Warum die Kernenergie Wieder Aktuell Geworden Ist

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Der Unfall im japanischen Kernkraftwerk Fukushima-1 im Jahr 2011 war eine der schwersten vom Menschen verursachten Katastrophen des 21. Jahrhunderts. Die radioaktive Kontamination zwang mehr als 150.000 Menschen, die betroffene Region des Landes zu verlassen. Dieses Ereignis war ein Wendepunkt: Unter dem Druck der öffentlichen Meinung und vor dem Hintergrund von Zweifeln an der Sicherheit bestehender Kernkraftwerke begannen die Regierungen vieler Länder, ihre Haltung gegenüber der Kernenergie zu überdenken.

So beschlossen die Schweiz und Deutschland den schrittweisen Ausstieg aus der Kernenergie. Belgien, Taiwan und andere Länder bekräftigten ebenfalls ihre Absicht, den Betrieb ihrer Kernkraftwerke einzustellen. Doch fast 15 Jahre nach Fukushima begann das Interesse an der Kernenergie wieder zu steigen. Es werden neue Kernkraftwerke gebaut, und viele Regierungen, darunter auch die japanische, planen die Wiederaufnahme friedlicher Atomprogramme.

Warum überdenken viele Länder ihre Haltung zur Kernenergie?

So plant die Europäische Kommission, bis Ende 2027 vollständig auf russische Gaslieferungen zu verzichten. Ein weiterer Faktor ist der schnell steigende Stromverbrauch. Elektroautos, Wärmepumpen, Rechenzentren, künstliche Intelligenz – all diese Technologien benötigen immer mehr Energie, und erneuerbare Energiequellen sind nicht immer in der Lage, eine stabile Versorgung zu gewährleisten.

Vor diesem Hintergrund wird die Suche nach kohlenstoffarmen Energielösungen zu einer Priorität. Im Gegensatz zu fossilen Brennstoffen verursacht Atomenergie praktisch keine Kohlendioxidemissionen. Die Internationale Energieagentur bezeichnet sie als „Schlüsselelement der globalen Dekarbonisierungsstrategie“. Nach Angaben der Schweizerischen Akademie der Naturwissenschaften (SCNAT) benötigt die Kernenergie vergleichsweise wenig Ressourcen und Platz, arbeitet unabhängig von den Wetterbedingungen zuverlässig und sorgt für einen geringen CO2-Fußabdruck pro erzeugter Kilowattstunde.

Wo gibt es Kernkraftwerke?

Im Juni 2025 wird in 32 Ländern – also etwa jedem sechsten Land der Welt – zumindest ein Teil der Elektrizität in Kernkraftwerken erzeugt. Nach Angaben der World Nuclear Association (WNA) sind derzeit weltweit 439 Reaktoren in Betrieb. Fast die Hälfte davon befindet sich in den Vereinigten Staaten, Frankreich und China. In der Schweiz gibt es drei Kernkraftwerke mit insgesamt vier Reaktoren (Betznau I und II, Gösgen und Leibstadt). Im Jahr 2024 erzeugten sie 23 Terawattstunden Strom, was 28 % der gesamten nationalen Stromerzeugung entsprach.

Welche Länder bauen neue Kernkraftwerke?

Laut Angaben der WNA bauen derzeit 24 Länder weltweit neue Reaktoren oder haben dies geplant. Allein in China sollen in den nächsten 15 Jahren 76 neue Kraftwerksblöcke in Betrieb genommen werden. Ägypten, die Türkei und Bangladesch bauen ihre ersten Kernkraftwerke. Rund 30 Länder – darunter die USA, Großbritannien und Frankreich – beabsichtigen im Rahmen ihrer Verpflichtungen zur Erreichung der Klimaneutralität, ihre Kernkraftkapazitäten bis 2050 zu verdreifachen.

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Entwicklungsländer in Asien und Afrika, wie Ruanda und Nigeria, betrachten die Kernenergie ebenfalls als Mittel zur Diversifizierung ihrer Energiequellen und zum Ausbau ihres Energiepotenzials. Die ehrgeizigen Klimaziele der Europäischen Union haben auch einige Länder, die zuvor auf Kernenergie verzichtet hatten, dazu veranlasst, ihre Position zu überdenken.

Im Mai 2025 hat Belgien seinen zuvor beschlossenen Plan zum schrittweisen Ausstieg aus der Kernenergie offiziell aufgehoben. Deutschland hat seine letzten Reaktoren 2023 stillgelegt, aber die neue Regierung unter Friedrich Merz könnte die Rückkehr zur Kernenergie erneut zur Diskussion stellen. Dänemark hat mit der Analyse der möglichen Vorteile moderner Nukleartechnologien begonnen und erwägt die Aufhebung des seit rund vierzig Jahren geltenden Verbots des Baus neuer Kernkraftwerke.

Wie die SCNAT feststellt, sind moderne Kernkraftwerke, die hauptsächlich zur sogenannten „dritten Generation” gehören, etwa 10- bis 100-mal sicherer als Reaktoren der „zweiten Generation”. Solche Anlagen sind in der Lage, auch bei Ausfall der externen Stromversorgung eine automatische Kühlung zu gewährleisten, wobei gerade der Ausfall der Kühlsysteme die Ursache für den Unfall im Kraftwerk Fukushima war. Die in der Entwicklung befindlichen Reaktoren der „vierten Generation” werden alternative Brennstoffe verwenden, darunter Thorium und wiederaufbereitete Atommüll.

Als Wärmeträger sollen anstelle von Wasser Gase oder flüssige Metalle verwendet werden. Trotz ihrer technologischen Attraktivität befinden sich solche Anlagen noch im Prototypenstadium. Wie die SCNAT betont, bestehen sowohl in technischer Hinsicht als auch hinsichtlich der Rentabilität solcher Reaktoren weiterhin erhebliche Unsicherheiten. Experten betonen, dass die Gewährleistung der Sicherheit nicht nur eine Frage der Technologie ist. Eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung ist die Schaffung einer nachhaltigen Sicherheitskultur und die Stärkung der internationalen Zusammenarbeit zwischen unabhängigen Regulierungsbehörden.

Einige Wochen nach dem Unfall im Kernkraftwerk Fukushima stellte die Schweizer Regierung der Bevölkerung eine Energiestrategie für den Zeitraum bis 2050 vor, die die schrittweise Stilllegung bestehender Kernkraftwerke und ein Verbot des Baus neuer Anlagen vorsieht. Im Jahr 2017 wurde diese Strategie in einer Volksabstimmung bestätigt. Heute steht die Frage nach der Zukunft der Kernenergie jedoch wieder auf der politischen Tagesordnung.

Im Rahmen der Ausarbeitung eines Gegenentwurfs zur Volksinitiative „Jederzeit Strom für alle (Blackout stoppen) angekündigt, das die Zulassung aller Formen der klimafreundlichen Stromerzeugung fordert, die Absicht, das Bundesgesetz über die Kernenergie (Kernenergiegesetz / Loi sur l’énergie nucléaire) zu überarbeiten.

Ziel ist es, die Möglichkeit zum Bau neuer Kernkraftwerke zu erhalten, falls erneuerbare Energiequellen nicht ausreichen, um den objektiven Bedarf zu decken. „Ich hoffe, dass das Verbot der Nutzung von Atomenergie aus dem Bundesgesetz über die Kernenergie gestrichen wird”, erklärte Bundesrat (Minister) Albert Röschetti, der für das Energiedossier zuständig ist, am 8. Juli 2025.

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Laut einem Bericht des Energieforschungszentrums der ETH Zürich für das Jahr 2023 könnte die Kernenergie zu einem Element des künftigen Systems der Energieversorgungssicherheit mit null Emissionen werden. Der Zeitplan und die Kosten für den Bau neuer Kraftwerke in der Schweiz sind jedoch noch unklar. Nach Schätzungen der SCNAT wird der Bau eines neuen Kernkraftwerks mindestens acht Jahre dauern. Zum Vergleich: Der Bau des Kraftwerks Olkiluoto (Olkiluodon ydinvoimalaitos) in Finnland, das 2023 in Betrieb genommen wurde, dauerte mehr als 16 Jahre. Der Bau des Kernkraftwerks in der chinesischen Stadt Taishan, das von dem französischen Unternehmen Electricité de France errichtet wurde, dauerte neun Jahre.

Wie die SCNAT betont, wird dem Bau eines neuen Kernkraftwerks in der Schweiz zwangsläufig ein sehr langwieriger politischer Prozess vorausgehen. In einer direkten Demokratie kann das Projekt vom Volk in jeder Phase gestoppt werden. „Jede Entscheidung in dieser Frage ist mit einem hohen Maß an Unsicherheit verbunden – politisch, wirtschaftlich und technisch“, sagt Johan Markard von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Nach Einschätzung der SCNAT könnte das neue Kernkraftwerk selbst im günstigsten Fall frühestens 2050 an das Schweizer Stromnetz angeschlossen werden.