, die BIZZ energy today vorliegt. In Deutschland gibt es derzeit etwa 700.000 kleinere Solaranlagen, hinzu kommen aber noch viele weitere Anlagen, die unter die Regeln fallen würden, zum Beispiel Wärmepumpen und kleine Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen. 

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Im Rahmen der Umfrage antworteten 85 Prozent der Netzbetreiber, dass sie das Einspeisemanagement mit Kleinstanlagen entweder garnicht oder nur langfristig für erforderlich halten. 8,5 Prozent sehen mittelfristig einen Bedarf, der Rest machte keine Angaben. Verbraucherzentralen-Energieexperte Udo Sieverding sagte zu dem Ergebnis, dass offensichtlich geworden sei, dass es sich bei den Vorgaben in erster Linie um eine völlig überflüssige Gängelung“ von Verbrauchern handle, die Strom selbst erzeugten. Die Verbraucherzentrale befragte 90 Netzbetreiber in Nordrhein-Westfalen. 87 Prozent können Kleinstanlagen technisch regeln.

Die Verbraucherzentrale NRW beklagt, dass der Infrastrukturausbau nicht nur von den entscheidenden Akteuren, den Netzbetreibern, als unnötig angesehen wird, sondern obendrein auch noch unkoordiniert stattfindet. Beim Einspeisemanagement setzen fast drei Viertel der Netzbetreiber aber auf die sogenannte Funk-Rundsteuerung, wie sie auch vom Gesetzgeber ursprünglich empfohlen wurde. Acht Prozent bauen schon jetzt auf Smart-Meter in Eigenregie, und der Rest setzt Tonfrequenz-Steuerungen ein. Verbraucherzentralen-Rechtsexperte Holger Schneidewindt fürchtet, dass die Funk- und Tonfrequenzsteuerung bald unnütz ist.

Die Besitzer kommt es dann womöglich doppelt teuer: Schon der Pflicht-Einbau einer Funkrundsteuerung kostet laut der Umfrage im Schnitt etwa 350 Euro. Die Preise weichen je nach Netzbetreiber stark voneinander ab. Diese Investitionskosten wären beim späteren Einbau eines Smart Meter dann umsonst. „Die Verbraucher und auch die Netzbetreiber werden also in eine nicht zukunftsträchtige Technik getrieben“, sagt Schneidewindt.

Die Komplexität der Vorschriften und die Belastung mit Abgaben für Verbraucher kann aus Sicht der Verbraucherzentrale NRW Verbraucher davon abhalten, in kleine Grünstromanlagen zu investieren. Die Regeln sind aus unserer Sicht deshalb ausgesprochen energiewendefeindlich, sagt Energieexperte Sieverding. Die Verbraucherorganisation fordert deshalb von der Bundesregierung, sowohl beim Einspeisemanagement als auch bei den Smart-Meter-Vorschriften kleine Anlagen völlig auszunehmen. Zumindest bis zehn Kilowatt Leistung, möglicherweise aber sogar bis 30 Kilowatt Leistung gebe es keine Notwendigkeit für eine Fernsteuerung durch den Netzbetreiber, so Sieverding. Auch bei der flächendeckenden Einführung von Smart Metern sei es nicht nötig, Betreiber von kleinen Grünstromanlagen besonders in die Pflicht zu nehmen. Schon die jetzige Regelung, nach der ab sieben Kilowatt Leistung ein Smart Meter zusammen mit einer neuen Solaranlage eingebaut werden muss, sei überzogen. Sinkt die Grenze aber wie vom Wirtschaftsministerium vorgeschlagen auf unter ein Kilowatt, wird mit Kanonen auf Spatzen geschossen, kritisiert Sieverding. Laut Verbraucherzentrale NRW könnte sich zwar insbesondere in Süddeutschland, wo besonders viele kleine Solaranlagen installiert sind, die Situation etwas anders darstellen, dort könnte die Regelbarkeit wichtiger sein. Dann müssen dort aber regionale Lösungen gefunden werden, so Sieverding. Deutschlandweit sollte man hingegen darauf schauen, was für alle Sinn macht und tragbar ist.

Hintergrund ist, dass die Bundesregierung im vergangenen Sommer eine Studie zum Roll-Out von Smart Metern vorgestellt hatte, in der diese Regel empfohlen wird. An einer Vorschrift wird allerdings noch gearbeitet. Die EU-Kommission forciert über eine Direktive den Einbau von intelligenten Stromzählern und macht in Berlin Druck, einen Installationsplan fertigzustellen.

 

 

Jakob Schlandt
Keywords:
Smart Meter | Photovoltaik | Solarenergie
Ressorts:
Governance | Technology | Markets

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